Musik

Es ist einfacher, traurige Lieder zu schreiben: Vivi Thill wuchs in Gifhorn auf und arbeitet inzwischen in London an ihrer Karriere

Matthias Bosenick Veröffentlicht am 05.07.2022
Es ist einfacher, traurige Lieder zu schreiben: Vivi Thill wuchs in Gifhorn auf und arbeitet inzwischen in London an ihrer Karriere

Die 21-jährige Sängerin Vivi Thill wurde in Köln geboren und lebt mittlerweile in London. Gifhorn nennt sie aber ihre Heimat.

Foto: David L. F. Smith

„I Don‘t Like My Birthday“ singt Vivi Thill auf ihrer neuen Single – weil ihr dieser Ehrentag nämlich vor Augen führt, wie schnell die Zeit vergeht, in der sie sich ihren größten Wunsch erfüllen will: von ihrer Musik leben zu können. Die Zeichen dafür stehen für die 21-Jährige indes bestens: Soeben in London ihren Bachelor abgeschlossen, startet die in Köln als Josephine geborene und in Gifhorn aufgewachsene Sängerin in der Hauptstadt des Pop ihre Karriere, indem sie jeden Monat eine Single veröffentlicht. Der genannte Song ist die Nummer zwei, und KURT verrät sie, welche Rolle ihr Tagebuch beim Songwriting spielt, wie sie in Gifhorn erste Erfahrungen sammelte und wie sie sich ihre Zukunft wünscht.

Vivis Single Nummer 1 trug den Titel „Don‘t Break The Heart Of A Songwriter“, und darin schwingt absichtlich die Drohung mit, diese Liederschreiberin könnte ihr gebrochenes Herz in einem ihrer nächsten Songs verarbeiten. Dem Lied liegt nämlich eine reale Erfahrung zugrunde. Grundsätzlich gilt für sie: „Ich schreibe sehr persönliche Lieder.“ Darin stecken Details, in denen sich einige Personen wiederfinden könnten: „Die Leute werden wissen, dass die Songs über sie sind.“ Ob das für den Herzensbrecher aus der ersten Single bereits gilt, weiß Vivi indes nicht: Der Kontakt riss nach der Trennung ab. Sie lacht: „Nicht, dass ich in Zukunft wütende Emails bekomme!“

Aber dieser erste Song gibt schon die grobe Richtung für das vor, was Vivi plant: Lieder veröffentlichen, in denen sie ihre Erlebnisse, Gedanken und Gefühle verarbeitet. Bisweilen fühlt sie sich in unerwarteten Konfliktsituationen überrumpelt: „Wenn etwas Krasses passiert und ich überfordert war und ich mich nicht getraut habe, zu sagen, was ich wollte, dann setze ich mich ans Klavier und schreibe einen Brief an die Person.“ Manche Textpassagen entnimmt sie dabei direkt ihrem Tagebuch, das sie wechselnd auf Deutsch und Englisch verfasst. „In einer anderen Sprache habe ich ein bisschen Abstand, da kann man ehrlicher sein, da ist die Angst nicht so groß, dass man zu persönlich wird und nicht wirklich vor den Leuten sein Tagebuch singt“, sagt Vivi. „Es fühlt sich komisch an, in meiner Muttersprache zu singen.“ Positive Erfahrungen überdies verarbeitet Vivi nicht: „Da schreibe ich keine Lieder draus.“ Was nicht heißt, dass sie keine positiven Erfahrungen macht, aber: „Es ist einfacher, wütende, traurige Lieder zu schreiben, als positive – die interessieren mehr.“

Auf der Bühne fühlt sich die Songwriterin Vivi Thill wohl, dort performt sie auch ihre aktuelle Single „I Don‘t Like My Birthday“, ein Lied über das Gefühl am Geburtstag, bisher zu wenig erreicht zu haben.

Foto: Privat

Seit drei Jahren studiert Vivi in London am BIMM, am British and Irish Modern Music Institute, und von Anfang an tat sich die Gifhornerin mit Kommilitonen zusammen, um Lieder zu schreiben. Der erste so entstandene Song ist „Uber“ von Leia Jules und Dim Ebbo, zwei Mitstudenten aus Versailles. „Leia hat Erfahrungen mit verschiedenen Männern gemacht“, erklärt Vivi, „und sie hat von allen Seiten ein bisschen genommen und einen Song draus gemacht.“ In Paris nahm Vivi mit den beiden zudem eine EP auf: „Die kommt dieses Jahr hoffentlich raus.“ So arbeitete Vivi die erste Zeit vornehmlich als Autorin für andere und konzentriert sich nun voll auf ihre eigene Karriere, die sie eben mit „Don‘t Break The Heart Of A Songwriter“ startete und mit „I Don‘t Like My Birthday“ fortsetzt.

Eben diese zweite Single bricht gleich mit der Drohung, die die erste ausspricht: Der Song handelt ausschließlich von Vivi selbst. Erschienen ist die Single am 8. Juni, Vivis 21. Geburtstag, doch schrieb sie ihn bereits kurz vor ihrem 20. Ehrentag. „Ich habe die Angst jedes Jahr, ich habe noch nicht genug erreicht, noch nicht genug gemacht“, erläutert sie. „Ich könnte die Krise kriegen – ich spüre den Druck als Musikerin, früh erfolgreich zu sein.“ Als Beispiel führt sie Olivia Rodrigo an, die mit 18 ihr Debütalbum herausbrachte und damit haufenweise Auszeichnungen erwarb.
Wie das Geburtstags-Lied haben übrigens alle sechs geplanten Singles ein Veröffentlichungsdatum mit Bedeutung, die Vivi auf Social Media auch preisgibt. Eindeutig, aber nicht so persönlich terminiert ist etwa der Halloween-Song, der am Freitag vor jenem Ereignis erscheinen soll, am 28. Oktober nämlich: „Maybe I‘m The Villain“. Dafür ließ sich die Künstlerin zwar nicht von ihrem Tagebuch inspirieren, aber dennoch von einem Buch: In der Geschichte „The Tell-Tale Heart“ („Das verräterische Herz“) von Edgar Allan Poe las sie einen Satz, der sie zu „Maybe I‘m The Villain“ inspirierte, übersetzt: „Vielleicht bin ich ja der Bösewicht“.

Bücher sind ohnehin wichtig für Vivi, als Lebenselixier und als Inspiration: „Wenn manchmal nichts Spannendes passiert im eigenen Leben.“ Sie ist Mitglied in einem Bücherclub in London und bezeichnet sich als Bücherwurm. „Krieg und Frieden“ von Leo Tolstoi begann sie zu lesen, bis ihr die Klausurenphase die Konzentration dafür nahm und sie zur Auflockerung auf „Daisy Jones & The Six“ von Taylor Jenkins Reid umstieg, in dem es passenderweise um eine junge Musikerin geht, die unbedingt auf die Bühne will. Über ihre Leseleidenschaft lacht Vivi: „Ich bin im Herzen eine Oma. Ich gehe früh schlafen, mag‘s nicht, auszugehen, ich habe ein sehr ruhiges Leben.“

Schon mit 4 Jahren lernte Vivi Thill das Klavierspielen, später nahm sie sich dann die Gitarre ihres Vaters.

Foto: Privat

Das mag man gar nicht glauben, wenn man sich Vivis Karriere zu Gemüte führt: Mit sechs zog sie mit ihren Eltern von Köln nach Gifhorn. In Köln machte ihre Mutter Kabarett, ihr Vater war in diversen Schulbands an Bass und Gitarre beteiligt. „Sie haben immer viel Musik gemacht, beide als Hobby“, erzählt sie, und daher standen auch immer Instrumente im Haus herum. Sie selbst begann mit 4 Jahren eine klassische Klavierausbildung, griff mit zwölf zu Papas Gitarre und begann auch schon damit, eigene Lieder zu schreiben. Ihr Gitarrenlehrer Alex Garoufalidis nahm dabei eine besondere Rolle ein: „Er war der erste, der mit mir Lieder geschrieben und an mich geglaubt hat.“ Mit 13 hatte Vivi erste Gigs, sie spielte bei kleinen Festivals, im Kultbahnhof, bald im Café von Elena Delliponti, mit Alex‘ Band King‘s Call und mit der Poprockband Moonmakers der Kreismusikschule – und gewann als Krönung den Gesangswettbewerb „Voice Of Gifhorn“. Sie strahlt: „Die ganze Sache ist in Gifhorn gestartet!“

Und setzt sich seit drei Jahren in London fort. Vivis Kompositions- und Live-Erfahrungen aus der Gifhorner Zeit helfen ihr beim Karrierestart zwar ungemein, doch erst am BIMM kamen neue wesentliche Inhalte dazu: „Publishing, Business, Marketing – das ist sehr nützlich, über die Industrie wusste ich nicht viel.“ Sie hat jetzt mit Kirsten eine Managerin, die sie durch die Komplexität des Business begleitet, weil sie dadurch mehr Zeit findet, um etwa ihre Social-Media-Kanäle auf TikTok und Instagram zu befüllen. „Ich bin damit immer noch kreativ, und sie schreibt Emails und kümmert sich um die Streaming-Plattformen“, freut sich Vivi. Die sich auch trotz Managerin ihre vollständige Freiheit erhält, was auch daran liegt, dass Kirsten und Vivi Entscheidungen gemeinsam fällen und den Geschmack teilen. Musik nimmt durch diese Professionalität zwar nur noch zehn Prozent ihrer produktiven Zeit ein. Und auch, wenn Vivi ganz klar betont, „meine Musik ist kommerziell und soll kommerziell sein“, geht es ihr beim Komponieren um den künstlerischen Ausdruck: Auch ohne den Anspruch, davon leben zu können, würde sie ihre Lieder genau so schreiben. „Ich mache das seit drei Jahren jeden Tag“, stellt sie fest, „und ich habe es noch nie mehr geliebt.“

Das Komponieren steht für Vivi für die kommende Zeit an erster Stelle: „Ich will in London bleiben und immer mehr Lieder rausbringen.“ Auftritte in der Metropole und mehr Social-Media-Inhalte seien die nächsten Prioritäten. Eine feste Band hat Vivi überdies nicht, „ich bin Solokünstlerin, aber ich habe ein Netzwerk von Musikern, mit denen ich spielen kann“. Ob aus den Singles ein Album wird, ist Vivi noch unklar. „Wenn ich ein Album schreibe, dann hat es 17, 18 Songs“, sagt sie. „Ein Album soll eine Geschichte erzählen.“ Vor einer solchen sehr aufwändigen Produktion steht indes Erfolgsdruck: Ohne eine über Singles erarbeitete Mindest-Fanzahl lohne es sich nicht, sagt Vivi, denn dann streamen es zu wenige, um den Einsatz zu rechtfertigen. Grundsätzlich gefällt ihr aber die Idee von einem Album, insbesondere in physischer Form: „Da sind die Texte drin, eine persönliche Nachricht, extra Fotos – es ist viel interessanter, ein Album zu hören und die Texte zu lesen, als separate Lieder im Streaming.“ Dennoch findet Vivi selbst neue Musik über Spotify. Zu ihren Vorbildern gehören Songwriterin Maisie Peters aus London, Sänger Troye Sivan, Sängerin Griff und Popstar Taylor Swift: „Sie ist meine große Inspiration, besonders fürs Storytelling.“

London ist für Vivi also der Ort, von dem aus sie in ihren Zwanzigern auf Tour gehen will. Nach Gifhorn will sie vorerst nur zurückkehren, wenn sie ihre Eltern und Freunde besucht: „Wenn ich über 30 bin, gehe ich eventuell nach Gifhorn, um eine Familie zu gründen. Dann bleibe ich eher im Hintergrund, kann viel für andere Musik machen und werde nicht mehr selbst auf Tour gehen. Und wenn ich über 40 bin, möchte ich gerne Bücher schreiben, nur noch!“

Sie lacht und betont: „Es ist cool, in London zu leben, aber Gifhorn ist meine Heimat, ich habe die meiste Zeit dort verbracht.“

Vivi Thill: „Don’t Break The Heart Of A Songwriter“, 2:17 Minuten
„I Don’t Like My Birthday”,
2:05 Minuten

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