Kopfüber

Über Tote und Wahlen: Unser Kolumnist Malte Schönfeld nimmt die Lokalpolitik für den Kampf gegen die Klimakrise in die Verantwortung

Redaktion Veröffentlicht am 08.08.2026
Über Tote und Wahlen: Unser Kolumnist Malte Schönfeld nimmt die Lokalpolitik für den Kampf gegen die Klimakrise in die Verantwortung

An allen Ecken und Enden brennt es mal wieder in Europa. In Deutschland toppen sich Rekordtemperaturen beinahe wöchentlich. Darauf muss Lokalpolitik vor Ort reagieren, findet KURT-Redaktionsleiter Malte Schönfeld.

Foto: Vitaly Kobzum/Pixabay

42 Grad. Eigentlich ist es nicht auszuhalten. Nicht die Luft über den Straßen Kölns flimmert, die Welt flimmert. Ein aufgelöster Späti-Besitzer entschuldigt sich für handwarmes Kölsch, seine Kühlschränke seien am Limit, und im Keller, dort, wo die lauten und heißen Aggregate stehen, glühten 80 Grad. Später, fernab der engen Kölner Straßen, sind die Schattenplätze am Fühlinger See schnell belegt, und das veralgte Wasser brodelt beinahe wie ein Lavakessel.

Ernst ist es immer dann, wenn Menschen sich nicht mehr aus dem Haus trauen. Deswegen erinnerte mich die erste Hitzewelle vor einigen Wochen auch an Corona. Niemand sprach über etwas anderes, alle waren überfordert, niemand war vorbereitet. Obwohl wir wahrlich genug Zeit gehabt hätten.

Hitze kann nun mehr denn je auch in Deutschland ein Todesurteil sein. Besonders betroffen sind Senioren, kleine Kinder und Menschen mit Behinderungen, deren Einschränkungen in der Mobilität, der Kommunikation und der Wahrnehmung im Zweifel mit dem Leben bezahlt wird. Erzieherinnen bringen im Kindergarten nun bei, was Hitze überhaupt ist. Wort schafft Realität. Und Realität braucht Reaktion. Elternketten fragen noch am Sonntag, ob morgen in der Schule hitzefrei erklärt wird. Wohin dann mit den Kids? Auf der Arbeit trägt der Chef Verantwortung für seine Belegschaft, auch wenn‘s da kein hitzefrei gibt.

Fast 10.000 Hitzetote rechnete das Robert-Koch-Institut bis Ende Juli vor. Das sind ungefähr viermal so viele wie im gesamten Jahr zuvor; 2024 waren es rund 2900 Tote und 2023 etwa 3200. Ist jeder für sich selbst verantwortlich? Oder sollten wir nicht besser auf die Systeme verweisen, die unsere Leben wirklich sicherer gestalten könnten?

Zu bedauern sind die Toten, Eingewiesenen und Geschädigten. Vollständig wird das Bild aber erst, wenn man alle Schäden und Kosten summiert. In Leipzig und Nürnberg schmilzt die Fugenmasse Bitumen, tagelang steht in den Großstädten der Nahverkehr auf der Schiene still. Auf der A7 in Richtung Hamburg blähen die Straßen auf und Platten platzen. Klimaanlagen in Zügen fallen aus. Unsere Lebenswelt ist nicht mehr wiederzuerkennen. Und es ist verdammt teuer, sie immer wieder nur zu reparieren als gleich krisensicher zu machen.

Deswegen spreche ich hier alle Politikerinnen und Politiker aus dem Landkreis Gifhorn an, die sich zur Kommunalwahl aufstellen lassen: Wir brauchen flächendeckend Schutzsysteme, die belastbar sind. Wir brauchen gesunde Bäume in den Innenstädten und Dorfzentren mehr denn je, die Schatten spenden und kühlen. Entsiegeln und Begrünen wird zur Generationenaufgabe. Unsere Seen, Flüsse, Bäche und Teiche müssen wir um jeden Preis erhalten und stärken. Es braucht lebhafte Refugien – zum Spazierengehen und Entdecken, für die Psyche. Regionale Energie- und Stromnetze halten uns vor Augen, dass wir für uns sorgen – ohne Despoten oder Dreck in der Rechnung zu haben.

Vor allem aber gilt es, in den eigenen Reihen, Ortsvereinen und Stadtverbänden der Schuldenbremse den Kampf anzusagen. Wir brauchen einen Vibeshift. Denn alles wäre problemlos finanzierbar. Nur halten wir an der Schwarzen Null fest, finden wir bald verbranntes Land vor.


Coole Leute gesucht – wir stellen ein!

Informiere Dich über Jobs in unserem Medienhaus! Wir sind auf der Suche nach tollen Menschen, die bei uns einsteigen möchten.

Mehr erfahren