Kopfüber

Machtübernahme der Rechtsextremen: Kolumnist Malte Schönfeld albträumt von Schlägertrupps und fußballfeldgroßen Deutschlandfahnen

Malte Schönfeld Veröffentlicht am 14.02.2026
Machtübernahme der Rechtsextremen: Kolumnist Malte Schönfeld albträumt von Schlägertrupps und fußballfeldgroßen Deutschlandfahnen

Statuen von rechten und libertären Vordenkern, politische Pseudopolizeien, Abbau des Sozialstaats – unser Redaktionsleiter Malte Schönfeld rutschte in einen Albtraum, in dem Gifhorn von Rechtsextremen regiert wird.

Foto: KURT Media via Dall-E

In Zorn fahre ich hoch, meine Haut brennt, das Blut kocht. Ein Bein schiebe ich lose über die Bettkante, um kühle Luft an den Körper zu lassen. Mit schmerzendem Kopf rutsche ich unter der Decke hervor. Hinter den bodenlangen Vorhängen zeichnen sich Schemen von Lichtquellen ab. Am Fenster stehend schaue ich in den kalten Mond, der bedrohlich über den Häuserrücken schwebt. Was für ein Albtraum das war.

Einige Jahre nach der Machtübernahme der Rechtsextremen in Gifhorn sieht die Stadt auf den ersten Blick ganz gewöhnlich aus. Autobrummen, Tankstellen, von feuchter Finsternis gewellte Plakate auf der Braunschweiger Straße. Ich komme dem Schillerplatz näher. Ein bedrohlicher Windstoß packt zu und hebt mich empor, ich fliege, oder falle, das weiß man im Traum ja immer nicht so genau.

Grausam, was Retropolitik aus meiner Heimat gemacht hat. Und so schnell. Sie nimmt sich so bieder aus. Auf dem Schillerplatz klopfen Bildhauer in Latzhosen an entschlossen dreinblickenden Statuen von Carl Schmitt, Ayn Rand und Götz Kubitschek. Geplanten Fahrradstraßen wurden Parkplatzfelder vorgezogen, alles sieht so platt aus. Wo sind bloß die Bäume hin? Auf der Braunschweiger Straße stauen sich mehrspurig Autos hunderte Meter lang. Aus einem fensterlosen Van dröhnt „Ice, Ice, Baby“, plötzlich geht eine Schiebetür auf und eine strampelnde Frau wird in den Wagen gezerrt.

Zurück unten am Boden sitze ich in einem menschenleeren Café, niemand bedient mich, also greife ich die gefaltete Tageszeitung vom Nebentisch. Ich lese. Regelmäßig tauchen Hakenkreuze an Vereinsheimen und Punk-Kneipen auf, es lohne sich gar nicht, sie entfernen zu lassen, wie eine Wirtin sagt. Bürgerwehren patrouillieren, um Jugendliche mit rosa oder schwarzem Haar zu prügeln. Andernorts reißen grölende Nachttrupps Balkonkraftwerke aus den Vorgärten. Auch lese ich, dass man zukünftig mehr gegen Wohnungslose unternehmen möchte. Für die Anschaffung einer überdimensionierten Deutschlandfahne, 60 x 100 Meter, greifen Stadtratsmehrheit und Bürgermeister tief in die Haushaltskasse; sie soll die größte Fahne in der Bundesrepublik sein und stolz an einem alten Windrad flattern.

Das alles gehe natürlich nur mit einer kommunalen Austeritätspolitik, wird ein Pressesprecher zitiert. Um Kosten zu sparen, findet das Altstadtfest künftig nur noch an einem Tag und alle zwei Jahre statt. Die Fraktion der Rechtsextremen im Stadtrat fordert zudem einen „Sparkurs für Behindertenschulen“. Bei Verstoß gegen „nationale Darstellungsinteressen“ droht den Museen, Galerien, Theatern und der Stadtbücherei eine vollständige Streichung der Subventionen. Sportförderungen sind vorerst ausgesetzt, und vorerst bedeutet natürlich bis auf Weiteres, Ausnahme sind die neu gegründeten „Kampfsportgruppen zur Vaterlandsverteidigung“. Im Allgemeinen ist der Ton der Artikel wohlwollend und ängstlich.

Gerade als ich aufstehen möchte, trifft mich ein behandschuhter Faustschlag seitlich und das Jochbein knackt, wie ich auf dem Pflasterstein aufschlage. Die vermummten Angreifer packen mich, schleifen mich zu einem schwarzen Transporter. Blind bin ich, als die Schiebetür unbarmherzig und endgültig zuschnellt.


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