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Die Metalcore-Band Tide Has Turned steht europaweit auf den Bühnen – und jetzt wünschen sich die vier Musiker einen Auftritt im Gifhorner Kultbahnhof

Matthias Bosenick Veröffentlicht am 04.07.2021
Die Metalcore-Band Tide Has Turned steht europaweit auf den Bühnen – und jetzt wünschen sich die vier Musiker einen Auftritt im Gifhorner Kultbahnhof

Patrick (von links), Dennis, Jelto und Harry – das Metalcore-Quartett ist besser bekannt als Tide Has Turned. Ihre Songs „Cave In“ und „Far From Reality“ haben bei Spotify bereits mehr als 100.000 Hits. Neue Musik soll bald folgen.

Foto: Frederic Hafner

Was macht man, wenn man als Band eine Tour plant – und dann Corona alles ausbremst? Man nimmt erst mal zwei Singles auf und macht sich daran, Songs für ein Album zu schreiben. Sänger Henry „Harry“ Fricke stieß 2018 neu zu Tide Has Turned, nach dem Aus seiner Gifhorner Band With Empty Hands, und mit ihm veröffentlichte die Metalcore-Band zwei Songs auf Streaming-Plattformen. Bandchef und Gitarrist Dennis Romainschick (28) erzählt außerdem von Fans in Übersee, einer fröhlichen Pannentour nach Mailand und der Idee, mit Tide Has Turned endlich auch in Gifhorn zu spielen.

Den Kultbahnhof hat Dennis beim Gedanken an einen Auftritt in Gifhorn im Sinn, denn von dem schwärmt ihm Neu-Mitmusiker Henry, den alle nur Harry nennen, immerfort vor. Dort hatte Harry nämlich bereits mit seiner früheren Band With Empty Hands gespielt. Jetzt hat er das Mikro bei Tide Has Turned vor dem Mund, um dort hineinzuschreien. Der vorherige Sänger verließ Tide Has Turned 2018 aus beruflichen Gründen. „Harry war früher schon auf vielen Shows von uns“, erklärt Dennis, der mittlerweile bei den Vocals unterstützt. Nach einigen Proben war Harry „Feuer und Flamme“, es kam zu gemeinsamen Gigs und für das Jahr 2020 stand bereits eine kleine Tour an. Aus der bekanntlich nichts werden durfte.

Patrick spielt bei Tide Has Turned den Bass, die Hingabe für deutschen Metalcore ist ihm in die Performance gestanzt.

Foto: Eduardo Giacomelli

Aber Tide Has Turned brauchten „neues Material, um Harry als festes Bandmitglied vorzustellen“, so Dennis – und so starteten schon 2019 die ersten Schritte für „Cave In“. Auch das Video existierte bereits, als die Tour abgeblasen werden musste. Und so entschied sich die Band, den Song ohne Tour zu veröffentlichen – und ihm eben noch „Far From Reality“ folgen zu lassen.

Das Quartett – außer Harry und Dennis sind noch Bassist Patrick Lutz und Schlagzeuger Jelto Witt dabei – spielt Metalcore, wobei Dennis einschränkt, dass es sich bei Tide Has Turned eher um modernen Metal handelt als um den Punk, den die Endung -core impliziert. In ihrer nicht unbrutalen Musik ist auch Platz für Atmosphären und Harmonien, für stille Pianopassagen und melodische Momente. Inhaltlich befasst sich die Band mit gesellschaftskritischen Themen, mit Klimawandel, der Vereinsamung des Menschen und dem Tod; aktuell auch mit „inneren Kämpfen“, so Dennis, mit zwischenmenschlichen Themen, „was schieflaufen kann“.

Musikalische Einflüsse möchte Dennis, aus dessen Feder 90 Prozent der Songs stammen, nicht hervorheben, da er davon losgelöst komponiert. Indes: „Ich bin in der Szene großgeworden“, erzählt er. „Ich hatte mit 13 meine ersten Berührungspunkte im Metal.“ Ältere Freunde infizierten ihn mit Death Metal, von dem er sich einiges für sein eigenes Gitarrenspiel abguckte – mehr Einfluss lässt er nicht zu. Als Wegweiser für die letzte EP von Tide Has Turned gibt Dennis gerade noch so die britische Szenegröße Architects und die Band Misery Signals an.

Die Metalcore-Band Tide Has Turned ist bekannt für ihre dionysischen, geladenen Auftritte. Gitarrist und Band-Chef Dennis gibt dabei den Ton an. Ein Auftritt in unserem Gifhorn steht dabei sogar noch aus.

Foto: Adrian Gast

Diese EP hieß „Void“ und erschien 2017, als Nachfolger der Debüt-EP „Seaside“ von 2012. Beide gibt es als CD und auf Bandcamp als Download – doch von dieser Vertriebsplattform verabschiedeten sich Tide Has Turned für ihre jüngsten Songs. Die Musikwelt habe sich verändert, so Dennis: „Es geht alles in Richtung Streaming, keiner hat mehr Lust, sich etwas zu kaufen.“ Online-Verkäufe von CDs seien nicht nennenswert, „nur wenn wir live spielen, verkaufen wir relativ viel“. Also gibt‘s „Cave In“ und „Far From Reality“ nur bei Spotify, Apple Music und anderen Streaming-Plattformen.

Dennoch, die „Void“-EP ist damals gut weggegangen und zwar überraschenderweise besonders in den USA, Japan und Russland: Zu Beginn wurden rund 200 CDs verkauft – für eine eher regional gehaltene Band erstaunlich. Für ihre neue Musik arbeiten Tide Has Turned trotzdem „mit Promotern und Marketingleuten“ zusammen, so Dennis. Denn: „Bei Instagram und Facebook läuft nichts mehr ohne Geld. Außerdem werden US-Bands hier mehr gefeiert als gleichwertig gute deutsche Bands.“

In den USA gespielt haben Tide Has Turned noch nicht, „und ich weiß auch nicht, ob das jemals passiert“, gibt sich Dennis nüchtern; die Kosten für die Reise und die Visa seien zu hoch, und außerdem wolle er das nicht ohne Album angehen, und an dem arbeitet der Komponist zurzeit. „Noch ist nichts spruchreif, aber neues Material kommt“, so Dennis. Ob die beiden neuen Songs dann enthalten sind, hängt davon ab, wie aktuell sie zu dem Zeitpunkt der Veröffentlichung dann noch sein werden.

Harry hat bei Tide Has Turned mittlerweile das Mikro in der Hand, seine Stimme gibt der Band ihren starken Ausdruck.

Foto: Eduardo Giacomelli

Harry markiert nicht die erste Neubesetzung bei Tide Has Turned. Auch war jeder der vier Musiker vorher schon mal anderweitig eingespannt: Dennis hatte diverse kleinere Projekte und spielte bis zu deren Auflösung vor drei Jahren bei A Traitor Like Judas. Jelto hatte in Leer die Hardcore-Band Enter The Fray, Patrick in Helmstedt Oh! What A Vile Creation und Harry eben in Gifhorn With Empty Hands. Start für Tide Has Turned war Ende 2011, Anfang 2012 in Salzgitter, Dennis‘ Heimatstadt, und Braunschweig. Heute leben die vier Musiker in Meinersen (Harry), Oldenburg (Jelto), Peine (Patrick) und Braunschweig (Dennis). Das bremst die gemeinsamen Aktivitäten nicht aus, „weil wir da alle hinter stehen und uns kein Weg zu schade ist für Proben und Shows“, so Dennis.

Nicht nur in der Region, auch in einigen europäischen Ländern war Dennis mit Tide Has Turned, aber auch schon mit A Traitor Like Judas unterwegs. Er erinnert sich an einen Gig in Mailand, den die befreundete Band Elyne 2019 organisierte: Über die Schweiz fuhr die Band nach Italien, nur für diesen einen Auftritt, der Trip dauerte 15 Stunden, „wir steckten superkrass im Stau“. Auf der Bühne absolvierten Tide Has Turned eine Punktlandung, spielten ihr Set, übernachteten im Hinterland der Metropole und setzten am nächsten Tag zum Rückweg an. „In der Schweiz ging die Kontrollleuchte der Batterie an“, berichtet Dennis. Die Musiker zuckten mit den Schultern und fuhren unbeirrt fort. Über die Grenze und erst mal weiter – doch irgendwo bei Mannheim änderte sich das: Alle Kontrollleuchten gingen an, der Bus aber aus – drei Stunden mussten die Musiker ausharren, bis ein Ersatzfahrzeug sie endlich einsammelte und um sechs Uhr früh am Proberaum im Forellenhof in Salzgitter absetzte. Trotzdem lacht Dennis: „So eine Chance kriegt man einfach nicht oft!“

Danach ging es für das Quartett noch über Braunschweig und Saarbrücken in die Niederlande, und dann kam schon das Umbruch-Jahr 2019. Nur in Gifhorn traten Tide Has Turned bisher noch nicht auf. Doch Dennis hat das fest vor: „Es wäre schön, wenn das klappen würde – wenn‘s wieder möglich ist.“ Denn Harry kennt schließlich von früher noch die Vorzüge Gifhorns – aus Mühlenstadt wird Metalstadt.