Stadtgespräch

Viel zu lange hat das Auto alles dominiert - Das große KURT-Interview über weitreichende Veränderungen unseres Verkehrs in Gifhorn

Bastian Till Nowak, Malte Schönfeld Veröffentlicht am 24.05.2021
Viel zu lange hat das Auto alles dominiert  - Das große KURT-Interview über weitreichende Veränderungen unseres Verkehrs in Gifhorn

An der Kreuzung von Calberlaher Damm, Sonnenweg und Mozartstraße kommt es oft zu gefährlichen Situationen, weil Autofahrer zu schnell abbiegen und Radfahrer übersehen. Deshalb wird bald umgebaut.

Foto: Çağla Canıdar

Gifhorn wird sein Gesicht verändern! Das Fahrrad wird für immer mehr Menschen zum wichtigsten Verkehrsmittel. Klar, das Auto ist aus dem Stadtbild von heute nicht wegzudenken – und doch muss der öffentliche Raum neu verteilt werden. Denn vielerorts ist der Platz für Radfahrerinnen und Radfahrer einfach nicht ausreichend und der Alltag im Verkehr oft gefährlich. In Kürze startet ein sechsmonatiger Modellversuch, die Fußgängerzone wird ganztags für Fahrräder freigegeben. Auch Einbahnstraßenregelungen auf Hauptverkehrsstraßen sind kein Tabu mehr. Gifhorns Radverkehrsbeauftragter Oliver Bley (41) und Rainer Mühlnickel (64) vom Braunschweiger Planungsbüro Böregio sprechen im Interview mit KURT-Chefredakteur Bastian Till Nowak und KURT-Mitarbeiter Malte Schönfeld über ihre aktuell größten Herausforderungen.

Unter 450 Orten in Deutschland mit 20.000 bis 50.000 Einwohnern hat Gifhorn beim jüngsten Fahrradklimatest des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC) nur Platz 368 belegt. Als durchschnittliche Gesamtschulnote kam eine 4,3 heraus. Ganz ehrlich: Hat Sie dieses Ergebnis überrascht?

Oliver Bley: Dass wir nicht plötzlich zu den besten Städten gehören, war mir klar. Ich hätte mir schon gewünscht, dass wir uns ein bisschen verbessern. Vor zwei Jahren habe ich festgestellt, dass sich fast alle Kommunen verschlechtert haben – selbst regionale Spitzenreiter wie Wolfenbüttel. Aber in diesem Jahr fällt es bei uns in Gifhorn tatsächlich auf, dass es nochmals nach unten gegangen ist.

Woran hat es gelegen?

Bley: Das liegt sicherlich daran, dass wir als Stadt längst nicht so schnell vorankommen, wie es sich die radfahrenden Bürgerinnen und Bürger wünschen – bei gleichzeitig steigenden Anforderungen, weil der Radverkehr stetig wächst. Objektiv sind wir nicht schlechter geworden – wir sind nur nicht ausreichend schnell besser geworden.

Rainer Mühlnickel (oben links) und Gifhorns Radverkehrsbeauftragter Oliver Bley (unten) sprachen mit KURT-Chefredakteur Bastian Till Nowak.

Foto: Screenshot

Herr Mühlnickel, Sie sind beim ADFC auf Bundesebene engagiert. Wie interpretieren Sie den Fahrradklimatest der Stadt Gifhorn?

Rainer Mühlnickel: Ich kann nur unterstützen, was Herr Bley gesagt hat. Es ist schwierig, die Messlatte objektiv anzulegen. Die Ansprüche sind sehr hoch geworden. Die Radfahrerinnen und Radfahrer ärgern sich etwa über einen Knotenpunkt, der unsicher ist. Daraus folgt, dass die Bemühungen von Herrn Bley und der Verwaltung sehr kritisch gesehen werden. Da muss man noch viel mehr die Kommunikation fördern – was macht die Verwaltung, wo steht sie und was hat sie vor? Die Transparenz von Verwaltungen ist jedoch ein grundsätzliches Problem, nicht nur in Gifhorn.

Im „Zeit“-Magazin wurde jüngst ein hübsches Gleichnis aufgemacht: Wären Zeitreisen möglich und man würde die Autos der Jetztzeit im Jahr 1950 abstellen, so wären die Menschen von damals wohl erschrocken – und Eltern würden sich beklagen, dass Kinder auf den Straßen von heute nicht spielen können. Warum ist die Situation heute so, wie sie ist?

Mühlnickel: Für viele Städte lautete in den 60er und 70er Jahren das Stichwort „autogerechte Stadt“. Die Straßen wurden sehr groß geplant, Fuß- und Radverkehr haben da keine große Rolle gespielt. Verkehrsplaner sind in ihrer Ausbildung auch so sozialisiert worden, dass man mit dem Autoverkehr viel Geld verdienen kann – und so sind die Städte dann auch geplant worden. Das verändert sich jetzt aber. Man setzt auf Mobilität. Nehmen wir das Thema Parkplatzwegnahme, was auch ein sehr ideologisches Thema ist. Wenn man mehr Platz für den Radverkehr schaffen möchte, gibt es große Diskussionen: Wem nehmen wir diese Fläche nun weg? Meistens von den Parkplätzen entlang der Straßen. Oder wie in Gifhorn an der Lüneburger Straße, wo voraussichtlich eine Fahrspur weichen muss.

KURT-Mitarbeiterin Solveig Böhme machte den Test: Gute Noten gab‘s für die Braunschweiger Straße.

Foto: Çağla Canıdar

Muss die Aufteilung des öffentlichen Raums denn zwingend ein Verteilungskampf sein? Immerhin sind die wenigsten von uns ja nur Autofahrer oder nur Radfahrer oder nur Fußgänger.

Mühlnickel: Also, es gibt einen Unterschied zwischen Innenstadt und Außenbereich. Es hat sich so durchgesetzt, dass die Innenstadt attraktiv und die Lebensqualität erhöht werden soll – und da passen Autos nicht mehr so gut ins Konzept. Ein Fahrrad passt hingegen gut dazu. Man braucht aber natürlich auch Stellflächen für die Autos derjenigen, die von außen kommen. Die meisten Parkhäuser sind aber in aller Regel gar nicht ausgelastet. Der Platz ist also da – auch wenn im innerstädtischen Bereich Parkplätze weggelassen werden. So entsteht dann auch mehr öffentlicher Raum, den wir anders verteilen können – etwa um im Café zu sitzen, durch die Altstadt zu flanieren oder im Einzelhandel einzukaufen. Auch Schulen können wir so eher wieder in die Innenstadt ziehen und inhabergeführte Geschäfte fördern. Ähnlich wie in Italien. Da sind die großen Plätze, das Treffen und das Essengehen sehr wichtig. Und ich denke, da passt Gifhorn gut dazu.

426 Radfahrer kamen laut Statistischem Bundesamt im Jahr 2020 in Deutschland ums Leben – mehr als ein Mensch pro Tag. 91.821 wurden verletzt – genauer: meldeten ihre Verletzungen. Wie kann man Radwege sicherer für Fahrradfahrer machen?

Mühlnickel: Aus Gifhorn kenne ich keine aktuellen Zahlen. Bundesweit zeigt sich aber, dass die Knotenpunkte immer die Probleme bringen. Dass die Verkehrsführung nicht immer eindeutig ist, dass man als Radfahrerin und Radfahrer nicht genau weiß, wo man langfahren soll. Da muss sich sicher auch in Gifhorn noch etwas tun.

Zudem ist es gut, dass wir die Verkehrssicherheit auf Schulwegen immer mehr im Blick haben. Schul-Radwegepläne werden immer wichtiger. Hinzu kommt, dass die Kinder im Sicherheitsunterricht der Schulen informiert werden. Schließlich ist es auch gesund, mit dem Rad zur Schule zu fahren. Gerade in der CoronaZeit ist der Bewegungsaspekt für Kinder genauso wie für ältere Menschen ganz wichtig geworden. Man merkt es auch an den Zahlen: Das Rad brummt total, ob in Freizeit oder im Alltag!

Vor allem enge Radfahrstreifen wie hier an der Fallerslebener Straßen fielen im KURT-Test negativ auf.

Foto: Çağla Canıdar

Fahrradfahrer haben keine Knautschzone. Ihre von einem Autofahrer übersehene Vorfahrt oder eine unachtsam geöffnete Autotür können für sie schlimmste Folgen haben. Ist es da nicht grob fahrlässig, dass viele Radwege in Gifhorn dicht eingeengt zwischen dem rollenden Verkehr auf der Straße und den abgestellten Wagen am Fahrbahnrand verlaufen?

Bley: Ja. Das Thema Unfallhäufungen behandeln wir regelmäßig. Wir haben konkret eine Stelle in Gifhorn, wo wir mit der Polizei draufschauen. Da gibt es vermehrt Unfälle durch geöffnete Autotüren – ein Klassiker. Da ist jetzt die Entscheidung zu treffen: Nehmen wir da den Parkraum weg, um die Radfahrerinnen und Radfahrer zu schützen, weil es unter Umständen keine andere Möglichkeit gibt, sie zu führen? Das ist ein Problem, da müssen wir handeln.

Das Problem ist aber auch, dass wir nicht immer über solche Gefahrenpunkte Bescheid wissen. Denn wenn es körperlich nicht schlimme Vorfälle sind, werden sie leider häufig nicht gemeldet. Nur damit könnten wir allerdings – belastbar – die Situation einschätzen. Es hilft uns letztlich allen, wenn diese Vorfälle neutral bekannt sind.

Ein weiteres großes Problem sind die Abbiegegeschwindigkeiten, die oft zu hoch sind. Wir alle kennen die schlimmen Unfälle mit LKWs. An Hauptverkehrsstraßen, wo Radwege parallel geführt werden, haben wir als Stadt die Bauform eingeführt, dass die Radwege hochgelegt werden und man mit geschwungenen Bordsteinen nur nach rechts abbiegen kann. Das führt automatisch zu geringeren Abbiegegeschwindigkeiten und somit auch zu einem größeren Schutz für Radfahrer.

Welches sind denn die gefährlichsten Stellen in Gifhorn, an denen schnell etwas geändert werden muss?

Bley: Bei den Unfallhäufungsstellen haben wir die Kreuzung Calberlaher Damm/Sonnenweg/Mozartstraße ausgemacht. Eine riesige Kreuzung, geradezu gigantisch. Dort können die Autos trotz Sperrflächen noch immer mit Tempo 50 in die 30er-Zone abbiegen. Diesen Kreuzungspunkt werden wir mit einfachen Mitteln so umgestalten, dass die Abbiegegeschwindigkeit minimiert wird. Nur Sperrflächen helfen anscheinend nicht, da muss eine physikalische Grenze hin.

Andere Stellen sind im Wesentlichen KFZ-Knotenpunkte. Die Christinenstift-Kreuzung ist seit eh und je ein Unfallhäufungspunkt; da sind jetzt die Blitzer installiert. Auch an den Bundesstraßen gibt es solche Punkte.

Gifhorns Radverkehrsbeauftragter Oliver Bley lädt die Bürgerinnen und Bürger zum Mitreden über das neue Radverkehrskonzept ein.

Foto: Çağla Canıdar

Die Gifhorner Bürgerinnen und Bürger werden von Ihnen bei den Planungen zur Zukunft des Radverkehrs eingebunden – beispielsweise auch mit den Fragebögen, die in der vergangenen KURT-Ausgabe abgedruckt wurden. Welches sind – neben der Verkehrssicherheit – die dringendsten Verbesserungswünsche, die bislang zur Sprache kamen?

Mühlnickel: Wenn ich einen vorsichtigen Blick auf die noch nicht ganz beendete Umfrage werfe, sind die Radverkehrsführung, die Querung von Straßen und der Zustand der Radwege sehr wichtig. Wegweisung und Abstellanlagen sind komischerweise eher im Mittelfeld, ebenso der ÖPNV und die Sicherheit der Radwege. Noch gar nicht wichtig scheint das Thema Bikesharing für die Gifhornerinnen und Gifhorner zu sein.

Nach kurzer Zeit hatten sich bereits 150 Leute daran beteiligt, vielleicht toppen wir schlussendlich die 1000. Man merkt an der Rückmeldung, wie die Bürgerinnen und Bürger das Thema beschäftigt. Interessant ist das Meldesystem, der Austausch zwischen Bürgerinnen und Bürgern und der Verwaltung. Viele fordern da eine App, um künftig etwaige Mängel schnell melden zu können.

(Anm. d. Red.: Zum Zeitpunkt des Interviews lief die Umfrage noch. Inzwischen ist sie beendet, die Ergebnisse sind aber noch nicht vollständig ausgewertet.)

In Kürze startet ein sechsmonatiger Modellversuch, bei dem die Gifhorner Fußgängerzone für den Fahrradverkehr freigegeben werden soll. Welche Regeln gelten dann dort für Fußgänger und für Fahrradfahrer?

Bley: Eines vorweg: Es ist und bleibt eine Fußgängerzone. Wir führen nichts Neues ein. Radfahrerinnen und Radfahrer dürfen sich als Gast bewegen. Sie müssen aber immer Rücksicht auf die Fußgängerinnen und Fußgänger nehmen. Die hingegen müssen wissen, dass sie sich vorsichtig umschauen.

Von 11 bis 18 Uhr wird genau das gelten, was heute schon außerhalb dieses Zeitraums zwischen 18 Uhr am Abend und 11 Uhr am Morgen gilt: Wenn Radfahrerinnen und Radfahrer zukünftig donnerstags um 14 Uhr durch den Steinweg fahren, sollten Sie genauso vorsichtig unterwegs sein, wie sie es heute schon an Samstagen um 10 Uhr während des Wochenmarktes müssen.

Fahrradunfreundliche Baustellen führen oft zu Ärgernissen – auch in Gifhorn.

Foto: Çağla Canıdar

Könnte da nicht eine Fahrradspur Abhilfe schaffen?

Bley: Das ist kaum möglich. Das sind die Fallstricke der Planungswelten und Rechtswelten. Mit einem Radweg haben wir rechtlich keine Fußgängerzone mehr, wir müssten alle dazugehörigen Schilder abbauen. Letztlich wäre der Radweg rechtlich komplett anderer Natur, das ist ein wenig die Krux.

Mühlnickel: Wir haben das tatsächlich diskutiert. Letzten Endes können wir aber nur an die Einsicht appellieren. Ich habe ein informatives Gespräch mit der Polizei geführt, die mir bestätigt hat, dass es bisher noch keine Unfälle in der Fußgängerzone gab. Dafür aber Vorbehalte und Bedenken, auch seitens der Presse. Wir wählen da lieber einen Appell mit Informationsarbeit – passt auf, seid vernünftig! Wir fangen ja auch nicht bei Null an, weil es bereits den Radverkehr in der Stadt gibt.

Wie geht es nach den sechs Monaten weiter? Ist auch eine Rolle rückwärts möglich, so dass das Radfahren in der Innenstadt dann tagsüber wieder untersagt wird?

Bley: Wir haben immer gesagt: Es ist ein offenes Verfahren. Ich gehe zwar davon aus, dass das Projekt funktioniert. Eine Garantie gibt es aber nicht – auch wenn wir alles Notwendige tun. Zum Beispiel haben wir nicht nur die Zustimmung der Politik, sondern bereits im Voraus mit Akteurinnen und Akteuren gesprochen. Mit Innenstadthandel, Gastronomen und Hoteliers, Vertreterinnen und Vertretern von Gesellschaftsgruppen wie dem Seniorenbeirat oder dem Runden Tisch der Jugendlichen. Wir werden am Ende des Versuchs in den Gremien diskutieren, die Ergebnisse vorstellen und entscheiden: Geht es so weiter – oder eben nicht?

Die Fahrt durch die Fuzo wäre für viele Fahrradfahrer die kürzeste und direkteste Nord-Süd-Passage durch Gifhorns Innenstadt. Wenn‘s dort nicht langgeht, bleiben nur noch Celler Straße und Allerstraße auf westlicher Seite sowie die Konrad-Adenauer-Straße auf der anderen. Und genau auf diesen beiden Routen haben wir zahlreiche Engstellen, Gefahrenpunkte und aus Fahrradfahrersicht unglückliche Verkehrsführungen. Gibt es schon Ideen, um diese Innenstadt-Umfahrung attraktiver zu machen?

Bley: Konkrete Planungen gibt es noch nicht. Ideen hingegen haben wir in den vergangenen Jahren schon eine ganze Menge gesammelt. Von ganz kleinen Stellschrauben bis hin zu massiven Anpassungen. Beschlossen ist, dass die Vorrangroute von Norden nach Süden als Ring um die Innenstadt führen soll. So oder so müssen wir da in den nächsten Jahren eine ganze Menge machen, um den Radverkehr zu verbessern. Welche Maßnahmen in welcher Reihenfolge und in welchem Zeitrahmen sinnvoll sind, das wird die nächste Stufe im Radverkehrskonzept zeigen. Die werden wir voraussichtlich Ende dieses Jahres angehen.

Auch Einbahnstraßenregelungen für den Autoverkehr ringsum die Innenstadt wurden schon vorgeschlagen, um mehr Platz für den Radverkehr zu gewinnen. Mal abgesehen von der politischen Durchsetzungsfähigkeit solcher Gedanken: Herr Mühlnickel, wäre das denn wirklich so schlimm für den motorisierten Verkehr, wie manche jetzt befürchten?

Mühlnickel: Nein, man könnte das schon umsetzen. Ich könnte mir vorstellen, dass es so eine Einbahnstraßenregelung geben könnte. Auch hier gibt es reichlich Ideen. Richtungstreues Fahren mit Fahrrädern ist zum Beispiel sehr wichtig, um Unfälle zu vermeiden. Damit einhergehend ein Schutzstreifen in beide Richtungen. Man muss verschiedene Varianten aufzeigen und diese verkehrsrechtlich prüfen.

Schauen wir mal in Gifhorns Südstadt: Dort leben mit Abstand die meisten Menschen in unserer Stadt und dort sind viele alltägliche Ziele locker mit dem Fahrrad zu erreichen. Dennoch dominiert in allen Straßen das Auto. Sind die Menschen bloß zu bequem – oder würden mehr Leute aufs Rad umsteigen, wenn das Radfahren attraktiver würde?

Bley: Daran müssen wir noch mehr arbeiten. Viel zu lange hat das Auto alles dominiert und wurde nicht hinterfragt. Es ist ein absolut normaler Zustand, dass man das Auto immer und überall nimmt. Andere Möglichkeiten zu bieten ist für uns ein wichtiger Punkt. Zum einen müssen wir sozusagen die Hardware schaffen, also verbesserte Anlagen für den Radverkehr. Zum anderen müssen wir den Menschen vermitteln, dass das Fahrrad eine Alternative sein kann, weil sie gar nicht daran denken. Nicht zu unterschätzen ist da die Öffentlichkeitsarbeit, also Information, Aufklärung und Werbung für den Radverkehr.

Mühlnickel: Ich möchte hinzufügen, dass wir in Gifhorn – zum Beispiel bei der Braunschweiger Straße – wenig parallele Ausweichmöglichkeiten haben, um ganze Straßen zu Fahrradstraßen umzufunktionieren. Es gibt kleine Hilfsmöglichkeiten, aber keine große Lösung zu den großen Straßen. Das gibt die Stadt vom Straßennetz nicht her.

Und wie sieht es in den ländlicher geprägten Gifhorner Ortsteilen mit dem Radverkehr aus?

Bley: Gamsen und auch Kästorf würde ich da eher ausklammern, weil sie diese Nähe zum Stadtkern haben und bei den innerstädtischen Planungen zu berücksichtigen sind. Es geht also eher um Neubokel, Wilsche und Winkel. Dort gibt es Verbesserungsbedarf in der Anbindung an die Kernstadt, da ja dank der Pedelecs auch immer mehr Menschen immer weitere Strecken tagtäglich zurücklegen. Das wird auch Teil des Maßnahmenkonzeptes sein.

Noch wird an den Planungen zur Zukunft des Gifhorner Radverkehrs gearbeitet. Zuletzt gab es eine Fragebogen-Aktion, um Interessen auszuloten – demnächst werden die Ergebnisse ausgewertet. Was genau erwartet die Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt sonst noch in den kommenden Monaten? Und wie können wir alle uns dabei einbringen?

Bley: Wir werden Veranstaltungen zu den einzelnen Schritten des Konzepts anbieten, digital und auch hoffentlich bald wieder in Präsenz. Das ist weiterhin vorgesehen. Wir rufen darüber hinaus dazu auf, über unser Planungsbüro, unsere Website und auch über mich direkt Meldung zu geben. Insofern werden wir das, was mit dem Leitbild Mobilität 2030 angefangen hat, so kontinuierlich fortführen.

Mühlnickel: Außerdem haben wir Arbeitsgruppen geplant, um weitere Themen aufzugreifen. Die Themen Schulwegsicherheit und Radnetz haben wir bereits. Ebenso wichtig sind mir aber auch Unternehmen, Einzelhandel und Gastronomie, weil sie alle vom Radtourismus profitieren. Nach Corona wird das ein wichtiger Anker sein, wir wollen da guten Service bieten. Wir wollen die Wertschöpfung erhöhen, von der Infrastruktur noch mehr anbieten.

Beim Mühlenmuseum – das jüngst in der Diskussion war – ist uns aufgefallen, dass es nicht fahrradfreundlich ist. Kaum Abstellanlagen, die Tourkarten völlig veraltet. Teilweise sind da Radwege eingezeichnet, die es gar nicht mehr gibt oder nie gab. Wenn jemand mit seinem 2000-Euro-Pedelec zum Mühlenmuseum fährt, der lacht sich tot über die dortige Performance. Da leidet die ganze Stadt drunter. Über einen Arbeitskreis könnte man gut ins Gespräch kommen.

Wie wichtig ist das Fahrrad als Verkehrsmittel überhaupt, um die Klimaziele zu erreichen und den globalen Klimakollaps zu verhindern?

Mühlnickel: Das ist ein interessanter Punkt. Leider gibt es noch keinen Modal Split für Gifhorn, also eine Kenngröße zur Aufteilung der Verkehrsnachfrage auf verschiedene Verkehrsmittel. Damit hätte man eine Messgröße, an der man ablesen könnte, wo wir beim Erreichen der Klimaziele stehen.

Bley: Ja, dazu haben wir leider keine harten Fakten. Grundsätzlich erlebt das Rad allerdings eine Renaissance durch die Elektrifizierung. Das wird noch ein ganzes Stück so weitergehen. Fakt ist außerdem, dass der Verkehrssektor noch eine ganze Menge dazu beitragen muss, um die Klimaziele zu erreichen. Einsparungen im KFZ-Verkehr, weniger CO2-Ausstoß, verträglichere Mobilitätsformen – und da gehören das Radfahren wie auch der ÖPNV dazu.

Im Übrigen passt das zum nationalen Radverkehrskongress, der gerade in Hamburg stattfand; dort wurde der Radverkehrsplan der Bundesregierung vorgestellt, die ganz massive Punkte und Förderungen formuliert hat, die uns zeigen werden, wo die Reise hingehen soll. Und um diese Ziele umzusetzen, sind wir wieder alle gefragt.

Radverkehrsbeauftragter der Stadt Gifhorn:
Oliver Bley
Tel. 05371-88233
E-Mail: oliver.bley@stadt-gifhorn.de