Portrait

Nur einen Schritt hinter der Macht, jetzt im Ruhestand: Frank Behling beschützte mehr als 30 Jahre die Mächtigen wie Altkanzler Schröder

Malte Schönfeld Veröffentlicht am 04.08.2026
Nur einen Schritt hinter der Macht, jetzt im Ruhestand: Frank Behling beschützte mehr als 30 Jahre die Mächtigen wie Altkanzler Schröder

Immer an der Seite des Kanzlers: Frank Behling 2004 hinter Gerhard Schröder in Afghanistans Hauptstadt Kabul.

Foto: BArch, B 145 Bild-00023320 / Julia Fassbender

Noch heute nimmt Frank Behling im Restaurant immer so Platz, dass er den ganzen Raum und die Gäste scannen kann. „Ein Blick für Auffälligkeiten, den man nach all den Jahren einfach nicht mehr ablegt“, schmunzelt der gebürtige Gifhorner. Kein Wunder, schließlich blickt der 62-Jährige auf eine außergewöhnliche Karriere zurück – zunächst als LKA- und dann als BKA-Beamter sowie Personenschützer. Er bereiste mehr als 100 Länder, schützte den Papst, Präsidenten und fast drei Jahrzehnte lang den früheren Bundeskanzler Gerhard Schröder. Nun geht er in den Ruhestand.

Wenn sich Frank Behling an seine Kindheit erinnert, fällt ihm der Kindergarten an der Bleiche ein: Leiterin Tante Elisabeth, Erzieherin Tante Inge und Onkel Dieter, ein Polizist, der aushalf. Danach ging er erst auf die Freiherr-vom-Stein-Schule, später besuchte er die Fritz-Reuter-Realschule.

Ohne konkreten Plan, wie es weitergeht, folgten Praktika bei Gustl Brusch in einer Autowerkstatt und bei Möbel Schlifski. „Da ist mir aber schnell klar geworden, dass es das nicht wird“, lächelt er. 1981, im Alter von 17 Jahren, bewirbt er sich – ein Freund macht es vor – bei der Landespolizei. Auch weil Frank Behling seiner Heimatstadt Gifhorn treu bleiben möchte. Schnell lernt er seine erste Frau kennen, baut in Kästorf.

Nach der Schule fängt Frank Behling bei der Landespolizei an. Seine Hoffnung: immer in Gifhorn bleiben zu dürfen.

Foto: Privat

Seine ersten Dienstjahre verbringt Frank Behling in der Bereitschaftspolizei in Braunschweig. Dort erlebt er 1989 die historische Grenzöffnung hautnah; kurzerhand wird die eigene Stube zum Nachtlager für DDR-Flüchtlinge umfunktioniert, fast 30 Personen kuscheln sich auf engem Raume. Als dann die Mauer wirklich fällt, schaukeln die glücklichen Massen an den Trabis. „Die Freude war riesig.“ Konfrontativer sind da die Anti-Atomkraft-Demos gegen die Castor-Transporte im Wendland. Aus jener Zeit stammt auch eine Anekdote, die es damals sogar ins Radio schafft: Ein Polizist wurde verletzt! Doch nicht durch einen Steinewerfer – bei einer Festnahme konnte ein Polizeihund nicht zwischen Freund und Feind unterscheiden. „Der biss mir kurzerhand in den Arsch“, lacht Frank Behling heute.

Für Gewalt gegen Einsatzkräfte hat er absolut kein Verständnis. Ungerechtfertigte Gewalt, die von Polizisten auf Demos ausgeht, findet er „noch schlimmer“ – auch wenn er das selbst nie erlebt habe.

Lieber ein Jobwechsel als auf Gifhorn zu verzichten

Als nach der Wende Reviere neu eingeteilt werden und der Gifhorner vorübergehend in seine Heimatstadt abgeordnet wird, um den Streifendienst zu unterstützen, will ihn sein alter Chef in Braunschweig schnell zurückbeordern. „Da bin ich zum ersten Mal ein bisschen bockig geworden“, gesteht er. Zu sehr mag er die Arbeit daheim. Also schaut Frank Behling, was noch so möglich ist und bewirbt sich als Personenschützer beim Landeskriminalamt. „Vorher hatte ich da niemals drüber nachgedacht.“ Doch es sollte sich als echter Glücksfall herausstellen.

Kanzler Gerhard Schröder (vorn) und Kanzleramtsminister Frank-Walter Steinmeier (links) mit Frank Behling beim Einzug ins Bonner Kanzleramt.

Foto: Privat

Zunächst absolviert Frank Behling also die Grundausbildung zum Personenschützer. Was ihm entgegenkommt: Der Zwei-Meter-Mann ist topfit und bringt schon einiges an Reife im Job und Lebenserfahrung mit. Anfang der 90er wird er dem damaligen niedersächsischen Innenminister Gerhard Glogowski zugeteilt. Er holt die Fachhochschulreife nach und absolviert anschließend ein dreijähriges Studium für Verwaltung und Rechtspflege in Hildesheim.

An der Seite von Bundeskanzler Gerhard Schröder

Während des niedersächsischen Wahlkampfs 1998 beschützt Frank Behling den damaligen Ministerpräsidenten Gerhard Schröder genauso wie dessen CDU-Herausforderer Christian Wulff. Am 1. März ist Wahl, Landesvater Schröder bleibt im Amt – und geht siegesmutig als Kanzlerkandidat für die SPD ins Rennen, um die Ära Helmut Kohl zu beenden. Als Schröder auch diese Wahl gewinnt, zieht Frank Behling mit ihm um – erst in den Bonner Bungalow, kurz darauf ins neue Kanzleramt nach Berlin.

Insgesamt 28 Jahre lang begleitet der Gifhorner den Kanzler, 22 Jahre davon als Kommandoführer. In der Jackentasche immer der Diplomatenpass. Gemeinsam reisen sie durch die Welt. „Man muss sich im Rahmen der Professionalität schon schätzen und leiden können, sonst funktioniert das über so einen langen Zeitraum nicht“, betont Frank Behling. Sie spielen gemeinsam Tennis („mal verliere ich, mal gewinne ich“), rufen sich zum Geburtstag an und sprechen über Fußball – selten über Politik. „Doch es kam auch schon mal vor, dass er mich nach meiner Meinung gefragt hat.“

Frank Behling (rechts) und Gerhard Schröder beim Tennis in Marbella.

Foto: Privat

Dass der Gifhorner selbst seit 1989 in der SPD ist, also schon lange vor seinem Dienst an der Seite Schröders, erzählt er ihm erst 2016. Die beiden verbindet ein Vertrauensverhältnis. Ein absoluter Höhepunkt: Als Frank Behling seinen 60. Geburtstag im Kultbahnhof feiert, sind Gerhard Schröder und Gattin So-yeon Schröder-Kim zu Gast, gewohnt charismatisch hält der Altkanzler eine Rede. So was verlernt man einfach nicht.

Mitten im Zirkel der Macht

Als Personenschützer erlebt Frank Behling regelmäßig Momente, von denen andere nur träumen. Er übernachtet im berühmten Blair House in Washington, in dem Gäste des amerikanischen Präsidenten einquartiert werden; das war zu Zeiten von Georg W. Bush. Er schützt Papst Benedikt XVI., als der auf Tour in Deutschland ist. Der indische Premierminister Narendra Modī, Hamad bin Chalifa Al Thani, der Emir von Katar, und der ehemalige britische Premierminister Boris Johnson – sie alle vertrauen dem Schutz der deutschen Behörden. Beim G7-Gipfel auf Schloss Elmau 2015 passt Frank Behling auf EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker auf, da spaziert US-Präsident Barack Obama völlig entspannt an ihm vorbei und lässt ein lockeres „Hey“ fallen. Jahre später schüttelt Frankreichs Präsident Emmanuel Macron ihm die Hand, als kenne man sich schon ewig.

Auf einer Golfreise 2005 macht Kanzler Gerhard Schröder Halt im Jemen. Immer auf den Fersen und einen Kopf größer: Frank Behling

Foto: Guido Bergman

Je heikler die Situation, desto ruhiger wird er

Bei seinem ersten Bundespresseball wundert sich Personenschützer Behling, warum es auf dem roten Teppich nicht vorangeht. Doris Schröder-Köpf erklärt: „Herr Behling, Sie stehen auf meinem Kleid.“ Doch keine falsche Eitelkeit: Die Kanzlergattin nahm es ihm nicht krumm.

Trotz des Glanzes der großen Bühne – live beim Sommermärchen 2006 im Stadion, bei Eröffnungen von Olympischen Spielen in Peking und Sotchi – ist der Job oft von extremem Druck und physischer Belastung geprägt. Während zu Hause die Dienstpläne etwas lockerer geschrieben sind, ist das Personal im Ausland begrenzt. Dort sind 20-Stunden-Schichten keine Seltenheit. Frank Behlings Strategie: „Viel Kaffee und Powernapping, wo es geht.“

Angst verspürt der Gifhorner jedoch nie, wie er erklärt: „Wenn der Kanzler auf einen Marktplatz tritt und 10.000 Menschen ihm die Hand schütteln wollen, ist das eine absolute Drucksituation, das schon. Aber je heikler es wird, desto ruhiger werde ich“, sagt der Personenschützer.

Außerdem ist ihm der Heldenstatus ganz und gar fremd. Der Job sei nicht wie bei Kevin Costner und Whitney Houston im Hollywood-Liebesstreifen „Bodyguard“ von 1992. „So wie alle anderen, mache ich meine Arbeit so gut es geht.“

Auch internationale Persönlichkeiten wie den britischen Premierminister Boris Johnson beim Libyen-Gipfel 2020 beschützte Frank Behling schon.

Foto: Privat

Im Kriegsgebiet Afghanistan

Dennoch gibt‘s Momente, die im Gedächtnis bleiben. Etwa der Abflug im Mai 2002 aus Afghanistan an Bord einer Transall, bei dem plötzlich die automatischen Raketenabwehrsysteme mit lautem Knall und Blitzen auslösen und das Flugzeug absackt. „Da dachten wir alle, das war‘s jetzt.“ Mit dabei: Kanzler Schröder und Franz Beckenbauer, damals Botschafter des deutschen Fußballs in der Welt. Doch der Pilot bekommt die Maschine wieder unter Kontrolle – im Nachhinein stellte sich laut eines Regierungssprechers heraus, dass das Abwehrsystem fälschlicherweise wegen eines Gewitters auslöste, einen Angriff habe es nicht gegeben.

Oder ein Einsatz 2007, ein trauriger Anlass: Drei deutsche Kollegen waren bei einem Anschlag in Kabul getötet worden, und Frank Behling beschützt die deutsche Delegation inklusive Staatssekretär aus dem Innenministerium bei der Überführung der Särge. „Das sind Bilder, die im Kopf bleiben.“ Seinen Beruf möchte er dennoch nicht pathetisch aufladen: „Jede Einsatzkraft kann in Lebensgefahr geraten – auch ein Streifenpolizist bei einem Banküberfall.“

Am Rande eines Diensttermins begegnete Frank Behling seinem Tennis-Idol Boris Becker und trank mit ihm beim Plausch einen Cappuccino.

Foto: Privat

Diskretion gilt auch für Putin

Viele Geschichten kann Frank Behling erzählen. Und noch mehr wiederum auch nicht. So sehr man auch nach Wladimir Putins Datscha fragt und dem Verhältnis zwischen Altkanzler Schröder und dem Despoten aus dem Kreml. So sehr man sich dafür interessiert, warum der russische Präsident Verderben über andere Länder bringt – für die Welt ein großes Rätsel, bedingt durch die phobische Zurückgezogenheit.

Doch Frank Behling ist Wladimir Putin näher gekommen als die allermeisten Menschen der Welt, vermutlich sogar näher als Putins eigene Minister. Vielleicht wären Behlings Einblicke hilfreiche Antworten. Doch die Diskretion ist ihm heilig, pflichtbewusst wahrt er die Vertraulichkeit.

Vorfreude auf Familie, Politik und Schützenverein

Frank Behlings Leben ist lange Zeit streng getaktet gewesen: Ein Drittel verbringt er in der Welt, ein Drittel in Europa und ein Drittel zu Hause in Gifhorn. Den perfekten Ausgleich findet er stets bei seiner Familie im Scheuringskamp, beim Schwimmen in der Allerwelle und im Schützenwesen. Seit 1995 ist er Mitglied im Uniformierten Schützenkorps (USK), wo er auch als Zugführer des 9. Zugs aktiv war. „Ich habe in all den Jahren kein Schützenfest verpasst“, verrät er lachend. „Es hat eben Vorteile, wenn man seine Dienstpläne selbst schreiben darf.“

In seiner Heimatstadt Gifhorn fühlt sich Frank Behling wohl. Hier lebt er mit seiner Familie – und hier sieht man ihn mit Sohn Theo auf der Straße.

Foto: Privat

Ein großes Dankeschön richtet er an seine Ehefrau Anke. Als Sohn Theo 2007 mit einer Behinderung zur Welt kommt, findet die Familie große Unterstützung bei der Lebenshilfe im Heidland. Für den Gifhorner ein Grund, sich jahrelang im Vorstand zu engagieren. „Wenn ich zu Hause bin, dann immer zu 100 Prozent, um meine tapfere Frau zu entlasten.“ 2011 kommt Lola zur Welt, insgesamt hat Frank Behling vier Kinder.

Im Ruhestand ist nun wieder mehr Zeit vorhanden. Auch um politisch aktiv zu werden – bei den Kommunalwahlen kandidiert Frank Behling für den Stadtrat. „Jemand mit Sicherheitsexpertise kann nicht schaden“, findet er. Ansonsten wolle er sich im Ruhestand mehr noch dem Gifhorner Schützenwesen und der Familie widmen.


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