Kopfüber-Kolumne

Zwei Flaschen Weißwein, eine halbe Flasche Ouzo - und der wunderschöne Traum von einem Urlaub auf Spetses

Malte Schönfeld Veröffentlicht am 14.02.2021
Zwei Flaschen Weißwein, eine halbe Flasche Ouzo - und der wunderschöne Traum von einem Urlaub auf Spetses

Nicht rausgehen, Kontakte reduzieren – da bleibt viel Zeit zum Träumen. KURT-Kolumnist Malte träumt und nimmt uns mit.

Foto: Pixabay (Symbolfoto)

Schneegestöber versucht den Regenschauer abzulösen, man trifft sich in der Mitte, und herauskommt ein widerlicher Tröpfchenschlamm, der sich an die Scheiben schmiert. Es gilt, nicht rauszugehen, niemanden zu sehen, also wenn man es bis zum Ende denkt: niemanden zu lieben. Ich vermisse eine Welt, die das Lieben möglich macht und fange an zu träumen.

In einem Wassertaxi erreichen wir die griechische Insel Spetses, die als Teil der Saronischen Inselgruppe im Argolischen Golf liegt. Wassertaxis sind hier ganz normal, und selbst wenn man Bootsfahrten auf Kurzstrecke von zu Hause nicht kennt, gewöhnt man sich doch schnell daran.

Der Kapitän ist ein kleiner Mann, und wie ich ihn so anschaue, besteht er fast nur aus Bauch. Er lacht unentwegt und winkt mit den Armen ein paar Touristen auf dem Festland. Vielleicht hofft er so auf mehr Kundschaft – oder er ist einfach nur freundlich. Manchmal kann ich da keinen Unterschied machen. Wir bezahlen ihn per Paypal, das macht man hier so.

Je nachdem wie hoch die Sonne steht, sieht das Meerwasser ganz leicht aus und türkis und hellblau, oder abends sehr schwer und tiefblau bis hin zu schwarz. Das habe ich zumindest gelesen, als ich vor unserem Reiseantritt gegoogelt habe.

Jetzt gerade ist es aber fast Mittag, dementsprechend ist das Wasser von transzendierender Klarheit, und wir setzen uns an den Rand der Promenade.

Wir lassen die Beine baumeln. Wenn eine größere Welle angeschwappt kommt und auf den Beton stößt, spritzen einzelne Tropfen gegen unsere Füße. Mir fällt auf, dass ich meine Fußnägel mal wieder abknipsen müsste, denn sie sind in kürzester Zeit ausgesprochen lang geworden, und überlege, das sogar an dieser Stelle zu machen, entscheide mich aber doch dagegen.

Vor uns segeln lilienweiße Möwen und schnattern. Von dem Punkt aus, wo wir sitzen, kann man die Schwesterinsel Spetsopoula erkennen. Sie ist im Privatbesitz der Reeder-Familie Niarchos und man sagt sich, dass Patron Stavros Niarchos früher der Insel Spetses reichlich Geld gegeben hat, um die Promenade schön zu bebauen, damit er von Spetsopoula eine schöne Aussicht genießen durfte.

Wie erwähnt, das sagt man sich so, ich weiß nicht, ob‘s stimmt. Fest steht, dass zwei seiner Frauen Suizid begangen haben und sein Sohn Konstantin an einer Überdosis Kokain zugrunde ging. 1996 verstarb Stavros Niarchos in Zürich, und das passt irgendwie zusammen.

Als wir abends im Stadtkern von Spetses im Restaurant sitzen, bestellen wir einen großen Teller Oktopus und Meeräsche. „Good choice, you should definetly try them“, sagt eine Frau in mittlerem Alter vom Nebentisch und zündet eine Marlboro Light an. Wir fragen sie, woher sie kommt, und sie erwidert, sie käme aus Australien, und dann saugt sie an ihrer Zigarette und bläst den Rauch über den Kerzenschein.

Wir trinken zwei Flaschen Weißwein und ein halbe Flasche Ouzo und sind daraufhin ganz schön angeschlagen. Auf dem Heimweg zu unserem Hotel, zurück an der Promenade, fällt meine Freundin fast ins Wasser.

In Spetses ist alles weiß. Die viereckigen Häuser, die Tischchen und ihre Decken, die Kerzen, die Teller, die Mauern der Gärten, die Schnellboote im Hafen, die Yachten auf dem Meer. Nur die Dächer, die sind orange, und die Palmen, die sind selbstverständlich grün.

Ich glaube, dass das die Art zu leben ist: drei Farben, keine mehr. Natürlich kann man die Farben austauschen wie man möchte, aber drei Farben reichen aus, um alle Fähigkeiten, Emotionen, Regungen und Haltungen eines Menschen abzubilden. So wie wir alle Farben dieser Welt erkennen können, obwohl wir nur rote, grüne und blaue Zapfen haben.

In dem Moment, als ich aus dem Traum erwache, bilden sich in meinem Sichtfeld schlangenartige Schlieren. Ich gucke aus dem Fenster, alles ist weiß, denn es hat geschneit.