Glauben & Zweifeln

Zwischen Abseits und Jenseits - Keiner kommt an Gott vorbei

Martin Wrasmann Veröffentlicht am 22.06.2021
Zwischen Abseits und Jenseits - Keiner kommt an Gott vorbei

Martin Wrasmann blickt auf die Fußball-Europameisterschaft und meint: „Ein Leben ohne Gott ist wie Fußball ohne Ball.“

Foto: Çağla Canıdar

Die Fußball-Europameisterschaft zieht in diesen Tagen viele Menschen in ihren Bann. In den Bann gezogen fühle auch ich mich, weil es so viel Verbindendes gibt zwischen dem Fußball und dem Glauben. Ich glaube, wenn Jesus heute leben würde, hätte er auch Fußballgleichnisse erzählt. Denn immer wenn er Gleichnisse erzählt hat, hat er darauf geachtet, dass es klar, einfach und kurz ist und dass die Menschen es verstehen können. Das heißt, er hat die Inhalte der Gleichnisse aus der Lebenswelt der Leute genommen. Und die Lebenswelt von uns heute ist nicht mehr in erster Linie der Fischfang, sondern – zumindest in Tagen wie diesen – eher der Fußball. Dazu Dr. Markus Merk: „Das Kreuzzeichen ist mein ganz persönlicher Anpfiff, Ausdruck meines Glaubens, der mir Kraft gibt.“

Ich glaube, Jesus würde von den Eckfahnen des Glaubens sprechen, davon, dass es nicht klug ist, permanent Linien zu überschreiten und das Foulspiel harte Konsequenzen nach sich zieht. Und von der richtigen Mannschaftsaufstellung, die ins Finale führt, hätte er erzählt, und davon, dass jede und jeder seinen und ihren Platz im Spiel hat. Maria wäre in seinem Bild wahrscheinlich die Teammanagerin, die den Laden im Inneren zusammenhält. Von denen auf der Tribüne würde er erzählen, die auch schon zu seinen Zeiten nur zugeschaut haben, allenfalls unter Beteiligung mit geistbesparten Kommentaren. So lassen sich viele Vergleiche herstellen, wie mit dem Sechser vor der Abwehr, der alles abräumt, so einen oder gleich mehrere davon bräuchten die Kirchen, um sich von dem zu befreien, was sie alles an historischem und aktuellem Ballast mitschleppen. Ich glaube, Jesus hätte Spaß daran, Vergleiche zu ziehen wie damals – nur nicht in jener Zeit, sondern in dieser Zeit – und wir würden es gut verstehen. Bastian Schweinsteiger: „Ich glaube einfach, dass Gott mit im Spiel meines Lebens ist.“

Ebenso ließen sich die Rituale des Fußballs durch die Liturgie der Kirche bespiegeln: Der Einzug in Kirche und Stadion unter starkem Chor- und Fangesang, das Schwenken der Fahnen und Banner, der Kyrieruf und das Aufstöhnen der Fans bei vergebener Chance, das Fürbittgebet und die flehenden Rufe um Tore und Sieg, die Huldigungen gegenüber Gott, beziehungsweise Spielern.

Doch Vorsicht, nicht alles ist zu Vergleichen heranzuziehen. Man sollte den Fußball nicht zur Religion erklären, maximal König Fußball aber niemals Fußballgott. Denn, so Oliver Kahn: „Das mit dem Fußballgott ist Blödsinn, es gibt nur einen Gott, und der hat mit Fußball nichts zu tun.“ Es ist interessant – auch für mich als Theologe – nachzuforschen, warum Menschen, warum Fans diesen Ausdruck gebrauchen und was sie eigentlich damit verbinden: Ist es die Sehnsucht nach einer Macht, die direkt in unser Leben eingreift, die Wunder vollbringt? Oder dieses Gefühl, dass da jemand ist, der in meinem Sinn die Dinge zum Guten wendet? Jedenfalls eines ist klar: Weder Geld noch Gott schießen Tore. Und wenn es ihn gäbe, müsste man sagen, dass der Fußballgott ungerecht ist, sich parteiisch auf eine Seite schlägt, dass er launisch und widersprüchlich ist, dass er keine Option hat für Verlierer, dass er Menschen betrügt, weil er Hoffnungen stranden lässt. Johann Cruyff: „In Spanien bekreuzigen sich alle 22 Spieler vor jedem Spiel, würde das irgendwas bewirken, dann gingen danach alle Spiele grundsätzlich unentschieden aus.“

Wenngleich der Fußball auch eine Art religiöser Gefühle aufruft, und auch als quasi-religiöse Kraft erfahren werden kann, möchte ich als Christ einschreiten, wenn jemand anfängt, den Pfarrer zu bitten, er soll doch bitte einen Gottesdienst halten, damit die deutsche Nationalmannschaft gewinnt. Gott ist kein Erfüllungsgehilfe unserer Wünsche.

Der biblische Gott tickt grundlegend anders, er hat eine Option für die Verlierer:innen (selig die Armen, selig die Trauernden etc.). Gott steigt selber sozusagen in die 5., 6. oder 7. Liga hinab, also in den Stall von Bethlehem, ans Kreuz von Golgota, in die Wüste der Versuchung, um für uns die Orte zu öffnen, an denen wir ihn erfahren können. Arne Friedrich: „Die Bibel ist immer dabei, gehört einfach in mein Reisegepäck.“ Der christliche Gott ist kein Vorläufer für Erfolgsspuren, Erfolg ist keiner der Namen Gottes. Im Bild des christlichen Glaubens wird niemals über Sieg oder Niederlage entschieden. Im Bild Gottes von uns Menschen ist jede und jeder Gewinnerin oder Gewinner. Das heißt nicht, dass wir im christlichen Sinn alle gleich sind, wohl aber gleich viel wert.

Ich glaube jedoch, dass wir als Kirchen von Fußballvereinen etwas abschauen und lernen können: die Darstellung des äußeren Bildes, die Sorgfalt in der Vorbereitung auf das Spiel, die öffentliche Kommunikation – wie präsentieren wir uns nach außen? Was ist die Botschaft, die wir nach draußen senden? Wie ist unsere kommunikative Strategie? Wie bereiten wir unsere Spiele vor?

Und dann die unglaubliche Zielgruppennähe der Vereine zu ihren Fans, die wirklich vorbildlich ist. Und nicht zuletzt die Sichtung von Talenten. Auch hier könnte die Kirche von so einem kulturellen Giganten wie dem Fußball sehr viel lernen. Sportfreunde Stiller: „Mit dem Herz in der Hand und der Leidenschaft im Bein werden wir Weltmeister sein.“

Und die Erfahrung vieler Menschen zeigt auch: „Die Wahrheit liegt auf dem Platz“ (Otto Rehhagel). Und diese Wahrheit heißt: Der Gott der Christen tröstet, gerade dann, wenn es auch um Leben und Tod geht – das können Schalke, Dortmund, Braunschweig, Hannover oder andere Vereine eben nicht. Und jetzt: Viel Spaß bei der Fußball-EM!

Martin Wrasmann, Pastoralreferent emeritus der St. Altfrid-Gemeinde in Gifhorn, schreibt die monatliche KURT-Kolumne „Glauben & Zweifeln“. Beipflichtungen wie auch Widerworte sind stets willkommen. Leserbriefe gerne an redaktion@kurt-gifhorn.de.