Kopfüber

Über Nervenflattern im Darts: Unser Kolumnist Malte Schönfeld berichtet von der Leidenschaft zur 180

Malte Schönfeld Veröffentlicht am 01.03.2026
Über Nervenflattern im Darts: Unser Kolumnist Malte Schönfeld berichtet von der Leidenschaft zur 180

„Konzentration bei der Fußstellung am Oche, sauberes Durchschwingen beim Wurf – darauf kommt es beim Darts an“, meint Malte Schönfeld. Schwieriger wird’s nur dadurch, dass die KI die Felder vertauscht.

Foto: KURT Media via Dall-E

Ob ich noch weiß, wie viel meine alten gewogen hätten. Ich lasse die spitzen Pfeile des Freundes von einer Hand vorsichtig auf die andere gleiten, observiere sie dabei wie ein Raucher das neue Design einer Zigarettenschachtel. „Puuh, schwierig, schwierig.“ Die lamellenartigen Rillen, die Grooves der Barrels signalisieren mir Grip. Das gefällt mir. 26 Gramm, rechnet mein Freund vor, seien diese, und dabei zeigt er zu den schlanken Darts, auf die ich nun K-Flex-Flights schraube. „Dann lass uns mal loslegen.“

Konzentration bei der Fußstellung am Oche, sauberes Durchschwingen beim Wurf – darauf kommt es an. Darts. Easy to learn, hard to master. Rhythmus ist unverzichtbar, ein Wurftempo, in dem man sich wohlfühlt. Klok, klok, klok. Zielen oder den Wurf fühlen? Ist höhere Geometrie gefragt? Der Wurfarm ist angewinkelt, der Pfeil selbst beschreibt eine einzigartige und bestenfalls dennoch unendlich häufig reproduzierbare Flugbahn. Ein Ding der Unmöglichkeit.

In meiner Jugend spielte ich mit hausaufgabenscheuen Schulfreunden in der Unprofessional Darts Corporation, unser uneingetragenes Pendant zur berühmten PDC. Jeden Monat organisierten wir eine Open zwischen Gifhorn, Isenbüttel und Allerbüttel, spielten kuriose Turnierbäume. Eine schon sehr ernst gemeinte Weltmeisterschaft als Ritual im Winter, diabetesförderndes Buffet von Chips bis sabschigen Schoko-Cookies, ein prall gefüllter 180er-Pot, der nie ausgeschüttet wurde, Digitalkamera-Kameramänner und parteiische Kommentatoren, Jahreshauptversammlung, Spitznamen und Einlaufmusiken. Wir haben viel gelacht, noch mehr geflucht. Die Scheiben fransten aus. Löcher in der Wand handelten uns Ärger mit den Eltern ein. Bouncer sprühten manchmal sogar Funken, wenn sie über den Boden schmirgelten.

Die Zeiten haben sich schon gewaltig geändert. Früher, und damit sind die 80er gemeint, rauchten die Spieler noch auf der Bühne. Manche schluckten Pint um Pint, bis sie mit dem Stehtisch am Oche umkippten. Nikotingelbe Szenen wie von Jörg Fauser geschrieben. Heute sind die Profis haartransplantiert, teilweise muskelbepackt, sie trinken vorbildlich Wässerchen und pflegen ihr Image. Es gibt immer noch ein paar Bad Boys, strauchelnde Fan-Lieblinge, großartige Weltmeister, die nur noch für den Spaß spielen, großartige Weltmeister, die alles Geld verprasst haben, Wunderkinder, auch ein paar Deutsche, die immer besser werden.

Doch worauf kommt es uns Fans an? Eleganz beim Wurfstil, oder hält der Spieler beim Wurf den Mund offen wie so ein Walhai; schwitzen bis einem die Perlen wie Wasserfälle durch die Falten laufen; unübliche Lieblingsdoppelfelder; wer feiert den Leg-Gewinn bescheiden, wer macht sich zum Affen.

Das Schöne am Spiel ist das schnelle Kopfrechnen, die vielen Wege zum Ziel. Auch die aufkommende Unsicherheit: Wie liegt der Pfeil gerade in der Hand, liegt der immer so? Dann verkrampft man, muss sich lockern, bläst dick die Backen aus, knackt die Finger und setzt noch einmal an. Unschlagbar: das Nervenflattern auf die Doppel, die Aufregung, wenn nach unzähligen Versuchen plötzlich zwei Pfeile in der Triple-20 stecken und die 180 ganz nahe ist. Und zack, geht der dritte in die 5. Schön wär‘s gewesen.


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