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Gifhorns Könige und ihre Ketten – Die 250. Majestät muss noch warten

Manfred Birth Veröffentlicht am 21.06.2020
Gifhorns Könige und ihre Ketten – Die 250. Majestät muss noch warten

Zur Eröffnung des Schützenfestes 1964 trug der scheidende König Karl-Heinz Windolf, ein Schlosser und Ratsherr unserer Stadt, bereits die damals neue Kette.

Foto: Windolf

Eigentlich hätte in diesem Jahr der 250. Gifhorner Schützenkönig proklamiert werden sollen – doch wegen der Corona-Pandemie geschieht dies nun frühestens 2021. Majestät Andreas Erhardt bleibt im Amt und darf seine Königskette als allererster zwei Jahre in Folge tragen. Gestiftet wurde das Prachtstück aus mehr als einem halben Kilo Gold und Silber 2011 vom damaligen Bürgermeister Manfred Birth. In diesem Gastbeitrag blickt er für die KURT-Leser auf jahrhundertealte Traditionen und die Ketten der Gifhorner Könige im Wandel der Zeit zurück.

In früheren Jahrhunderten mussten Städte oder Wohngemeinschaften sich selbst um ihre Sicherheit gegenüber Räubern oder Feinden schützen: Wehrfähige Männer bildeten eine Bürgerwehr, die bei Überfällen das Gemeinwesen verteidigen musste. Um für den Verteidigungsfall gerüstet zu sein, gab es alljährliche Schießübungen – dann mussten die Schützen der Bürgerwehr nachweisen, dass sie für den Ernstfall gut gerüstet waren. Der Höhepunkt war das Vogelschießen: An der Spitze einer langen Stange war ein künstlicher Vogel befestigt, der von den Schützen herunter geschossen werden musste. Der Schütze, der den letzten Teil des Vogels abschoss, war der Sieger des Wettbewerbs. Dieser Schütze wurde für seine Leistung besonders belohnt. Später wurde auf eine Scheibe geschossen – genauso wie auch heute noch. So berichtete es der Gifhorner Heimatforscher Günter Weinhold in seinem 1989 erschienenen Buch „Eintracht und Bürgersinn – Die Geschichte des Gifhorner Schützenwesens“.

Die alte Gifhorner Königskette von 1964 wurde zuletzt 2010 von Schützenkönig Sascha Thiel getragen.

Foto: Dr. Schürmann

Aus diesem Übungsschießen entstand das Gifhorner Schützenfest – der beste Schütze wurde als Schützenkönig geehrt. Seit 1661 erfolgten die Schützenfeste nach einer vom Rat der Stadt Gifhorn beschlossenen Schützenordnung. Im Jahr 1818 wurde das Gifhorner Schützenfest erstmals zur Erinnerung an die Schlacht bei Waterloo gefeiert – diese ereignete sich drei Jahre zuvor am 18. Juni 1815. Und daher findet bis heute das Gifhorner Schützenfest immer in der Woche des 18. Juni statt. Der erste Schützenverein in Gifhorn wurde dann im Jahr 1821 gegründet – es ist das heutige Uniformierte Schützenkorps (USK).

Im Jahr 1848 kam es an vielen Orten des Deutschen Reiches zu Volkserhebungen, die mehr Freiheiten für die Bevölkerung forderten. Um die alte Ordnung der Regierenden aufrecht zu erhalten, wurden Bürgerwehren ins Leben gerufen. Auch in Gifhorn wurden Bürger-Kompanien gebildet, aus denen letztlich das Bürgerschützenkorps (BSK), Gifhorns zweiter großer Schützenverein, entstanden ist.

Und es gab sogar noch einen dritten Verein in der Geschichte unserer Stadt: Im Jahr 1953 gründeten Flüchtlinge aus dem Osten und Zugezogene in der rasch wachsenden Südstadt das Schützenkorps Gifhorn-Süd. Es nahm am Gifhorner Schützenfest teil, veranstaltete aber auch eigene Schützenfeste in der Gifhorner Südstadt. Dieses Schützenkorps löste sich jedoch mangels Interesse im Jahr 1974 auf und übergab seine Fahne der Stadt Gifhorn.

Die neue Königskette wurde im Jahr 2011 vom damaligen Bürgermeister Manfred Birth gestiftet.

Foto: Dr. Schürmann

An dieser Stelle möchte ich meine kurze Beschreibung der Entwicklung des Gifhorner Schützenwesens beenden und mich der wichtigsten Person unseres Schützenfestes zuwenden: dem Schützenkönig! Nach den Aufzeichnungen von Günter Weinhold hätte in diesem Jahr nämlich die 250. Majestät proklamiert werden sollen. Er hat die Namen aller Schützenkönige von 1706 bis 1989 zusammengestellt. Rechnerisch hätten wir bis heute sogar bereits 315 Majestäten feiern können – doch während der Kriege und der Verbote durch den König von Hannover sind viele Schützenfeste ausgefallen. Und in diesem Jahr verhindert die Corona-Pandemie ein Schützenfest. Den 250. König gibt es also frühestens 2021.

Neben Privilegien für ein Jahr oder finanzielle Zuwendungen von der Stadt Gifhorn erhält der Schützenkönig eine ganz besondere Ehre: Er darf für ein Jahr die Königskette tragen. Die erste Gifhorner Königskette zeigte einen Vogel; dieses Symbol hatten damals viele Königsketten in unserer Umgebung. Diese Kette ist leider nach dem Ende der Napoleonischen Kriege verloren gegangen. Im Jahr 1802 hatte sie der Schützenkönig, Amtszimmermeister Friedrich Bobart, zuletzt getragen.

Ex-Bürgermeister Manfred Birth dokumentiert die Historie in einem Gastbeitrag.

Foto: Çağla Canıdar (Archiv)

Im Jahr 1815 wurde eine neue Königskette beschafft: ein ledernes Bandelier, das die Majestät über eine seiner Schultern zu tragen hatte. Jeder Schützenkönig musste eine silberne Plakette stiften, die am Bandelier befestigt wurde. Darauf standen dann jeweils Name, Beruf und Jahreszahl der Königswürde. Christian Schultze war der erste – seine Plakette zieren ein Ochse und ein Beil. Der damalige Schützenkönig war nämlich Schlachtermeister.

132 Silberplaketten schwer war das Bandelier zuletzt – zu schwer für die neuen Majestäten. Es konnten nicht mehr alle Plaketten vom Schützenkönig getragen werden. Daher entschied der Rat der Stadt Gifhorn im Jahr 1963, eine neue Königskette zu stiften.

Das alte Königsbandelier bekam zuletzt der Schlosser und Ratsherr Karl-Heinz Windolf bei der Königsproklamation beim Schützenfest 1963 umgehängt. Im darauffolgenden Jahr trug er zur Eröffnung des Schützenfestes schon die neue Königskette.

Das Königsbandelier mit allen noch vorhandenen Plaketten – einige sind leider verloren gegangen – ist seit 1988 im Lesesaal der Stadtbücherei in einer Vitrine ausgestellt.

Dies ist die erste Fahne des USK von 1824 – damals hieß es noch „Uniformiertes Bürger-Schützen-Korps“.

Foto: Friedel Lange

Die neue Schützenkette von 1964 besteht aus einem Schild mit dem Gifhorner Wappen und dem Schriftzug „Kreisstadt Gifhorn“. Diese Königskette wurde vom Gifhorner Juwelier Erwin Kieselbach aus Silber angefertigt. Sie wiegt 650 Gramm. Sie wurde von 48 Schützenkönigen getragen – Sascha Thiel, der Schützenkönig von 2010, war der letzte.

Im Jahr darauf durfte ich selbst als damaliger Gifhorner Bürgermeister eine neue Königskette stiften: Am 16. Juni 2011 zeichnete ich Frank Schlüsche mit der neuen Kette bei der Proklamation aus.

Gemeinsam mit den damaligen Majoren und Adjutanten – Karl-Heinz Krüger und Carsten Gries vom Bürgerschützenkorps sowie Siegfried Richter und Jochen Böttner vom Uniformierten Schützenkorps – wurde festgelegt, dass die neue Kette wieder ein Schild mit dem Gifhorner Wappen tragen sollte. Eine Korrektur gegenüber der bisherigen Kette erfolgte bei der Beschriftung: Anstelle von „Kreisstadt Gifhorn“ steht darauf nun „Stadt Gifhorn“. Die Plaketten zeigen den Bundesadler und das Niedersachsenross sowie die Vereinswappen von BSK und USK. Außerdem wurden mehrere markante Gifhorner Bauwerke darauf verewigt: das Kavalierhaus, das Gifhorner Schloss und der Ratsweinkeller sowie die Nachbauten der Mühlen von Gifhorns Partnerstädten Dumfries und Korsun-Schewtschenkiwskyj. Auf einer Plakette ist zudem ein Portrait von Herzog Franz zu sehen, der das einstige Herzogtum Gifhorn von 1539 bis 1549 regierte.

Die neue Königskette wurde vom Goldschmied Harald Herbst aus Hannover hergestellt, gut 330 Stunden hat er an ihr gearbeitet. Das Schild und die Plaketten bestehen aus 621,8 Gramm 925er Silber. Für das Gifhorner Wappen mit Löwe und Horn sowie die Krone wurden 81,2 Gramm 750er Gold verarbeitet. Und damit sie niemals zu schwer werden kann, kommen keine weiteren Plaketten hinzu – die Namen der Majestäten werden seither Jahr für Jahr eingraviert.

Das Gifhorner Online-Schützenfest 2020 ist eine Aktion von KURT in Kooperation mit Stadt Gifhorn, Bürgerschützenkorps (BSK) und Uniformiertem Schützenkorps (USK) – unterstützt von der Sparkasse Celle-Gifhorn-Wolfsburg, dem Pflegedienst Bettina Harms, dem KFZ-Meisterbetrieb Pingel und Physio Compact. Alle weiteren Infos unter www.gifhorner-schuetzenfest.de.