Letzte Ruhe

Ein Ort des Lebens und der Kultur - Gifhorns St. Nicolai-Friedhof ist jetzt Teil des immateriellen Kulturerbes

Malte Schönfeld Veröffentlicht am 24.10.2020
Ein Ort des Lebens und der Kultur - Gifhorns St. Nicolai-Friedhof ist jetzt Teil des immateriellen Kulturerbes

Auszeichnung für den St. Nicolai-Friedhof: Friedhofsleiter Johann Harms (rechts) und sein Stellvertreter Karsten Wolpers zeigen das neue Schild, das auf die Ernennung zum immateriellen Kulturerbe hinweist

Foto: Çağla Canıdar

Der Friedhof St. Nicolai in Gifhorn steht seit Ende September im Zeichen des immateriellen Kulturerbes Friedhofskultur. Johann Harms und Karsten Wolpers von der Friedhofsleitung brachten dafür ein entsprechendes Schild am Haupteingang des Friedhofs am Wilscher Weg an, um so auf die wichtige Bedeutung der Friedhofskultur für unsere Stadt aufmerksam zu machen. Trauerarbeit, Integration, Traditionsbewahrung, Lehrort, Naturschutzraum – das und noch vieles mehr zeichnet den Friedhof St. Nicolai aus. Ein sinn- und identitätsstiftender Raum, dessen Erhalt und Förderung große Bedeutung beigemessen wird.

300 Friedhöfe in 125 Städten wurden auf Empfehlung der deutschen Unesco-Kommission von der Kultusministerkonferenz im März dieses Jahres zum immateriellen Kulturerbe ernannt. Im Corona-Sturm gingen diese Auszeichnungen allerdings unter, weshalb mit der Aktion „Friedhöfe auszeichnen“ im September nachgelegt wurde. In Bezug auf die Friedhofskultur betrifft die Ernennung zwei große Themenfelder: Zum einen geht es darum, was wir auf dem Friedhof tun; Trauern, Erinnern und Gedenken sowie Gestalten, Pflegen und Bewahren. Zum anderen würdigt die Ernennung zum Erbe den vielfältigen Wert der Friedhofskultur für unsere Gesellschaft: kulturell, sozial oder historisch, aber auch in Bezug auf Klima- und Naturschutz, gesellschaftliche Integration oder nationale Identität.

Die Bewahrung des kulturellen Friedhofs „geht nur, wenn der gesamte Friedhof am Leben erhalten bleibt“, erklärt Johann Harms von der Leitung des St. Nicolai-Friedhofs. Und da haben die Zuständigen einiges an Arbeit vor sich. Immer beliebter werden die Friedwalde, die in Konkurrenz zu den kirchlichen oder kommunalen Friedhöfen stehen.

Die Grabpflegerinnen Olga Kembel (links) und Sabine Wiesner erhalten nicht nur die Ruhestätten auf dem Gifhorner St. Nicolai-Friedhof, sondern auch die einzigartige Umwelt mit seinen Blumen, Bäumen und Tieren.

Foto: Çağla Canıdar

Man könnte sagen: Traditionelle Friedhöfe haben ein Imageproblem. Vor allem bei jungen Menschen. „Jüngere begleiten Ältere zwar auf den Friedhof. Die Gießkanne schleppt aber trotzdem weiterhin die Oma“, stellt Johann Harms klar. Daraus ergab sich die Frage: Wie bekommt man die Friedhöfe mit ihren Traditionen, Umgangsformen und kulturellen Besonderheiten zurück in die Öffentlichkeit?

„Der Friedhof ist vor allem auch ein Ort der Lebenden“, sagt Günter Koch vom Friedhofsauschuss, „der weit über die persönlichen Trauerrituale hinaus identitätsstiftende Bedeutung für unsere Gesellschaft hat.“ Das beobachtet auch Johann Harms, der Besucher zum sonntäglichen Spaziergang begrüßt. Nachbarn und Freunde treffen hier zusammen, Trauernde treffen aufeinander, Spaziergänger stehen sich gegenüber. Ein soziales Geflecht entsteht. Und, so der Leiter: „Jeder Friedhof ist anders. Es geht immer auch um das Drumherum. Wir haben 11.000 Gräber. Die Leute trauern, stoßen aber auch mit einem Sekt an und gedenken. Es gibt auch welche, die lesen den Verstorbenen etwas vor.“

Friedhofsmitarbeiter Viktor Kembel sorgt am Regner für frisches Wasser – so kann‘s blühen.

Foto: Çağla Canıdar

Das Friedhofswesen muss sich natürlich eingestehen, dass junge Menschen sowas eher weniger machen. Sagt man sich aber für ein paar Stunden mal von seinem Smartphone los und befreit sich aus seiner Netflix-Schleife, findet man auch als einzelne Person Möglichkeiten, einen Friedhof zu erleben. Er kann eine Auszeit von der Hektik des Alltags liefern und Ruhe stiften. In direktem Angesicht zu den Gräbern tauchen dann plötzlich die großen Fragen auf: Woher komme ich, wohin gehe ich, was ist der Sinn des Lebens? Der Friedhof gibt darauf keine direkten Antworten, er schafft aber einen emotionalen Raum, in dem es erlaubt ist, über diese Fragen nachzudenken.

Nicht ungewöhnlich ist es, dass es auch Schulklassen zum St. Nicolai-Friedhof verschlägt. Denn Friedhöfe sind auch ein Lehrort im klassischen Sinne. Die Schulgruppen kommen, um den Naturraum mit seinen Bäumen, Blumen und Tieren kennenzulernen. Friedhöfe haben damit ihre Bedeutung für den Naturschutz, zum Beispiel als Ort der Biodiversität. In Bezug auf den Klimaschutz sind Friedhöfe gleich mehrfach bedeutsam. Nicht nur, dass sie mit ihrem Baumbestand als grüne Lungen aktiv die Luft verbessern: Sie fungieren auch als Lüftungsschneisen, die im Sommer die Stadterwärmung mindern. Zudem tragen die unversiegelten Flächen dazu bei, den Grundwasserspiegel hochzuhalten.

Umgeben von Duftnoten und Prachtblumen: Gärtner Andree Vollmer umsorgt den Baumpark.

Foto: Çağla Canıdar

Oder der Friedhof als größter Skulpturenpark der Stadt, der als Inspirationsquelle für viele Kunstformen dient. Er gewährt eine Einsicht in die Bauart von Denkmälern, ein ganz und gar lebendiges Poesiealbum von Symbolen und Zeichen. An ihm lässt sich ablesen, wie Darstellung, Umgang und Tradition funktioniert haben – vor 10 Jahren, vor 20 Jahren, aber auch vor 50 Jahren.

Grundvoraussetzung für die Ernennung der Friedhofskultur in Deutschland zum immateriellen Kulturerbe war für die Unesco „die Lebendigkeit der kulturellen Ausdrucksform“. So steht es in der Beschreibung. Also genau das, was in Gifhorn extra betont wird und weiterhin gefördert werden soll. „Es geht nicht um das Mumifizieren unserer Friedhöfe, sondern um deren zeitgerechte Weiterentwicklung“, bekräftigt Günter Koch. Und weiter geht es ja immer irgendwie. „Wir gehen davon aus, dass sich die Leute hier treffen und begegnen“, sagt Johann Harms und fügt an: „Auf dem Friedhof haben sich Personen kennengelernt und zusammen einen neuen Lebensabschnitt begonnen.“ Der Friedhof, ein Ort der Ruhe und Stille. Der Friedhof aber auch: Ein Ort des Lebens und seiner ganz besonderen Eigenarten.