Kopfüber-Kolumne

Was macht den Dutt zum perfekten Dutt? Und inwieweit spiegelt das Haar unsere alltägliche Angestrengtheit?

Malte Schönfeld Veröffentlicht am 30.03.2021
Was macht den Dutt zum perfekten Dutt? Und inwieweit spiegelt das Haar unsere alltägliche Angestrengtheit?

KURTs Kopfüber-Kolumnist Malte Schönfeld meint: Begreifen wir das Leben als eine Leichtigkeit. Ob der Dutt nun perfekt ist – oder nicht...

Foto: Piqsels.com (Symbolfoto)

Es war einer der letzten Office-Tage im Januar, kurz nach den Heiligen Drei Königen, und die Stimmung hatte die Gelöstheit des Neujahrs und die Gelähmtheit des Lockdowns. Ich stand mit meiner Arbeitskollegin auf dem Gehweg an der Celler Straße und sie trug den perfekten Dutt. Haruki Murakami würde wohl sagen: Es war der 100-prozentige Dutt, den sie da trug. Also versuchte ich, dieses Kompliment unterzubringen: „Der Dutt sieht heute perfekt aus.“

Der unbedarfte Lesende möchte da meinen, dass das ja häufig passieren müsste. Haare ändern selten ihre grundlegenden Beschaffenheiten, auch die Haarlänge wechselt nun willkürlich. Und doch, lieber Lesende, passiert es nur wenige Tage im Monat, dass der perfekte Dutt zustande kommt.

Meine Arbeitskollegin schaute – wieder im Büro stehend – im Spiegelbild des Fensterglases Korrektur, kam zurück an meinen Sitzplatz und bestätigte erfreut, aber sachlich meinen Eindruck. Tatsächlich, sagte sie, das sei der perfekte Dutt.

Ich fragte, ob sie am Morgen etwas anders gemacht hätte als all die anderen Morgen, ob es da eine Technik gebe, eine neue Kur oder ein Shampoo.

Sie überlegte kurz, verneinte und meinte dann: „Das ist wahrlich verrückt. Ich habe mir heute früh weniger Mühe gemacht als an den vergangenen Tagen. Manchmal, da macht man die Haare einfach nur kurz zusammen, oder man hat geduscht, ohne die Haare zu waschen. Es geht auch so, dass man in Eile ist, und dann macht man den Dutt wieder anders.“

Unkokett blickte sie ein weiteres Mal ins Fenster und wendete den Kopf hin und her. Ja, tatsächlich, der Dutt blieb perfekt.

Das Geheimnis des perfekten Dutts ist schwer zu ergründen. Sicher ist aber – das lernte ich nun aus ihrer Schilderung –, dass der perfekte Dutt eben gerade nicht perfekt, sondern unperfekt ist. Die Hast, in der er gebunden wird, und die spiegellose Beiläufigkeit ziehen – so scheint es – das Perfekte in seinen Bann.

Meine Arbeitskollegin und ich sprachen noch etwas länger darüber, und wir kamen zu dem Entschluss, dass der Dutt so perfekt geworden war, weil man es manchmal einfach zu doll will. Wenn man Dinge zu doll will, gehe die Leichtigkeit verloren. „Das ist genauso wie mit Beziehungen“, schloss meine Arbeitskollegin. „Die gehen auch in die Brüche, wenn die eine Seite sich zu sehr anstrengt.“

Ich dachte noch einige Tage darüber nach, und der perfekte Dutt wirkte nach. Ich bemerkte, dass viele Dinge nicht wirklich besser laufen, wenn man sie mit überbordendem Eifer betreibt. Beflissenheit ist nicht nur ein unerträglicher Charakterzug, sondern zieht häufig die Humorlosigkeit hinter sich her, die weitaus schlimmer wiegt.

Und dann dachte ich darüber nach, wie unsere aktuelle Weltlage die Leute buchstäblich verrückt macht. Das stetige Wachstum, der falsche Ehrgeiz, die kaschierte Gier, die offene Gier, auch das Streben nach Glück und damit das Streben nach Glücklichsein, der Drang zum Perfektionismus, zur totalen Verschönerung, der Körperkult, der gesündere Morgendrink, das teuerste Telefon, und der kürzeste Weg – führen uns diese Motive und Handlungen denn in die Zufriedenheit?

Mir scheint es nun, Wochen nachdem meine Arbeitskollegin den perfekten Dutt trug, nicht wie eine überhaupt neue Erkenntnis, aber doch als eine Bestärkung darin, das Leben als eine Leichtigkeit begreifen zu müssen. Denn im Absurdismus bleibt uns gar nichts anderes übrig als mit glänzenden Augen und beschwingtem Gang in der hellen Finsternis zu entschwinden.

Schon am nächsten Tag trug meine Arbeitskollegin einen Dutt, der uns beiden nicht sonderlich gefiel. Er hatte diese überharte Strenge, keine einzige Locke war ihm entkommen.

Malte Schönfeld schreibt die monatliche Kopfüber-Kolumne für KURT. Zerbrechen Sie sich auch manchmal den Kopf über irgendetwas? Dann lassen Sie es uns gerne wissen: redaktion@kurt-gifhorn.de.