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Der liebe Gott steht auf Hip-Hop aus Gifhorn: Kevin Neumann macht authentischen christlichen Hip-Hop – Die Inspiration dazu bezieht er aus seiner Heimatstadt

Matthias Bosenick Veröffentlicht am 16.10.2021
Der liebe Gott steht auf Hip-Hop aus Gifhorn: Kevin Neumann macht authentischen christlichen Hip-Hop – Die Inspiration dazu bezieht er aus seiner Heimatstadt

Kevin Neumann entdeckte das Christentum mit 18 für sich, kurz nachdem er überhaupt damit begann, Texte zu verfassen. Damals war er in der Freien Christengemeinde in Gifhorn aktiv, der heutigen Kirche im Brauhaus.

Foto: Privat

Твоя мова! Die einen rappen von der Straße, die anderen vom Weg zu Gott: Kevin Neumann rückt seinen Glauben ins Zentrum seiner Rap-Texte, die den Bezug zur Teerdecke indes nicht vermissen lassen. Nicht umsonst heißt die Plattform, auf der der gebürtige Gifhorner mit Kollegen von Berlin aus bundesweit Künstler aus dem christlichen Hip-Hop bündelt, „Asphalt Diamant“. Jüngst erschien sein sechstes Album „Goldene Zeit“, auf dem Kevin Neumann sein Themenspektrum auf persönliche und emotionale Inhalte ausdehnt. Für den Videodreh zur brandneuen Single „Deine Sprache“ reiste der 30-Jährige sogar eigens in die ukrainische Hauptstadt Kiew – und arbeitet schon längst an Album Nummer sieben.

Im Clip zu „Deine Sprache“ sieht man Kevin und eine Tänzerin in einem edlen Hotel in Kiew einander auf opulente Weise ratlos begegnen. „Ich hatte die Vision schon länger, zu dem Song so ein Video zu drehen, in einem Barockhotel“, berichtet er. Mit einem Berliner Filmemacher flog er in die Ukraine, wo er schon einmal war und ihn damals die architektonische Pracht überwältigte. „Als gelernter Mediengestalter hatte ich sofort eine Vision im Kopf.“ Zudem belegt das Stück die Themenvielfalt des Rappers: „Kommunikationsschwierigkeiten zwischen Mann und Frau“ hat „Deine Sprache“ zum Inhalt. „Der ist aus so einer Situation heraus entstanden“, erzählt Kevin. Wie dieser Song sind alle Stücke auf „Goldene Zeit“ „eher persönlich, emotionaler“, berichten „von Zweifel, vom Struggle, was man erlebt hat“. Mit diesem Album will er „die Leute mehr abholen, die mit dem Glauben nicht so viel zu tun haben“. Denn zwar stehe für ihn der christliche Glaube „im Zentrum“. Aber: „Meine Musik ist nicht nur für Christen.“

Der Künstler selbst entdeckte das Christentum mit 18 für sich, kurz nachdem er überhaupt damit begann, Texte zu verfassen. Damals war er in der Freien Christengemeinde in Gifhorn aktiv, der heutigen Kirche im Brauhaus. Er kombinierte kurzerhand seine „Leidenschaft für Musik, Liebe zur Lyrik“ mit seinem Glauben und verfasste Texte, die eigentlich nie für die Öffentlichkeit gedacht waren: „Ich hatte nie den Plan, Künstler zu werden.“

Dazu kam es erst vor sieben Jahren, als ihn Freunde dazu ermunterten, im Goldklang-Studio in Wolfsburg zwei Songs aufzunehmen. Kenntnis hatten sie von Kevins Leidenschaft dadurch erlangt, dass er mal im Freundeskreis einen Text rappte, sich im Musikcafé beim Open Mic versuchte oder mit einem Mitbewohner auf dem Laptop einen Song aufnahm, „das war aber nix“.

Ganz anders dann die Arbeit mit David Gold, die sich als so fruchtbar erwies, dass aus den angedachten zwei Songs 2014 gleich eine EP mit zehn Tracks wurde. „Auf den Fersen Gottes“ hieß die und schlug so ein, dass Kevin mit dem Produzenten heute noch zusammenarbeitet, auch von Berlin aus, wohin er 2017 nach drei Gifhorner Alben umzog.

Die Stücke auf Kevin Neumanns sechster Platte „Goldene Zeit“ sind „eher persönlich, emotionaler“, berichten „von Zweifel, vom Struggle, was man erlebt hat“.

Foto: Privat

David Gold zeichnet auch auf „Goldene Zeit“ fürs Mixen und Mastern verantwortlich und produzierte einzelne Songs. Für andere ließ sich Kevin von Datenbanken befreundeter Produzenten und Beat-Portalen inspirieren, vornehmlich aus den USA. „Und ich kaufe, was mir gefällt“, so der Texter. Selbst zum Musiker wird er wahrscheinlich eher nicht. „Ich habe durch Corona damit zwar angefangen, bin aber ein Rookie“, stellt er klar. „Fürs Musikverständnis ist das gut, das ist aber nicht mein Fokus.“

Der liegt eben auf den Texten. Mit seinen christlichen Inhalten mag Kevin in Deutschland noch ein Exot sein, anders als etwa in den USA, wo Stars wie Lecrae oder Kanye West ihren Glauben offen ausleben.

„Die christliche Hip-Hop-Szene in Deutschland ist klein“, bestätigt Kevin, und deshalb bündelt er diese unter dem Namen „Asphalt Diamant“. Dieses Netzwerk richtet auch jährlich an bundesweit wechselnden Orten den „One Love Jam“ aus, zu dem bis zu 500 Fans anreisen. Anders als in den USA haftet dem Christentum im deutschen Hip-Hop bisweilen noch etwas Peinliches an, weiß Kevin: „Ich kann verstehen, dass das komisch ist, das ist ungewohnt.“ Deshalb sieht er sich als Pionier: „Gute Musik, authentisch, auf dem Boden geblieben und von Gott erzählen.“

Authentizität spielt für Kevin ohnehin eine große Rolle, deshalb wählte er auch als Künstlernamen seinen Geburtsnamen: „Wer mich privat kennt, soll mich als Künstler wiedererkennen.“ Kunstfiguren haben für ihn grundsätzlich zwar auch eine Berechtigung, aber nicht für sein Konzept. „Meine Songs kommen aus dem Herzen, da ist es eine logische Sache, zu sagen: Ich heiße Kevin Neumann.“ Ebenso authentisch sind auch Kevins christliche Texte. „Ich will zeigen, wie wunderbar es ist, mit Gott zu leben.“ So kam es eben auch dazu, dass er mit seinem „Asphalt-Diamant“-Kollegen Davee das Album „Deine Gospel Rapper“ aufnahm. „Ins Gesicht Jesus-Songs!“ Und deshalb wiederum engagiert sich Kevin in Berlin ehrenamtlich für Kinder aus finanziell schwachen Familien und Obdachlose, neben seiner Haupttätigkeit als Mediengestalter. „Ich lebe den Glauben nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis.“ Authentisch eben.

Die Plattform, auf der Kevin Neumann Künstler aus dem christlichen Hip-Hop bündelt, heißt „Asphalt Diamant“.

Foto: Privat

In den sieben Jahren, die Kevin nun selbst künstlerisch arbeitet, nahm er bereits einen Kulturwandel wahr: Als er begann, verteilte er seine EP parallel zum Download noch auf CD, so etwas wie Spotify war noch nicht so verbreitet – „heute ändert es sich in Richtung Streaming“. In seiner Zielgruppe bei Menschen „zwischen 16 und Mitte 20“ kaufe so gut wie niemand mehr abseits von Konzerten physische Tonträger, Künstler verdienen höchstens an Eintrittsgeldern und Merchandise etwas dazu. Ihm geht es nicht anders: „Ich habe mir selbst lange keine CD mehr gekauft.“

Deshalb wird es kommende Alben von Kevin vermutlich auch nicht mehr auf CD geben, aber dass es weitere Alben geben wird, ist sicher. „Ich bin kontinuierlich am Schreiben, das nächste Album ist in der Entstehungsphase, es kommt nächstes Jahr wahrscheinlich heraus.“ Kreativ vom Markt einschränken lässt er sich jedoch nicht. Ihm ist bekannt, dass Songs, die im Streaming Hits werden sollen, nach drei Sekunden losgehen müssen. „Diese Regeln finde ich berechtigt, aber wenn ich einen Song mit vier bis fünf Minuten machen will und mit 45 Sekunden Abspann, dann mache ich das halt“, zuckt er mit den Schultern. „Ich bin ein kreativer Künstler, ich kann machen, was ich will.“ Und Erfolge geben ihm Recht: Mit dem Song „Gedanke für Gedanke“ etwa gewann er 2015 beim Kirchentag den Preis „Songtalent“.

Dennoch verfolgt Kevin die natürlich Trends: „Ich interessiere mich für die Hip-Hop-Kultur seit ich 13 bin.“ Los ging sein Fan-Sein mit Fettes Brot und den Fantastischen Vier, und auch, wenn er heute neben US-Hip-Hop gern House, Electro und Pop hört, „Hip-Hop ist meine Lieblingsmusik“, sagt er und strahlt. „Ich hätte nie gedacht, das selbst mal zu machen.“ Live in Gifhorn indes geschah dies erst einmal, am Anfang seiner Karriere bei einem Straßenmusikfest. „Ich war unterwegs mit der Box“, da kam es zu einem spontanen Live-Jam mit Cajón und Gitarre. „Das war cool, hat Spaß gemacht“, erinnert er sich. Und auch, wenn er längst in Berlin lebt, „im Herzen habe ich immer den Bezug zu Gifhorn, das ist meine Heimat, ich habe fast 25 Jahre hier verbracht, hier beziehe ich viel Inspiration“. Zudem besucht er seine Familie regelmäßig. Nur eines ist noch offen, meint Kevin: „Auf dem Altstadtfest habe ich noch nicht gespielt!“

Kevin Neumann: „Goldene Zeit“
16 Songs, 40:37 Minuten
www.kevinneumann.de