Kunst

Her mit der Fantasie in Zeiten der Eindeutigkeit: Laura Gaiser aus dem Künstlerhaus Meinersen zeigt Ausstellung „Mimikry“

Redaktion Veröffentlicht am 01.02.2026
Her mit der Fantasie in Zeiten der Eindeutigkeit: Laura Gaiser aus dem Künstlerhaus Meinersen zeigt Ausstellung „Mimikry“

Die Wandelbarkeit des Körpers und die Verfremdung des Bekannten ist für Künstlerin Laura Gaiser immer eine Auseinandersetzung wert, wie bei dem hier zu sehenden Filmstill „Giraffe und Stier“ aus 2024.

Foto: Laura Gaiser

Mehr als je zuvor ist unsere uneindeutige Welt bestimmt von eindeutigen Zahlen und sich selbst ausfüllenden Tabellen, Algorithmen und Wahrscheinlichkeiten. Wir spüren alle aber auch: Im Dazwischen muss es noch mehr geben. Wie eine weitere Welt, die verdrängt wird und mit der vermeintlichen Eindeutigkeit konkurriert. Dieses abenteuerliche, unheimlich reichhaltige Dazwischen ist das Sujet für Stipendiatin Laura Gaiser, die im Künstlerhaus Meinersen am Freitag, 13. Februar, ihre Ausstellung „Mimikry“ eröffnet und uns allen dringend notwendige Fantasie einhaucht.

Lieber in die Tiefe gehen, und nicht ans Ende. Denn am Ende erwarten einen nur Pole. Was sich innerhalb der Enden tut, das ist das Faszinierende. Sich dort einsaugen lassen, wo es turbulent wird. Und genau da hält sich Laura Gaiser, geboren 1985, mit ihrer Kunst auf.

In ihrer Abschlussausstellung zur Zeit in Meinersen zeigt sie neue Videoarbeiten und fotografische Serien, auch Ansätze für performative Formate sind entstanden. Im Zentrum stehen außerdem Insektenkostüme, die wie Arbeiten zuvor auf Verfremdung, Fragmentierung und Überlagerungen setzen. Hybride entstehen, scheinbar Unfertiges, das diffundiert zwischen Traumfigur, Mutation und Gestaltenwandler.

Zum Endes ihres Stipendiums in Meinersen zeigt Laura Gaiser ihre Abschlussausstellung „Mimikry“.

Foto: Laura Gaiser

„Mimikry verstehe ich hier nicht nur im biologischen Sinn als Tarnung oder Anpassung, sondern als künstlerische Strategie des Dazwischenseins“, erklärt Laura Gaiser. Die Werke sind manchmal unheimlich, dann humorvoll, vielleicht erotisch. „Die Kostüme fungieren als Träger einer eigenen Bildsprache, in der sich Beobachtung, Imagination und körperliche Erfahrung überlagern.“ Beobachtung und Praxis sind deckungsgleich.

Studiert hat sie an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe. Von Toon Verhoef lernte sie eine Sensibilität für Bildräume und malerisches Denken, von John Bock den Mut zur Überforderung, zum Exzess und Denken jenseits klarer Kategorien. „Inzwischen habe ich gelernt, diese Offenheit stärker zu fokussieren und meiner eigenen Stimme mehr zu vertrauen.“ Das ist spürbar. Betrachtet man ihre Werke, darf man den Eindruck gewinnen, sie würden atmen, ja, fast fliegen.

Voller Leben nahm Laura Gaiser auch ihre Meinerser Umwelt wahr: „Die Überschaubarkeit des Ortes lässt Details schnell sichtbar werden und schafft eine Sensibilität für Veränderungen und Stimmungen.“ Menschen und die Gespräche mit ihnen, die Tiere und die Natur, der Rhythmus des Alltags habe einen Resonanzraum aufgemacht, in dem sich gut arbeiten ließ. Wie beim Mimikry, das die Praxis des Verschmelzens freisetzt, in der Raum und Form ineinander greifen und Identitäten, Körper und Situationen instabil werden.

Mensch, Tier, Hybridwesen – die Künstlerin Laura Gaiser spielt mit dem Erwartbaren, so wie hier zu sehen im Filmstill „Schlange“ (2019).

Foto: Laura Gaiser

Die Künstlerin arbeitet häufig mit der Technik der Collage, „so entstehen neue Bezüge, neue Perspektiven, neue Bilder. Manchmal braucht es Bewegung, manchmal Stillstand, manchmal den Körper, manchmal das Bild.“ In der Kunst ist das alles möglich, und plötzlich bekommt Flaches ein Volumen, Totes wird lebendig, und umgekehrt.

Ein ums andere Mal fühlt man sich in der Gestaltung an Wesen der Mythologie erinnert, an Fabeltiere oder gar Außerirdische. Eine Meerjungfrau verschmilzt so mit einem Tausendfüßler, die Giraffe ist klein und geht auf zwei Beinen, die regenwurmgroße Schlange windet sich um das menschliche Auge.

„Mythologie ist für mich ein Archiv kollektiver Bilder und Ängste“, sagt Laura Gaiser. „Mythen erzählen von Transformation, Grenzüberschreitung und Körpern, die nicht eindeutig sind. Sie erlauben es, sehr persönliche Themen in einen größeren, zeitlosen Zusammenhang zu stellen.“

Extraterrestrisch und schutzlos aalt sich dieser „Tausendfüßler“ (2024) mit Fühlerkrone in der Wildnis, eine sinnlich-erotische Erfahrung.

Foto: Laura Gaiser

Und noch etwas anderes schwebt in diesen Szenen: Es sind Lust, Begierde und Versuchung. Ein reizvolles Spiel wird hier gespielt, doch niemand kennt so genau die Regeln. Sie müssen gemeinsam erkundet werden. Mann und Frau, Unterwerfung und Dominanz sind hier nur die angesprochenen Pole, irgendwo dazwischen befindet sich das Subjekt in der Selbstwerdung. Die Künstlerin unterstreicht: „Mich interessieren Übergänge – zwischen Lust und Gewalt, Traum und Realität, Selbst- und Fremdbild. Es geht um das Sichtbarmachen von Ambivalenzen.“

Die vermutlich größte Kraft der Werke von Laura Gaiser liegt in ihrer Neugier. Man könnte fast meinen: Sie sind angstbefreit. Die Künstlerin selbst bleibt dennoch vorsichtig: „Angstfreiheit wäre vielleicht zu viel gesagt. Aber ich habe gelernt, Angst als Teil des Prozesses zu akzeptieren. Wenn alles in Bewegung ist, gibt es keinen sicheren Standpunkt – und genau darin liegt auch eine große Freiheit.“ Und das ist ja auch schon mal einiges, oder alles, wie man so möchte, in einer Zeit, die eindeutig von Unfreiheit und Gewalt bedroht wird.

Ausstellung von Laura Gaiser:
„Mimikry“
Vernissage: 13. Februar, 19 Uhr
Ausstellung: 14. Februar bis 8. März
Do., Sa. & So. 15 bis 18 Uhr
Künstlerhaus
Hauptstraße 2, Meinersen


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