Musik

El Palo Santo - Gifhorner Singer-Songwriter Anthony Miller veröffentlicht sein zweites Kurzwerk

Matthias Bosenick Veröffentlicht am 27.06.2020
El Palo Santo - Gifhorner Singer-Songwriter Anthony Miller veröffentlicht sein zweites Kurzwerk

„Der erste Funke kommt unerwartet beim Üben“, beschreibt der Gifhorner Singer-Songwriter Anthony Miller den Entstehungsprozess seiner Musik. Auf dem Weg zum Master lässt er dem Song dabei seine Freiräume.

Foto: Privat

Beinahe wäre Anthony Miller sogar in Woodstock aufgetreten. Doch seinerzeit fühlte sich der Singer-Songwriter noch nicht bereit dazu, deshalb ließ er diese Chance verstreichen. Vorerst: Seitdem nimmt der Gifhorner nämlich Anlauf, um seine aus ihm selbst gewachsene amerikanisch geprägte Folk-Musik zu verfeinern und sich für den nächsten Sprung vorzubereiten. Gifhorn findet er inspirierend, sagt der 33-Jährige und erzählt unter anderem vom ersten Band-Gig für eine Currywurst in Knesebeck, Studioaufnahmen mit einem Calexico-Musiker sowie von der brandneuen zweiten EP „El Palo Santo“, deren Musik auf beinahe spirituelle Weise den Weg zu ihm fand.

Das mit Woodstock ergab sich zufällig, als Anthony mit zwei Freunden auf einem Roadtrip von New York nach Nashville unterwegs war. Völlig unbedarft zogen sie für die Nacht ein Navi-Vorschlag für Unterkünfte zu Rate. „Wir haben die Woodstock Loft gefunden“, erzählt er, „dort angehalten, aber es war nicht schön.“ Eine eher weniger komfortable Holzhütte, die auf einem Flyer auf das berühmte Woodstock-Festival anspielte – was erst dann in den Reisenden die Erkenntnis weckte: „Das war tatsächlich das Woodstock!“ Abends gerieten die drei in eine Kneipe mit einer offener Bühne, „da haben die Leute ihre Hillbilly-Musik gespielt“, so Anthony, und seine Begleiter forderten ihn dazu auf, sich in die Schlange einzureihen. Doch hatte er Manschetten, er dachte: „Das mache ich nicht – ich bin noch nicht so weit.“ Hinterher ärgerte sich Anthony zwar über die verpasste Chance, im legendären Woodstock gespielt zu haben, sagt aber heute: „Ich glaube, dass es den richtigen Moment dazu noch geben wird.“

Mit „El Palo Santo“, dem Namen von Anthony Millers zweiter EP, ist ein südamerikanisches Totholz gemeint, eine Art Räucherstäbchen.

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Daran arbeitet der Gifhorner seit vielen Jahren, aktuell mit seiner zweiten Solo-EP „El Palo Santo“, wörtlich übersetzt „Das heilige Holz“. Doch wörtlich zu übersetzen ist der Titel nicht, denn er steht für ein Räucherholz aus Südamerika, das Anthony auf besagter USA-Reise für sich entdeckte. „Das ist ein Totholz, das kann man anzünden wie ein Räucherstäbchen, das hat einen angenehmen Geruch und verändert die Raumatmosphäre“, erläutert der Musiker. Seit er es in den USA in einem Laden entdeckt hatte, begleitet es ihn durchs Leben: „Nicht immer angezündet, aber es liegt immer auf dem Schreibtisch.“ Und betitelt nun seine zweite EP.

Die nahm Anthony bereits vor Corona mit einem Produzenten und Studiomusikern in Hamburg auf. So erfuhr seine Musik eine professionelle Aufnahmequalität, anders als im Heimstudio. Nach Hamburg kam Anthony über ein musikalisches Netzwerk, das er schon seit Jahren pflegt – und das ihm zwischen der ersten selbstbetitelten EP und der neuen für einen Song die Zusammenarbeit mit Martin Wenk ermöglichte, der aus Kassel stammt und vor einigen Jahren für die amerikanische Band Calexico auf Tour Trompete gespielt hatte. Die verehrt Anthony, seit sie mit einer anderen Lieblingsband eine EP veröffentlicht hatten, mit Iron & Wine nämlich. Als er dann im Blu-House-Studio an dem Song „Wild Flowers“ arbeitete, schlug das Ehepaar, das dieses Studio betreibt und auch mal für Wolfgang Niedecken als Tourmusiker unterwegs ist, ihm vor, die programmierten Blasinstrumente echt einspielen zu lassen. So kam Martin Wenk dazu. „Ich bin aus allen Wolken gefallen“, schwärmt Anthony.

Auf der neuen EP ist „Wild Flowers“ nicht enthalten, es soll für sich stehen. Weniger spektakulär ist die Musik auf „El Palo Santo“ natürlich nicht. Das Cover gestaltete Anthony selbst, betont aber: „Ich bin ein Laie als Zeichner!“ In Sachen Musik habe er einen Draht zu sich selbst, aber „Zeichnen ist Neuland“.

Und mit der Musik verhält es sich beinahe metaphysisch, wie sie ihn erreicht und wie sie aus ihm herausdringt. Mit anfänglichen Hürden: Seine erste Band Pacemaker hatte Anthony mit 16, während der Ausbildung, „wir haben Status Quo gecovert, Westernhagen, die ganzen Gassenhauer, die man so kennt. Eher schlecht als recht, aber es hat Spaß gemacht.“ Mit dem Zug ging‘s zu den Proben nach Knesebeck, und im dortigen Freibad hatten Pacemaker auch ihren ersten Auftritt. „Unsere Gage war Currywurst-Pommes mit einer Cola“, erinnert er sich.

Lange hatte Folk-Sänger Anthony Miller mit dem Selbstbild des Künstlers zu kämpfen. „Irgendwann ist der Knoten aufgegangen“, sagt er. Auch dadurch hat seine neue EP an Leichtigkeit gewonnen.

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Mit seiner nächsten Band sollte alles professioneller werden: Anfang 20 heuerte er als Gitarrist bei Just A Pilgrim an. „Das hätte was Fettes werden können“, sagt er rückblickend, doch war der Band zu seinem Bedauern kein langes Leben beschieden. Lediglich als Gitarrist fungierte er, wie schon bei Pacemaker, denn man hatte ihm attestiert, sein Gesang klinge nicht wirklich schön. Das nahm Anthony sich zu Herzen und beließ es beim Gitarrespielen. Bis zur genau gegenteiligen Erfahrung Jahre später auf dem Hurricane Festival, als er weniger nüchtern so viel „herumgebrüllt“ hatte, dass seine Stimme heiser wurde und ihm jemand sagte, seine Stimme berühre ihn. Anthony: „Das war für mich die Initialzündung, meinen eigenen Kram zu machen.“

Dazu versuchte Anthony zunächst ein Jahr lang, seine musikalischen Helden nachzuahmen, und stellte dabei geknickt fest, dass ihm das enorm viel Arbeit bedeutete. Zeitgleich schwand die Motivation. Als er jedoch dazu überging, seine Musik einfach aus sich herausfließen zu lassen, kehrte auch die Motivation zurück. Die Kompositionen sprudelten plötzlich aus ihm heraus, mit dem für ihn ganz überraschenden Ergebnis: „Ich höre privat andere Musik, als ich mache.“ Und einer essentiellen Konsequenz fürs Komponieren: „Ich hab mir auf die Fahne geschrieben, da nicht zu verkopft ranzugehen.“ Denn auch, wenn seine Lieder nun anders sind, als er das vorab geplant hätte, akzeptiert er: „Das, was da ist, hat offensichtlich irgendeine Form von Berechtigung.“

So sind Anthonys Songs heute eine Mischung aus Kopf und Seele. „Der erste Funke kommt relativ unerwartet beim Üben.“ Er probiert die Idee dann mit dem Klavier oder der Gitarre aus und arbeitet so lang daran herum, bis der Song Formen annimmt. Dann entsteht in seinem Kopf auch eine konkrete Vorstellung davon, wie er einmal zu klingen hat. Und wovon er handeln soll. „Ich mag Metaphern, aber sie sollen nicht klingen wie Metaphern. Es gibt tausend Wege, die Liebe zu besingen. Das Offensichtliche ist zwar schön, aber es ist schöner, wenn jeder etwas Eigenes hineininterpretieren kann.“ Das könne zur Folge haben, dass er mit seinem Text zwar etwas zum Ausdruck bringen will, was der Hörer nicht genau so erkennt, wie Anthony es meinte, aber dennoch etwas für sich aus dem Lied mitnimmt. Wegen dieses augenöffnenden Effektes habe Anthony große Demut vor der Musik: „Das ist eine Stärke von Musik, dass sie wirkt.“

Seine eigenen Erfahrungen etwa mit seinem zunächst von außen fehlgeleiteten Selbstbild als Sänger trägt Anthony auch in seine Texte. Solcherlei Glaubensbekenntnisse hemmten anfänglich seine künstlerische Entwicklung, aber: „Da ist irgendwann der Knoten aufgegangen, aber ich musste etwas dafür tun.“

„El Palo Santo“ heißt die zweite, 12:12-minütige EP von Singer-Songwriter Anthony Miller, die drei Songs umfasst. Für 12 Euro ist sie online zu bestellen unter www.anthonymiller-music.com sowie bei Spotify und Co zu hören. Das Shirt zur EP gibt‘s für 15 Euro im Shop.

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Diese psychologische Entwicklung brachte ihn „zwangsläufig auf Spiritualität“, erzählt Anthony, jedoch nicht im Sinne einer Religion, sondern: „Ich fühle mich vom Leben beschenkt, und das versuche ich in die Songs einzubauen, nur nicht als Wanderprediger.“ Für Anthony gestaltet sich das Leben als Reise: „Es gibt Zwischenziele, aber es ist keine vollendete Sache, der Weg ist das Ziel. So was wie Ankommen gibt’s nicht – und das gibt’s auch nicht, dass bei jemandem alles Ewigkeiten gut ist.“ Auf diese spirituell-philosophische Weise kommen bei Anthonys Musik Inhalt und Lebenshaltung zusammen.

Die Musik, die Anthony wiederum privat hört, stammt dieser Tage übrigens von Bands wie The War On Drugs, die Rock und Psychedelic kombinieren, Leon Bridges, der Soul und R’n’B im Sinne der Fünfziger macht, sowie Iron & Wine: „Bei denen gucke ich mir ganz viel ab“, sagt er, und träumt: „Sam Beam von Iron & Wine würde ich gern treffen, er macht wunderschöne Musik.“

Vielleicht ist „El Palo Santo“ ja das Ticket, das Anthony diese Begegnung dereinst ermöglicht. Den zu seiner Musik passenden Namen trägt er ja schon, Anthony Miller ist nämlich kein Künstlername, er heißt tatsächlich so – und ist gebürtiger Wolfsburger. Über Umwege von Isenbüttel nach London und im Anschluss von Braunschweig nach Wolfsburg landete er nun in Gifhorn, um amerikanisch geprägte Musik zu machen. Trotz seiner Hamburg-Kontakte schwärmt Anthony für seine Heimatstadt: „Gifhorn ist total inspirierend!“ Insbesondere die Heide und der Weg nach Norden, die B 4 entlang: „Die Kiefernwälder, das rote Holz, die Sonne, die Natur.“ Ihm gefällt, dass Gifhorn klein, freundlich, beschaulich sei und nicht versuche, so zu erscheinen, als sei es eine Großstadt. Keinen Starbucks zu haben und stattdessen so etwas wie Schütte, freue ihn viel mehr: „Es riecht immer nach frischen Waffeln!“

Eigentlich hatte Anthony zur neuen EP den Plan, in der Grille eine Release-Party zu organisieren, doch dann kam Corona. Damit fiel auch eine andere Aktion ins Wasser und zwar eine Arosa-Kreuzfahrt auf Rhein und Main, einen Singer-Songwriter-Cruise: „Nachmittags chillen, abends auftreten.“ Der Rolling Stone war als Kooperationspartner an Bord und dem Gewinner des Wettbewerbs hätte eine Teilnahme am European Music Award gewunken. „Das wäre eine Riesenmöglichkeit gewesen“, so Anthony, der aufs nächste Jahr hofft.

Live begleitet Anthony übrigens ab und zu eine Band, Anthony Miller & The French Press, benannt nach dem Kaffeedrücker. „Zwei der Musiker sind aus Paris und irgendwie passte das ganz gut, da wir stets zur Kaffeezeit proben.“ Zu dieser Band gehören der Bassist und gebürtige Isenbütteler Mario Kolbe (Hamburg), Schlagzeuger Alain Saubercaze (Brome) und Pianist Arnaud Muzard (Fallersleben).

Live sind sie ein energetischer Rückhalt für den Musiker. Und das nächste Mal ja vielleicht mit dabei, wenn sich die Bühne in Woodstock noch einmal für Anthony öffnet.