Glauben & Zweifeln

Vorhang auf für Verlierer: KURT-Kolumnist Martin Wrasmann erzählt vom Scheitern und vom Aufstehen

Martin Wrasmann Veröffentlicht am 10.07.2022
Vorhang auf für Verlierer: KURT-Kolumnist Martin Wrasmann erzählt vom Scheitern und vom Aufstehen

Aus einem Seidenfaden kann auch ein Seil werden: KURT-Kolumnist Martin Wrasmann denkt über eine indische Erzählung nach.

Foto: Michael Uhmeyer

Pandemie, Krieg, Klimakrise, persönliche Lebenslagen – es stellen sich uns oftmals Situationen, die keinen Ausweg erkennen lassen. Wie soll der Ukrainekrieg beendet werden? Das 1,5-Grad-Ziel ist fast nicht mehr erreichbar, erklärt uns die Wissenschaft. Beziehungen gehen in die Brüche und es gibt oft keinen Weg der Versöhnung – aussichtslos. Eine vermeintliche Ausweglosigkeit zieht sich wie ein dunkler Schleier über unser gesellschaftliches und privates Leben. Im Betrachten mancher scheinbar auswegloser Situationen braucht es deshalb Mutmachgeschichten.

Eine dieser Mutmachgeschichten ist diese alte indische Erzählung: „Ein hoher Beamter fiel bei seinem König in Ungnade. Der ließ ihn im obersten Raum eines Turmes einkerkern, keine Aussicht auf Befreiung oder ein Ende der Strafe. In einer mondhellen Nacht aber stand der Gefangene oben auf der Zinne und schaute hinab. Da sah er seine Frau. Sie machte ihm ein Zeichen und berührte die Mauer des Turmes. Gespannt blickte der Mann hinunter, aber er konnte nicht erkennen, was seine Frau tat. So wartete er geduldig. Die Frau hatte ein honigliebendes Insekt gefangen, sie bestrich die Fühler des Käfers mit Honig. Dann befestigte sie das Ende eines Seidenfadens am Körper des Käfers und setzte das Tierchen mit dem Kopf nach oben an die Turmmauer.

Der Käfer kroch langsam dem Geruch des Honigs nach, immer nach oben, bis er schließlich dort ankam, wo der gefangene Ehemann stand. Der gefangene Mann lauschte in die Nacht hinein, und sein Blick ging nach unten. Da sah er das kleine Tier über die Rampe klettern. Er griff behutsam nach ihm, löste den Seidenfaden und zog ihn langsam und vorsichtig zu sich empor. Der Faden aber wurde immer schwerer. Und als der Ehemann den Seidenfaden ganz bei sich hatte, sah er, dass am Ende des turmlangen Fadens ein Zwirnfaden befestigt war. Der Mann oben zog nun auch diesen Faden zu sich empor. Der Faden wurde immer schwerer, und siehe, an seinem Ende war ein kräftiger Bindfaden festgemacht. Langsam und vorsichtig zog der Mann den Bindfaden zu sich empor. Auch dieser Faden wurde immer schwerer. Und an seinem Ende war eine starke Schnur. Der Mann zog die Schnur zu sich heran und hatte schließlich ein starkes Seil, in seiner Hand. Das Seil machte der Mann an einer Turmzinne fest. Das Weitere war einfach. Der Gefangene ließ sich am Seil hinab und war frei. Er ging mit seiner Frau schweigend in die stille Nacht hinaus und verließ das Land des ungerechten Königs.“

Es sind diese Geschichten, die in mir instinktiv wachrufen, dass es in vielen Problemlagen Lösungen gibt, keine Rezepturen wie „Es wird schon“, keine Plattitüden wie „Morgen ist auch noch ein Tag“, kein Alltagsgeschwätz wie „Nach jedem Regen kommt auch der Sonnenschein“.

Für Lösungen braucht es etwas anderes: Geduld, Besonnenheit, Kreativität, Glauben und Zweifel, Vertrauen in die eigene Stärke, Willenskraft. Die Geschichte macht es deutlich, nur aus den zwei Grundpfeilern Seidenpfaden und Kerker erwächst noch keine Lösung. Wenn eine/r sich an einen Faden klammert: keine/n Bergsteiger/in könnte er halten, keine Ertrinkenden vor dem Unheil retten. Fäden sind zu dünn, zu zerreißbar für die großen Lösungen. Für die kleinen mag es da reichen, der Sicherheitsfaden, das Nähgarn.

Aber wie so oft ist es das Kleine, das den Anfang für das Größere bildet. In vielen Biographien ist es der kleine Faden zu Beginn (Ich komme aus ganz einfachen Verhältnissen…), der dann zu etwas Starkem wächst. Ich wette, Sie alle kennen solche Geschichten oder haben vergleichbare Erfahrungen gemacht. So bekommt das Hesse-Zitat („Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“) eine ganz andere Bedeutung, es ist der Zauber von Faden, Käfer und Honig und der Intelligenz der Frau, die aus der Ausweglosigkeit zu einer Lösung führt.

Selbstverständlich zwingt uns das Leben Situationen auf, die wirklich unlösbar sind, Krankheit, plötzlicher Tod, sozialer Absturz, all diese schwerwiegenden Belastungen, die manche unter uns ertragen müssen, die will ich hier nicht kleinreden.

Eher möchte ich den Den-Kopf-in-den-Sand-Steckenden eine Spur legen, ermutigen, den Kopf herauszuziehen (im Sand kann man nicht atmen).

In vielen Städten gibt es mittlerweile sogenannte Fuck-up-Nights, da sprechen Menschen über ihr Scheitern. Fuckup-Nights stellen einen innovativen Umgang mit Misserfolgen dar. Fuckup bedeutet umgangssprachlich nichts anderes als „Missgeschick“ oder „Fehler“. Das Konzept der Fuckup-Night zielt darauf ab, offen mit Misserfolgen und Scheitern umzugehen. Ziel ist es, eine Kultur des Scheiterns einzuführen. Scheitern – fernab von Schande, wird als notwendige Erfahrung gesehen, die mitunter der Schlüssel zu neuen Lösungen sein kann.

Sich Fehler einzugestehen und offen darüber zu reden – ein Bekenntnis zum Scheitern – ist für viele immer noch undenkbar. Fuckup-Nights bieten die Möglichkeit, gemachte Erfahrungen und Fehler zu teilen. Den Zusehenden wird dadurch Mut gemacht und zum anderen gelehrt, dass Fehler da sind, um gemacht zu werden, um aus ihnen zu lernen.

Ich persönlich glaube, in diesem Sinn war das letzte Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern die erste Fuckup-Night, nach dem Mahl kam der Verrat und die Festnahme, das Scheitern auf ganzer Linie. Doch Jesus ist nicht liegengeblieben, mit seiner Auferstehung begann der Aufstand für das Leben.

Martin Wrasmann, katholischer Theologe aus Gifhorn, schreibt die monatliche KURT-Kolumne „Glauben & Zweifeln“. Beipflichtungen wie auch Widerworte sind stets willkommen. Leserbriefe gerne an redaktion@kurt-gifhorn.de.