Landwirtschaft

Schluss mit Halbwahrheiten und ollen Rollenbildern: Landwirtin Gesa Ramme aus Kästorf klärt ihre 35.000 Instagram-Follower auf

Malte Schönfeld Veröffentlicht am 10.01.2026
Schluss mit Halbwahrheiten und ollen Rollenbildern: Landwirtin Gesa Ramme aus Kästorf klärt ihre 35.000 Instagram-Follower auf

Das Leben auf dem Bauernhof ist so abwechslungsreich wie turbulent. Kenntnisreich und humorvoll berichtet die Kästorferin Gesa Ramme aus dem wuseligen Hühnerstall, aus der Fahrerkabine und von der Weide.

Foto: Gesa Ramme

Früher musste Gesa Ramme schon um 5 Uhr aufstehen. Wer Kühe melken muss, kann keine Langschläferin sein. Heute ist es Gott sei Dank ein wenig später, seit ihre Eltern auf dem Hof in Kästorf die Legehennen ins Zentrum gerückt haben. Drumherum passiert allerhand, weshalb die 33-Jährige von einem Mischbetrieb spricht. Anders ist auch, dass Gesa Ramme fast 35.000 Follower bei Instagram über das Leben auf dem Hof, EU-Gesetze und Ackerbautechniken aufklärt. Dafür arbeitet sie sogar mit dem NDR zusammen.

Manchmal ist es ein Hashtag, der Storys ins Laufen bringt: #junglandwirtin schrieb Gesa Ramme unter einem Posting, auf den der Sender aufmerksam wurde. „Sie suchten Teilnehmerinnen für eine Nordstory-Reportage“, erinnert sich die Kästorferin. Und da sagte sie nicht Nein. Nach den Dreharbeiten blieb man über eine WhatsApp-Gruppe, in der 20 Personen sind, in Kontakt. Heute arbeitet sie als freie Mitarbeiterin für den NDR und erhellt ihre Community mit Wissenswertem, Humor und ehrlichen Einblicken. Ungekämmte Haare beim Eiersortieren morgens um 8 Uhr, dreckige Stiefel und ein Huhn auf der Schulter – das kommt an.

Der Hof in Kästorf ist einer von zweien, der Familie Ramme gehört, der andere liegt in Westerbeck. In Westerbeck Oma Helma und Opa Heinrich Ramme, in Kästorf Oma Marlen Lüdde, die noch immer mitarbeitet, und ihr verstorbener Mann Georg Lüdde sowie Gesas Eltern Heike und Heinrich Ramme – die Namen sind aufm Dorfe bekannt. Ewig schon werden die Höfe betrieben, teilweise seit dem 17. Jahrhundert, vielleicht sogar länger. Vor der Landwirtschaft sorgten Holzwirtschaft und Gastwirtschaft für Ertrag. Heute ist der Hof diversifiziert:
Direktvermarktung, Legehennen, Rinder auf der Weide, Ackerbau für Hühnerfutter und „die Öffentlichkeitsarbeit“ auf Instagram, wie Gesa Ramme sagt.

Damals konnte Gesas Opa noch auf regelmäßige Schauer setzen, die für genug Feuchtigkeit in den leichten Böden sorgten. Inzwischen ist das undenkbar. Der größte Gegner sind die Klimakrise und ihre Folgen. „Mein Opa hat immer gesagt: Beregnen kostet Geld und Zeit. Doch die extremen Jahre nehmen zu.“ Lange Trockenperioden zerstören Kulturen, Starkregenereignisse überschwemmen die Felder, Stürme verteilen die Heuhaufen und verdoppeln die Arbeit. „Ich weiß, dass die Landwirtschaft eine Teilschuld trägt. Wir sind es aber auch, die die Auswirkungen als erstes zu spüren bekommen.“

Gesa Ramme hatte es sich immer offengehalten, in die Landwirtschaft zu gehen. „Als Kind sind in den Sommerferien alle an den See gefahren, ich musste die Kälber tränken. Das fand ich natürlich doof“, lacht sie. Trotzdem entschied sie sich nach dem Abitur für Ausbildung und Studium in der Landwirtschaft. „Je mehr ich lerne, desto spannender wird es“, sagt sie.

Zweimal wöchentlich verkauft sie auf dem Wolfsburger Wochenmarkt in der Innenstadt Eier und selbstgekochte Marmeladen, außerdem ist Papa Heinrich in Vorsfelde mit einem Stand vertreten. Da kommt Gesa logischerweise auch mit Menschen in Kontakt. Noch größer aber sind die Reaktionen bei Instagram. „Ich möchte Infos übermitteln, weil unsere Arbeit die Menschen direkt betrifft. Leute essen unsere Lebensmittel, wir arbeiten mit und in der Natur“, erklärt die Kästorferin. Verantwortung schiebt sie nicht einfach weg: Sie und ihre Kollegen hätten eine große Hebelwirkung, was Klimaschutz und Biodiversität angeht. „Diese Kommunikation hat lange nicht stattgefunden. Ich möchte aber nicht belehren, sondern für ein gewisses Verständnis durch meinen Alltag sorgen.“

Gesa Ramme scheut dabei auch vor starker Meinung nicht zurück. Etwa wenn es um den frechen Diebstahl von Ackerfrüchten geht. Oder angestaubte Traditionen, sei es im Schützenfestablauf oder hinsichtlich der Hoferben. „Jüngst zeigte eine Studie: Hofnachfolgerin wird häufig nur, wer Einzelkind ist oder keine Brüder hat“, berichtet die Landwirtin. Mit solchen Rollenbildern in der Landwirtschaft und Halbwahrheiten räumt sie in ihren Videos auf – nicht selten mit Humor und für Gleichberechtigung. „Mit Klischees kann man gut spielen. Erst dann kapieren Leute, dass sie Quatsch sind.“

Dass es dann bisweilen doch so politisch wird, sei anfangs nicht so gewesen. Mittlerweile aber eben schon. Was auch daran liegt, dass der NDR sie bittet, zu bestimmten Themen mit einer Expertenmeinung eine Einschätzung zu geben. „Ich schreibe den Text und mache das Video, sie nicken‘s ab und schneiden dann. Wir profitieren beide von der Zusammenarbeit.“ Und irgendwie kann Gesa Ramme auch gar nicht anders. „Ich finde, alles ist irgendwie politisch. Und wer ständig meckert, sollte sich auch einbringen.“ In einer Partei sei sie aber nicht, trotz einiger Anfragen und gut gemeinter Ratschläge. „Landwirtschaftliche Interessen und private Interessen können auch auseinanderliegen. Und außerdem habe ich da gar nicht die Zeit für.“

Selbst wenn die Ernte lange schon eingefahren ist, wird die Arbeit nicht weniger. Ganz im Gegenteil: „Zur Weihnachtszeit verkaufen wir mehr Eier als an Ostern. Es wird gebacken und gekocht und morgens sitzen alle beim Frühstück zusammen.“ Auch die Hühner werden für die Schlachtung oder an Hobbyhalter verkauft. Zusätzlich wird fleißig Marmelade eingekocht.

Heiligabend feiert Familie Ramme übrigens im engsten Kreis, aufgetischt werden klassisch deutsch Kartoffelsalat und Würstchen. „An Weihnachten kommen dafür 30 Personen zusammen. Das ist ein großes Fest.“ Und dann, ja dann kehrt auch bei Gesa Ramme wieder etwas mehr Ruhe ein.

Instagram: @gesaramme


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