Kunst

Aus der Katastrophe ist etwas Schönes geworden: Der Gifhorner Wolfgang Weber vermittelt mit seinen Kunstwerken Ermutigung

Marieke Eichner Veröffentlicht am 07.09.2022
Aus der Katastrophe ist etwas Schönes geworden: Der Gifhorner Wolfgang Weber vermittelt mit seinen Kunstwerken Ermutigung

Verletzungen, Wendungen – doch es geht weiter: Der Ast repräsentiert für Wolfgang Weber seinen Lebensweg.

Foto: Michael Uhmeyer

„Meine Kunst ist aus Verletzungen entstanden“, beschreibt Wolfgang Weber seine Werke. Ob Bonsai, Suiseki – die Präsentation von Natursteinen –, Naturholzskulpturen oder Tische: Mit seinem Familienunternehmen „konsonant – Kunstwerke der Natur“ zeigt und verkauft der Gifhorner seine Werke überregional. Geboren bei Aalen in Baden-Württemberg, absolvierte Wolfgang seine theologische Ausbildung zum Pastor ab 1984 in Hessen, bevor er im Sommer 2013 nach Gifhorn kam. Burnout und Depression veränderten seinen Lebensweg: Aus Leid wurde Kunst.

„Durch Burnout und Depression wurde ich 2017 berufs- und erwerbsunfähig“, beginnt Wolfgang Weber seine Geschichte. „Ich habe noch eine Umschulung zum Tischler versucht, aber das hat meine Psyche einfach nicht mitgemacht.“ Seinen Pastorendienst habe er immer mit Herzblut und Überzeugung getan, aber nach Therapien und Wiedereinstiegsversuchen war 2017 für ihn klar, das ein neuer Weg auf ihn wartete. „Der einzige Vorteil ist, dass ich jetzt für meine Kreativität Freiraum habe“, meint der 58-Jährige.

„Mein Sohn Ben war daran beteiligt, dass ich zum Künstler geworden bin“, erzählt der dreifache Vater stolz. „Wir saßen auf der Terrasse, ich habe ihm erzählt, dass ich einfach nicht mehr kann, dass ich nicht weiß, was jetzt kommt.“ Da deutete Ben in den Garten und sagte: „Dann machst Du einfach ein bisschen mehr von dem, was Du immer schon gern gemacht hast. Ich baue Dir die Internetseite und dann verkaufen wir das.“

Was Wolfgang schon immer gern gemacht hat, ist die Bonsai-Pflege. „Meinen ersten habe ich 1991 im Wald nahe Frankenberg in Hessen, wo wir damals gewohnt haben, ausgegraben; eine Buche.“ Erst experimentierte er auf dem Balkon, nach vielen Umzügen kam schließlich ein Garten hinzu und seit die Familie 2013 in Gifhorn sesshaft wurde, kann Wolfgang sich „so richtig ausbreiten“.

Wir sehen den Künstler bei der Arbeit an einem Bonsai.

Foto: Michael Uhmeyer

Der Wald sei schon immer ein Rückzugsort für ihn gewesen – und so ist es nicht verwunderlich, dass Wolfgang seine Kunstwerke aus Naturmaterialien wie Stein, Holz oder eben Pflanzen fertigt. „Ich mache mich in der Regel nicht gezielt auf die Suche, das ergibt sich beim Spaziergang, beim Fahrradfahren, im Urlaub.“ Manchmal bringen ihm seine Tochter oder Bekannte Fundstücke. „Heinz Gabriel, der gute Mann, hat immer wieder Fundstücke von Baustellen gerettet. Da durfte ich mir dann etwas aussuchen“, schwärmt Wolfgang von den Objekten, die 500 oder mehr Jahre alt sind. „Es macht mir Freude, diese Kunstwerke der Natur konsonant – also harmonisch zusammenklingend – zu präsentieren.“

Ohne seine Erkrankung wäre er wohl nicht Künstler geworden, meint Wolfgang. „Mein Burnout war nicht klassisch im Sinne von Arbeitsüberlastung. Es waren Altlasten. Und irgendwann gibt‘s einen Auslöser, dann kommt raus, was schon lange in einem schlummert.“ Die Erlebnisse seiner Lebenskrise äußern sich in seiner Kunst. „Ich habe erfahren, dass mich Gott durch die Fundstücke ermutigt, mir Impulse gibt. Und diese ermutigende Botschaft lasse ich in die Begleittexte einfließen.“

Wolfgang in seinem Atelier. Seine Fundstücke gestaltet er künstlerisch, will sie konsonant – harmonisch zusammenklingend – präsentieren.

Foto: Michael Uhmeyer

Seine Werke stellte Wolfgang schon in einer psychiatrischen Klinik aus. „Ermutigung brauchen wir alle“, findet er. „Manche eben noch mehr.“ Auch überregional ist seine Kunst immer wieder in Ausstellungen zu finden. „Die Weichen wurden neu gestellt: Von der Schiene des Pastors bin ich auf die Schiene des ermutigenden Künstlers gesetzt worden“, beschreibt er seinen neuen Weg. „Die Frage ist ja immer: Warum passiert mir der ganze Scheiß? Gott, was soll das?“ Zu sehen, dass es auf einer anderen Spur mit einer sinnvollen Aufgabe weitergehen kann, habe ihm sehr geholfen. „Aus der Katastrophe ist etwas Schönes geworden.“

Mit seiner Erkrankung geht Wolfgang Weber offen um – ganz bewusst. „Es kann jeden treffen, ist aber immer noch zu sehr tabuisiert.“ Aber Besserung sei in Sicht: „Es wird thematisiert – und das ist gut! Sonst denken die Menschen: Nur mir geht‘s so, nur ich sehe keinen Ausweg.“ Genau diesem Gefühl möchte der Gifhorner Künstler seine ermutigenden Botschaften entgegensetzen.