Stolpersteine

Zwangssterilisiert wegen schweren Alkoholismus - Ein Stolperstein erinnert: Albrecht Muenk wurde im Stift Isenwald in Kästorf von den Nazis entrechtet

Steffen Meyer Veröffentlicht am 08.07.2022
Zwangssterilisiert wegen schweren Alkoholismus - Ein Stolperstein erinnert: Albrecht Muenk wurde im Stift Isenwald in Kästorf von den Nazis entrechtet

Albrecht Muenk ist nur eines von vielen Opfern des Nationalsozialismus in und aus Gifhorn – die Gesamtzahl ist mindestens dreistellig.

Foto: Mel Rangel

Vier Mal kam der Göttinger Kaufmann Albrecht Muenk zwischen 1928 und 1935 zur Kur in die damalige Trinkerheilstätte Stift Isenwald nach Kästorf. Von seinem letzten Aufenthalt kehrte er zwangssterilisiert zurück: Anstaltsvorsteher Pastor Martin Müller, Landesmedizinalrat Dr. Walter Gerson und Albrecht Muenks eigener Bruder paktierten – so dass das Erbgesundheitsgericht ohne Anhörung des Betroffenen die Unfruchtbarmachung beschloss. Nun erinnert einer von insgesamt neun Stolpersteinen in Gifhorn an Albrecht Muenk. Die ganze Geschichte legt Dr. Steffen Meyer, Historiker und Archivar der Dachstiftung Diakonie, in einem Gastbeitrag vor.

Der Göttinger Kaufmann Albrecht Muenk wurde am 10. Januar 1893 in Bünde geboren und war zwischen Dezember 1928 und Juni 1935 viermal als Patient in der Trinkerheilstätte Stift Isenwald, die bis 1942 existierte. Er führte vor seinem ersten Aufenthalt ein Kolonialwarengeschäft, bis er im August 1927 bedingt durch seine Alkoholkrankheit für einige Monate in die Heil- und Pflegeanstalt Göttingen kam.

Nach seiner Entlassung arbeitete Muenk, der verheiratet und Vater von zwei Kindern war, zeitweise als Vertreter.

Im Dezember 1928 meldete ihn sein Bruder, der als Arzt in eigener Praxis praktizierte, in der Trinkerheilstätte Stift Isenwald an. Siebzehn Monate später kehrte Albrecht Muenk als geheilt entlassen nach Göttingen zurück.

Rückfälle sorgten dafür, dass er sowohl 1932 als auch 1933 jeweils für einige Monate in das Stift Isenwald zurückkam.

Am 29. Mai 1934 trat der inzwischen geschiedene und auf Antrag seiner Mutter entmündigte Albrecht Muenk zum vierten und letzten Mal eine Kur in Isenwald an, was in dieser Häufigkeit ungewöhnlich war. „Er kam hier stark unter Alkohol an und hat die letzte Zeit auch scheinbar wieder erheblich getrunken“, so Anstaltsvorsteher Pastor Martin Müller an den Bruder, der auf Wunsch der Mutter die Vormundschaft übernommen hatte. Kurz nach der Ankunft wurde Muenk von Landesmedizinalrat Dr. Walter Gerson psychiatrisch untersucht. Gerson notierte in seinem ärztlichen Gutachten Details aus dem von Niederschlägen geprägten Leben des Göttinger Kaufmanns und stellte abschließend die Diagnose „schwerer Alkoholismus“: „Es handelt sich bei M. um einen weichen, sehr haltlosen Psychopathen, dessen bisheriger Lebenslauf ein immer wiederkehrendes Versagen gezeitigt hat. Es ist mit großer Wahrscheinlichkeit zu erwarten, daß seine Nachkommen an schweren geistigen Erbschäden leiden werden.“

Anstaltsvorsteher Müller erstattete daraufhin Anzeige beim Kreisarzt aufgrund des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses und benachrichtigte umgehend den Bruder. Er beschrieb
Muenk als unauffälligen Patienten, der sich im freien Leben niemals zurechtfinden würde.

Der Stolperstein wurde vor der ehemaligen Trinkerheilstätte Stift Isenwald verlegt. Das Foto entstand um 1931.

Foto: Sammlung Archiv der Dachstiftung Diakonie

Nach einer gründlichen Aussprache mit dem Anstaltspsychiater sei Muenk zu der Einsicht gekommen, dass er dem Gesetz folgend unfruchtbar gemacht werden müsse. Um den Antrag auf Unfruchtbarmachung nicht selber stellen zu müssen, fügte Müller seinem Schreiben an den Bruder die Sterilisationsunterlagen bei und bat um Eingabe beim zuständigen Erbgesundheitsgericht. Am 20. November 1934 traf das Gesuch des Bruders beim Erbgesundheitsgericht Göttingen ein, das einen Monat später ohne Anhörung des Betroffenen die Unfruchtbarmachung beschloss, die im Januar 1935 durchgeführt wurde.

Vier Wochen später beklagte sich der Bruder schriftlich bei Anstaltsvorsteher Müller über unverschämte Schreiben seines Mündels. Muenk, der gleich nach der Operation in die Trinkerheilstätte Stift Isenwald zurückgekehrt war, hatte sich mittlerweile bei der Mutter über die Sterilisation beschwert und für den Eingriff seinen Bruder verantwortlich gemacht. Müller zeigte sich in seinem Antwortschreiben wenig überrascht, da seiner Meinung nach vieles an ihm sonderbar und krankhaft sei, besonders „diese ewige Schreiberei“. Muenk verhielt sich anschließend unauffällig, bis er im Juni 1935 mit ungünstiger Prognose entlassen wurde.

Mit Anstaltsvorsteher Müller blieb er noch viele Monate in Kontakt. Um seinem ehemaligen Patienten den beruflichen Wiedereinstieg zu erleichtern, stellte Müller ihm beispielsweise ein überaus gutes Zeugnis für seinen neuen Arbeitgeber aus, obwohl er ihn einige Wochen zuvor noch als unverbesserlich bezeichnet hatte. Ferner half er ihm bei einer Vormundschaftssache, gewährte ein Überbrückungsgeld aus den Einnahmen der Kästorfer Anstalten und bestärkte ihn immer wieder darin, ein enthaltsames Leben zu führen.

Fast auf den Tag genau ein halbes Jahr nach seiner Zwangssterilisation bedankte sich Muenk bei dem „Hochverehrten Herrn Pastor“ für das in Kästorf vermittelte Gottvertrauen und die Unterstützung bei der Stellensuche. Der Brief endet mit der Abschiedsformel „Ihr stets dankbarer und ergebener Albrecht Muenk.“

Über das weitere Schicksal von Albrecht Muenk ist nichts bekannt, auch die Suche nach Angehörigen war bisher erfolglos.

Dieser Text ist Teil der Broschüre „Stolpersteine in Gifhorn“, kostenfrei erhältlich im Stadtarchiv und in der Stadtbücherei.

Die Forschung zu Opfern des Nationalsozialismus in und aus Gifhorn geht weiter. Hinweise sammelt das Kulturbüro:
Tel. 05371-88226
kultur@stadt-gifhorn.de