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784 Kilometer und 50 Jahre blühende Freundschaft – Der Freundeskreis Gifhorn-Hallsberg feiert 25. Geburtstag

Malte Schönfeld Veröffentlicht am 09.07.2021
784 Kilometer und 50 Jahre blühende Freundschaft – Der Freundeskreis Gifhorn-Hallsberg feiert 25. Geburtstag

Eine Delegation reiste zum zehnjährigen Bestehen von Freundeskreis und Städtepartnerschaft nach Gifhorn. Der damalige Bürgermeister Manfred Birth (rechts) nahm sie am damals neuen Hallsberg-Platz in Empfang.

Foto: Privat

Zwischen Gifhorn und dem schwedischen Hallsberg liegen 784 Kilometer Luftlinie. Heutzutage ist das bei der Vielfliegerei wirklich keine Distanz mehr. Auch den schriftlichen Kontakt ins Ausland zu halten ist einfach geworden – Social Media macht es möglich. Vor 50 Jahren, als die ersten Nachrichten zwischen Gifhorn und Hallsberg kursierten, sah das noch ganz anders aus. Trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen – ist eine besondere Beziehung zwischen den Partnerstädten Gifhorn und Hallsberg entstanden. Der Verein gewordene Ausdruck dessen ist der Freundeskreis Gifhorn-Hallsberg, der in diesem Jahr seinen 25. Geburtstag feiert. Ein starkes Stück!

Jürgen Martini sitzt auf seiner kleinen Terrasse in Kästorf und schaut auf die weiten Felder, die hinter der geschotterten Straße liegen. Ein schöner Ausblick sei das, meint er, teilweise seien dort riesige Nebelbänke zu beobachten. An anderen Tagen trauen sich Rehe vorsichtig aus dem Wald.

Der 73-Jährige ist ein ruhiger Vertreter, und Ordnung ist ihm heilig. In seinem Arbeitszimmer stapeln sich fein säuberlich die Aktenordner und Fotoalben, alle beschriftet. In ihnen schlummern viele Geschichten. Und ja, Jürgen Martini hat wirklich viele Geschichten zu erzählen.

Mit dem Freundeskreis fing es 1996 an, halt nein, eigentlich müssen wir noch weiter zurückgehen, sagt er. Nämlich ins Jahr 1971. Dorther rühren die ersten zaghaften Annäherungsversuche des schwedischen Kumla, gelegen in der Region Hallsberg, in Richtung unserer Mühlenstadt. Verantwortlich: Dieter Severien. Den Gifhorner hatte es schon viele Jahre zuvor nach Schweden verschlagen, „der Liebe wegen“, wie Jürgen Martini zu berichten weiß. Aber die Postkarte von Geschäftsmann Severien, die 1971 die Gifhorner Aller-Zeitung erreichte, ist sozusagen die Geburtsurkunde der schwedisch-deutschen Beziehungen.

Jürgen Martini ist der Freundeskreis-Vorsitzende – und blättert noch immer in den Fotoalben.

Foto: Çağla Canıdar

Dieter Severien hatte sich nicht nur ein neues Leben weit im skandinavischen Norden aufgebaut, sondern war auch ein begeisterter Schwimmer. Warum nicht also den sportlichen Wettkampf nehmen, um einen Austausch zwischen der alten und der neuen Heimat zu organisieren? Ein geradezu olympischer Gedanke des Wahl-Schweden – der in unserer Mühlenstadt auf offene Ohren stieß.

„Los ging es mit den Schwimmern“, erinnert sich Jürgen Martini beim Blättern in den Fotoalben, „später waren es die Chöre, die Badmintonspieler und die Kunsthandwerker.“ Seine eigene erste Berührung mit Hallsberg folgte 1984 – mit einer Jugendfußballmannschaft des MTV Gifhorn. Ab diesen Tagen hatte Jürgen Martini das Schwedenfieber gepackt.

Die Kontakte nach Hallsberg waren mittlerweile mehrdimensional – nicht nur über den Sport, auch über die Kultur verlief der Dialog. Richtig formal wurde es dann Anfang der 90er, als die ersten Austauschschüler unter der Leitung von Lehrer Willi Scharf der Gifhorner BBS II nach Hallsberg kamen. „Wir haben uns dann gesagt: Lasst uns die Kontakte offiziell machen“, sagt Jürgen Martini, während er eine weitere Seite im Fotoalbum umblättert. Los ging‘s!

Das Haus von Kinderbuchautorin Astrid Lindgren bei Vimmerby (oben) ist weltbekannt – und war dem Freundeskreis einen Abstecher wert.

Foto: Privat

Nun sind wir im Jahr 1996 angekommen, genauer gesagt: Im Lokal „Broyhan“, Celler Straße, Gifhorn. Jürgen Martini, Willi Scharf, Angela Althaus, Karsten Eggeling und Trudy Tertilt besiegelten damals die Gründung des Freundeskreises Gifhorn-Hallsberg. Das ist nun 25 Jahre her, ein Vierteljahrhundert. Offizielle Mitglieder gibt es bis zum heutigen Tage stolze 107 – und da die natürlich gut begeistert werden wollen, organisierte der Freundeskreis nicht nur in Gifhorn Fahrradtouren, ausgiebige Sommerfeste und würdevolle Veranstaltungen für den schwedischen Feiertag der Heiligen Lucia. Auch die Besuche ins königliche Schweden standen regelmäßig im Kalender. Dort gab es weitläufige Wanderungen, Tagesausflüge in kleine wie große Städte, imposante Kirchenkonzerte, ganz viel Krebsfleisch auf den Tellern, Schlossbesichtigungen in Vänern, die größte Eisdiele Schwedens Smultronstället, die Filmkulissen zum legendären Kommissar Kurt Wallander, das Haus von Astrid Lindgren in Vimmerby, einen Trip zum schwedischen Stonehenge Ales stenar, und so weiter und so fort...

Die Bürgerfahrten des Freundeskreises Gifhorn-Hallsberg führte die Schwedinnen und Schweden nach Gifhorn und die Mühlenstädter nach Hallsberg. Kaum eine Sehenswürdigkeit blieb unbesucht.

Foto: Privat

Jürgen Martini nimmt einen Schluck Wasser. Wahrscheinlich ist er selbst überrascht, was es alles zu erzählen gibt. Und es hat den Anschein, als würden sich beim Durchblättern der Fotoalben die aufgezeichneten Erinnerungen mit den eigenen überlappen – erst jetzt wird alles wieder richtig lebendig.

Der Vorsitzende des Freundeskreises und Schweden – eine große Leidenschaft, die auf ewig andauert. Früher seien er und seine Frau zwei- bis dreimal pro Jahr im Norden gewesen, auch mal in Island und bis ran an die norwegische Grenze. Jürgen Martini kennt fast alles in Skandinavien. Doch Schweden, das sei eine Sache für sich. „Die Menschen dort haben keine Hektik, sie haben immer die Ruhe. Von der Mentalität her ist das schon was anderes“, sagt er. Einen Traum hat er sich bereits erfüllt: ein Besuch des Nordkaps. Nun fehlt nur noch Wunsch Nummer zwei: „Ich würde gern die Polarlichter sehen“, verrät Jürgen Martini und blickt auf die Kästorfer Felder. Am Waldesrand kann man die ersten Rehe erkennen. Es ist spät geworden.

Zum 25. Geburtstag des Freundeskreises hatten sich die Mitglieder natürlich eine Party gewünscht. Derzeit eher nicht so möglich. Die Einladungen seien aber verschickt, sagt Jürgen Martini. Auch der 92-jährige Dieter Severien habe eine bekommen – und bereits zugesagt.