Engagement

Solidarität über fast 10.000 Kilometer: Gifhorns Frauenhaus-Team reist nach Südafrika und startet Projektpartnerschaft

Malte Schönfeld Veröffentlicht am 04.07.2026
Solidarität über fast 10.000 Kilometer: Gifhorns Frauenhaus-Team reist nach Südafrika und startet Projektpartnerschaft

Die neue Partnerschaft lebt vom persönlichen Austausch: Die Gifhornerinnen Ulla Evers (vorne 2. von rechts), Kaja Reiche (vorne 2. von links) und Mia Warnecke (hinten rechts) besuchen das Frauenhaus in East London.

Foto: Frauenhaus-Team

Es ist keine Reise, bei der der reiche Norden dem armen Süden die Welt erklärt. Ganz im Gegenteil. „Wir haben in Südafrika unheimlich viel gelernt“, betont Ulla Evers, Leiterin des Gifhorner Frauenhauses. Gemeinsam mit ihren Kolleginnen Kaja Reiche und Mia Warnecke ist sie im Rahmen einer neuen, vom niedersächsischen Sozialministerium getragenen Projektpartnerschaft nach East London, in die Provinz Eastern Cape, gereist. Unter dem Motto „Feel the People“ ging es darum, die dortige Gewaltschutzarbeit hautnah zu erleben. Mit unvergesslichen Erinnerungen im Gepäck änderten die drei Frauen zurück in Gifhorn ihre Arbeitsweise – und ein Großprojekt ist bereits in der Mache.

Die Kooperation kommt nicht von ungefähr: Das Land Niedersachsen pflegt bereits seit 1996 eine offizielle Partnerschaft mit der südafrikanischen Provinz Eastern Cape – einer Region, die unter anderem durch ein großes Volkswagen-Werk wirtschaftlich geprägt ist. Über gezielte niedersächsische Fördermittel werden dort Kooperationen in Politik, Bildung und Sport finanziert. Nun wächst das Netzwerk im Bereich des Gewaltschutzes zusammen.

Den Anstoß gab eine Anfrage des Sozialministeriums an das Frauenhaus, vermittelt über die St. Matthews Evangelical Lutheran Church. Die Gemeinde engagiert sich vor Ort stark im Kampf gegen Alkoholabhängigkeit bei jungen Männern, wollte ein neues Gemeindehaus bauen. Doch in Niedersachsen winkte man ab: Investieren möchte man in Wissen, nicht in Steine. Nach nur wenigen Zoom-Gesprächen im Jahr 2025 war für das Gifhorner Team klar: „Wir müssen uns das vor Ort anschauen, um zu verstehen, wie Schutz dort organisiert wird.“

Das Treffen mit der Kirchengemeinde der St. Matthews Evangelical Lutheran Church war eine der ersten Erfahrungen des Austauschs für Ulla Evers und Kaja Reiche. Mit dabei auch Joe Jongolo, der Gifhorn besuchen wird.

Foto: Frauenhaus-Team

Graswurzelbewegungen trotz Geldnot

In East London traf das Team auf die Organisation Masimanyane. Unter der Leitung von Dr. Lesley Ann Foster ist die dort ansässige NGO weltweit vernetzt – unter anderem mit Delegationen aus Skandinavien – und berät sogar die UN-Weltfrauenkonferenz. Gearbeitet wird nach dem sogenannten ökologischen Modell: Jede schutzsuchende Frau wird in einem Gesamtsystem aus Familie, Community und Weltgeschehen gedacht.

Die Gifhornerinnen flogen ganz gespannt nach Südafrika und wurden von einer Welle der Hilfsbereitschaft überwältigt. Wie Masimanyane und Dr. Lesley Ann Foster arbeiten, machte Kaja Reiche sogar „ehrfürchtig“, wie sie sagt. Dieses ganze Wissen, diese Erfahrungswerte. „Die Solidarität und das Aufeinanderachtgeben in den dortigen Communitys sind einzigartig“, berichtet Mia Warnecke. Weil dem südafrikanischen Frauenhaus oft schlicht die finanziellen Mittel für Essen oder Gehälter fehlen, bilden die Frauen sogenannte Women‘s Circles und Mini-Projekte – Graswurzelbewegungen, die sich eigenständig ausbreiten, Kettenreaktionen der Aufklärung. Mädchen- und Frauengruppen tragen wichtige Insider-Infos über Missstände in den Townships an Masimanyane weiter, woraus direkt passgenaue Präventionsprojekte entstehen. „Diese Mentalität des Einfachmachens ohne Jammerhaltung wollen wir unbedingt in unseren Gifhorner Arbeitsalltag integrieren“, versichert Ulla Evers.

Kein Geld, kein Gehalt, kein Essen, was sie herausgeben könnten – doch die Frauen im Frauenhaus in East London bleiben kämpferisch.

Foto: Frauenhaus-Team

Elend und Korruption

Vor der Fahrt wurde das Frauenhaus-Team aus Gifhorn vor dem Elend gewarnt. Denn der Alltag für Frauen und Schwarze generell ist in Südafrika von einer extremen, permanenten Unsicherheit geprägt. Ob in Kapstadt, Johannesburg oder East London: Bestimmte Straßen und Viertel müssen Frauen komplett meiden. Südafrika weise mit neun Femiziden pro Tag eine der höchsten Raten weltweit auf, ordnet Mia Warnecke ein.

Dabei gäbe es theoretisch gute institutionelle Ansätze: Die lokalen Beratungsstellen in den teilweise selbstverwalteten Townships sind nicht selten direkt an die Polizeibehörden und Gerichte angebunden – eigentlich ein strukturell sehr fortschrittliches System, um Betroffenen zu helfen. Die Krux liegt jedoch in der Praxis: Ein enorm hohes Maß an Korruption in den staatlichen Einrichtungen bremst die Hilfe oft aus. Zudem wurde zwar bereits 2018 ein staatliches Grundsatzpapier zum Schutz von Frauen beschlossen, doch mangels Geld wird davon kaum etwas umgesetzt.

Gleiche Muster bei Missbrauch

Trotz der unterschiedlichen Intensität der Zahlen sind die strukturellen Probleme im Kern deckungsgleich mit denen in Deutschland, wo statistisch jeden zweiten Tag ein Femizid geschieht. „Die patriarchalen Strukturen sind exakt dieselben“, stellt Ulla Evers klar. In der Regel handele es sich um männliche Täter im direkten Nahbereich, die Macht missbrauchen.

In Südafrika seien etwa die extrem hohen Zahlen bei Teenager-Schwangerschaften und „statutory rape“ signifikant, was wohl am ehesten dem deutschen Straftatbestand des sexuellen Missbrauchs von Kindern nahekommt. Das kennt auch das Gifhorner Team.

Genauso wie die täglichen Fälle von physischer und psychischer Gewalt sowie Zwangsverheiratungen, wobei die in Südafrika ebenfalls höher ausschlagen. Einig sind sich die Gifhorner Expertinnen, dass weltweit ein rückschrittliches, rechtskonservatives Männerbild an Boden gewinnt: In Südafrika manifestiere sich dies in der Beibehaltung traditioneller, problematischer Beschneidungsrituale, bei denen Jungen erst zum Mann würden – in Deutschland befeuerten soziale Medien zunehmend rechtskonservative Rollenbilder, die Männern Macht über scheinbar ohnmächtige Frauen zusprächen.

Luxus sieht anders aus, doch um häuslicher Gewalt und Femiziden den Kampf anzusagen, dient das Frauenhaus in jedem Fall.

Foto: Frauenhaus-Team

Eine neue Frauenberatungsstelle für den Gifhorner Nordkreis

Die Reise hat den Blick des Gifhorner Teams nachhaltig geschärft. Statt nur neue Papiere zu produzieren, wollen die Frauen noch aktiver handeln: selbst Netzwerke neu suchen, bestehende Potentiale besser nutzen. Gemeinsam mit den südafrikanischen Partnern wurde ein Memorandum formuliert, das beim Gegenbesuch im September in Gifhorn unterschrieben werden soll – und für Gifhorn und East London gelten soll.

Zudem macht Ulla Evers bei einer Frauenberatungsstelle ernst, die im Gifhorner Nordkreis konkrete Formen annimmt. Das Projekt, das in Kooperation mit einer Kirchengemeinde aus dem Nordkreis und in inhaltlicher Nähe zum Beratungshaus in Wittingen entstehen soll, geht Ulla Evers nach den südafrikanischen Eindrücken nun „wesentlich offensiver“ an – bürokratische Hürden schüchtern sie nicht mehr ein. Mietvertrag, Personalvertrag – sie geht jetzt in Vorleistung. Geplant sind außerdem verstärkte Kooperationen mit Sportvereinen, um dort etwa frühzeitig Rollenbilder zu thematisieren. Eine weitere Idee: Ehemalige Bewohnerinnen des Frauenhauses sollen zu Multiplikatorinnen ausgebildet werden, um ihr Wissen an Schulen weiterzugeben. „Frauengerechtigkeit fängt im Kleinen an – in der Nachbarschaft und im Vorbeigehen, durch Zivilcourage im Alltag“, wie es Kaja Reiche zusammenfasst.

Rhythmus, Gewürze und Stacheldraht

Neben emotionalen Eindrücken und Fachgesprächen bot der Austausch des Gifhorner Frauenhauses tiefe Einblicke in die südafrikanische Kultur. Kaja Reiche zeigt sich nachhaltig beeindruckt von der Natur, der Weite des Landes und der Lebensfreude: „Es gab unglaublich viel Tanz und Rhythmus.“ Auch einen Trommelworkshop besuchten die drei Gifhornerinnen.

Kulinarisch dominierten deftiges Essen, Fleisch und Bohnen, sowie indische Einflüsse. Hintergrund ist die rund eine Million Menschen starke indische Community, deren Vorfahren im 19. Jahrhundert auf Zuckerrohrplantagen arbeiteten und unter dem Apartheidregime massiver Diskriminierung ausgesetzt waren sowie in Townships verdrängt wurden.

Die Unterkunft der Gifhornerinnen lag in einer von Stacheldraht umzäunten Gated Community, die sie aus Sicherheitsgründen ausschließlich in Begleitung verlassen durften. Für Schmunzeln sorgte dagegen ein Bad im Indischen Ozean: Während die Gifhornerinnen das herbstliche Wasser bei 21 bis 24 Grad genossen, saßen die südafrikanischen Gastgeber fröstelnd mit Pudelmützen am Strand.

Verstehen, was die Communitys und Townships ausmacht: Kaja Reiche (von rechts) und Mia Warnecke lauschen gespannt den Ausführungen der Mitarbeiterin des Beratungsbüros in East London.

Foto: Frauenhaus-Team

Besuch aus Südafrika im September

Voller Elan und mit neuer Arbeitswut sind die drei Mitarbeiterinnen des Frauenhauses nach Gifhorn zurückgekehrt. In die eigene Arbeitsweise übernehmen sie mehr Kommunikation, Mut und den Community-Gedanken. Doch was können die Südafrikanerinnen lernen? Das stellt sich im September heraus, wenn Menschenrechtsaktivistin Dr. Lesley Ann Foster und Joe Jongolo, der der St. Matthews Evangelical Lutheran Church vorsteht, zum Gegenbesuch nach Gifhorn reisen.

„Wir haben in Südafrika viele Ambivalenzen kennengelernt“, berichtet Frauenhaus-Leiterin Ulla Evers. „Interessant wird zu sehen sein, welche Ambivalenzen unsere Gäste in Gifhorn bemerken.“ Im Fokus steht dann auch das Memorandum, für das sich beide Organisationen zur Umsetzung verpflichten möchten.

Globaler Rechtsruck und seine tödlichen Folgen

Die Arbeit im Gewaltschutz im Eastern Cape ist untrennbar mit existenziellen, globalen Krisen verbunden. Südafrika kämpft weiterhin mit täglich rund 1000 HIV-Neuinfektionen. Erschwert wird der Kampf gegen das Virus und den Missbrauch durch den weltweiten Rechtsruck und eine restriktive Austeritätspolitik.

Besonders hart treffen die Nichtregierungsorganisation Masimanyane die drastischen Streichungen von US-Geldern unter Präsident Donald Trump: Die Organisation verlor 30 Prozent ihres Budgets und musste die Belegschaft von 80 auf 25 Mitarbeiterinnen zusammenstreichen, wie Mia Warnecke vom Gifhorner Frauenhaus-Team berichtet. Laut Berechnungen eines Teams der Boston University habe die Austrocknung von USAID-Programmen weltweit bereits rund 600.000 Todesopfer gefordert, wovon zwei Drittel Kinder seien.

Auch das Gifhorner Frauenhaus spürt den Druck und die Debatten um Kürzungen im hiesigen Sozialstaat. „Wir lassen uns aber nicht unterkriegen und werden immer einen Weg finden, um Hilfe möglich zu machen“, gibt sich Kaja Reiche kämpferisch. Das sei eine Haltung, die man gerade auch in Südafrika gelernt habe.


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