Stolpersteine
Nach der Verstümmelung folgte der Krieg: In Gifhorn und Kästorf erlebte Heinz Försterling die Brutalität der Medizinalräte
Katharina Gries Veröffentlicht am 17.10.2026
Ein Stolperstein auf dem Gelände des ehemaligen Jugenderziehungsheims Rischborn erinnert heute an Heinz Försterling.
Foto: Mel Rangel
Die Gräueltaten der Nationalsozialisten – Stigmatisierung, Beleidigung und Ausgrenzung führten nicht selten zu Verfolgung, Deportation und Mord. Noch immer hält die Aufarbeitung der NS-Zeit an. Auch in Gifhorn, wo die Zahl der Opfer mindestens dreistellig ist. Eines von ihnen ist Heinz Försterling, der im Jugenderziehungsheim Rischborn in Kästorf große Leiden und eine schlimme Diagnose ertragen musste, die zu seiner Sterilisation führte. Seine Geschichte schildert Katharina Gries aus der Historischen Kommunikation der Dachstiftung Diakonie in einem Gastbeitrag.
Heinz Wilhelm Försterling wurde am 22. August 1919 als Sohn des Bergmanns Heinrich Försterling und der Arbeiterin Anna Försterling als zweitjüngstes von sieben Kindern in Braunschweig geboren. Die Familie lebte in einer kleinen, „nur ärmlich ausgestatteten“ Wohnung im Madamenweg 45. Als Kind war Heinz Försterling kränklich und lernte erst mit vier Jahren gehen und sprechen. Wenn er aufgeregt war, stotterte er, weshalb er in der Schule gehänselt wurde.
Der Vater Heinrich Försterling, der einst im Bergbau gearbeitet hatte, litt zu Beginn der 1930er Jahre bereits an sich stetig verschlimmernden Lungenproblemen, die es ihm unmöglich machten, im Familienleben eine aktive Rolle einzunehmen. Seiner Krankheit wegen, später als Tuberkulose benannt, erhielt er bloß noch eine geringe Invalidenrente von 46 Mark im Monat. Diese hatten im Jahr 1935 ungefähr dieselbe Kaufkraft wie rund 245 Euro heute.
Heinrich Försterling verstarb 1936 an einem durch seine Krankheit ausgelösten Blutsturz. Anna Försterling kümmerte sich aufgrund der Krankheit ihres Mannes neben ihrer Arbeit in einer Konservenfabrik beinahe allein um den Haushalt und die Erziehung der sieben Kinder. In Försterlings Beobachtungsbogen aus dem Provinzialerziehungsheim in Göttingen wird sie als „abgearbeitet und kränklich“ beschrieben, ihrem Sohn gegenüber soll sie sehr streng gewesen sein.
Ab Ostern 1926 besuchte Heinz Försterling die Gemeindeschule Bürgerstraße in Braunschweig. Sein Lehrer attestierte ihm eine „mittlere Begabung“ und ein Betragen, das „in der Schule keinen Anlass zur Klage“ gab. Da er aufgrund der Krankheit des Vaters im letzten Schuljahr oft nicht zur Schule gehen konnte, wiederholte er die Abschlussklasse und schloss sie im Frühjahr 1934 mit überwiegend genügenden Noten ab.
1934 kam Heinz Försterling auf Anordnung der Heimerziehung nach Rischborn in Kästorf. Dieses Foto zeigt ihn drei Jahre später.
Foto: Niedersächsisches Landesarchiv Hannover

Außerhalb der Schulstunden galt Heinz Försterling jedoch seit früher Jugend als „schwieriger Erziehungsfall“. Er wurde als scheu, hinterlistig und verlogen beschrieben, aber auch als albern und spielerisch. Anderen Kindern gegenüber verhielt er sich oft aggressiv und gewalttätig, sodass einige Eltern Überlegungen anstellten, ihre Kinder nicht mehr zur Schule zu schicken, um Begegnungen mit ihm zu vermeiden. Laut des Beobachtungsbogens befand er sich oft in „schlechter Gesellschaft“ und verbrachte kaum Zeit zuhause.
Im Frühjahr 1933 begann Heinz Försterling eine Ausbildung zum Sattler in Braunschweig, die ihm Freude bereitete, aus der er jedoch wegen Diebstahls von neun Mark entlassen wurde. Aufgrund seines Verhaltens und schwierigen Konflikten mit seiner Mutter wurde im Juli 1934, kurz vor seinem fünfzehnten Geburtstag, Heimerziehung für ihn angeordnet.
Heinz Försterling lebte ab dem 29. Juli 1934 im damaligen Jugenderziehungsheim Rischborn in Kästorf. Mit Beschluss vom 14. Oktober 1935 wurde „zur Beseitigung der Verwahrlosung wegen unzulänglicher Erziehung“ endgültig langfristige Fürsorgeerziehung beschlossen. In Rischborn galt Heinz Försterling als nachlässig und unbeliebt, da er oft widersprach und „zu Trotzaktionen“ neigte. Trotzdem spielte er in seiner Freizeit oft und gern mit den anderen Jungen Fußball.
Am 8. und 9. Januar 1935 besuchte Landesmedizinalrat Dr. Walter Gerson die damaligen Kästorfer Anstalten, um psychiatrische Untersuchungen durchzuführen. Er diagnostizierte Försterling nicht nur „Debilität mit triebhaften u[nd] nervösen Zügen“, sondern notierte auch seinen „Verdacht auf charakterliche Minderwertigkeit“. Sein Urteil lautete „angeborener Schwachsinn“. Am 25. Januar stellte der Gifhorner Medizinalrat Dr. Bernhard Franke einen Antrag auf Unfruchtbarmachung beim Erbgesundheitsgericht in Hildesheim. Im Rahmen des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses, das am 14. Juli 1933 erlassen worden war, sollten vermeintlich „erbkranke“ Menschen sterilisiert werden, um ebenfalls „erbkranken“ Nachwuchs zu verhindern.
Beim ersten Termin vor dem Amtsgericht Braunschweig am 12. Februar 1935 sprach Anna Försterling persönlich vor und versuchte, die Sterilisation ihres Sohnes zu verhindern. Auch Heinz Försterlings Vater stimmte dem Vorhaben nicht zu, konnte jedoch selbst nicht anwesend sein, da er zu dieser Zeit wegen Lungenblutens im Krankenhaus lag. Anna Försterlings Aussage lautete: „Wir halten Heinz nicht für unnormal veranlagt.“ Trotz des Protests der Eltern wurde die Unfruchtbarmachung am 1. März 1935 in Hildesheim beschlossen. Den Verzicht auf weitere Beschwerde unterzeichnete Dr. Franke selbst. Wie Anna und Heinrich Försterling zu diesem Vorgehen standen, ist nicht überliefert.
Heinz Försterling wurde am 2. Mai 1935 im Allgemeinen Krankenhaus in Celle sterilisiert. Nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus am 8. Mai kehrte er nach Rischborn zurück.
In Rischborn war es zur damaligen Zeit üblich, dass die Jungen neben der schulischen Ausbildung zu landwirtschaftlichen Arbeitern ausgebildet wurden. In diesem Zuge halfen sie nach der Schule bei der Feldarbeit und wurden als Aushilfskräfte an Bauersfamilien aus der Region vermittelt. Heinz Försterling machte die Landarbeit zuerst Freude, doch nach seiner ersten Anstellung bei einem Röttgesbüttler Bauern, aus der er im Dezember 1936 nach Rischborn zurückkehrte, änderte sich dies. Försterling war „ungeschickt“ und „übereifrig“ an die Arbeit herangegangen, so heißt es in seiner Akte, zeigte jedoch bald eine Abneigung gegen die landwirtschaftliche Arbeit, verhielt sich vor allem gegenüber der Bäuerin respektlos und stahl schlussendlich dem Knecht die Weste, woraufhin er fortgeschickt wurde.
Viel lieber wollte Heinz Försterling wieder als Sattlerlehrling arbeiten. Dieser Wunsch war so stark, dass er eigenmächtig das Arbeitsamt in Braunschweig aufsuchte und um Vermittlung bat. Dies erlaubte ihm die Rischborner Heimleitung jedoch nicht: Laut seines Beobachtungsbogens sei er „für Handwerk infolge seines Geisteszustandes und seiner Körperschwäche ungeeignet“ und „dazu körperlich und geistig unfähig“. Man entschied, dass Heinz Försterling nur für die landwirtschaftliche Arbeit in Frage käme, obwohl sogar ein Arzt attestiert hatte, dass Försterling sich aufgrund seiner körperlichen Schwäche nicht zur Landwirtschaft eignete. Heinz Försterling äußerte seine Berufswünsche oft mit stürmischer Begeisterung: Sein Interesse galt handwerklichen und kreativen Berufen, wie Sattler, Tapezierer, Polsterer oder Dekorateur.
Kurz nach seiner Rückkehr aus der Dienststelle in Röttgesbüttel wurden in Rischborn Überlegungen laut, ihn aufgrund seiner „erzieherischen Schwierigkeiten“ in eine geschlossene Anstalt zu verlegen. Stattdessen regte das Landesjugendamt in Braunschweig an, ihn erst einmal zur Beobachtung in das Provinzial-Erziehungsheim Göttingen zu überführen. Hier traf Heinz Försterling am 9. Januar 1937 ein. Trotz seiner Berufswünsche (Heinz Försterling war zu diesem Zeitpunkt bereit, einen Kompromiss einzugehen und als Laufbursche zu arbeiten) und der mittlerweile ärztlich festgestellten Nichteignung für eine landwirtschaftliche Tätigkeit, wurde er im Sommer 1937 erneut in eine landwirtschaftliche Dienststelle in Hetjershausen vermittelt, kehrte jedoch im Januar 1938 aufgrund von „Unbotmäßigkeiten und Lästereien“ nach Göttingen zurück. Trotzdem wurde sein „guter Wille“ notiert.
Fußball war eine beliebte Abwechslung im strengen Heimalltag. Auch Heinz Försterling fand Gefallen daran, mit anderen dem Ball nachzujagen. Dieses Foto entstand 1937.
Foto: Archiv der Dachstiftung Diakonie Kästorf

Ein weiterer Versuch wurde kaum zwei Wochen später unternommen: Diesmal sollte Försterling bei einem Bauern in Barlissen arbeiten. Hier wendete sich das Blatt: Bauer Weitemeier war sehr zufrieden mit Heinz Försterlings Arbeit, scheint ihn zudem gemocht zu haben, und stellte ihm in Aussicht, nach Ableistung seines Reichsarbeitsdienstes erneut fest bei ihm arbeiten zu können. Vor seiner Einziehung in den Reichsarbeitsdienst wollte Heinz Försterling jedoch noch einmal seine Familie in Braunschweig besuchen, wie er es auch in der Vergangenheit einige Male getan hatte, und erhielt die Erlaubnis, über Pfingsten zu verreisen. Dass er einen Tag früher nach Barlissen zurückkehrte als ausgemacht, verwunderte Weitemeier, doch Försterlings Betragen und Arbeitsleistung gaben ihm weiterhin keinen Grund zur Beschwerde.
Erst im Nachhinein stellte sich heraus, dass es erneut zu einem schlimmen Streit zwischen ihm und seiner Mutter Anna gekommen war. Die Versuche, sich mit seiner Mutter auszusöhnen, blieben zuerst erfolglos, sie antwortete nicht auf seine Briefe. Ende Oktober 1938 schien der Konflikt jedoch beigelegt zu sein, denn Heinz Försterling hielt sich zwei Wochen bei seiner Mutter in Braunschweig auf, bevor er am 2. November den Reichsarbeitsdienst antreten musste.
Da er seine Dienststelle in Barlissen zwar mit Koffer und rund 20 Mark (heute ungefähr 100 Euro) verlassen hatte, aber ohne beides in Braunschweig eintraf, bat Anna Försterling das Provinzial-Erziehungsheim Göttingen um eine Auszahlung seines restlichen Lohnguthabens. Sie wollte ihm die benötigte Ausrüstung und eine Fahrkarte für den Reichsarbeitsdienst bezahlen, sah sich dazu jedoch finanziell nicht in der Lage. Der Verbleib von Heinz Försterlings Gepäck blieb ungeklärt.
Hier enden die Aufzeichnungen in den Fürsorgeerziehungsakten aus Kästorf und Göttingen. Wo Heinz Försterling den Reichsarbeitsdienst ableistete, ist nicht überliefert. Auf den Bauernhof in Barlissen kehrte er nicht zurück, denn er wurde eingezogen. Aufschluss über seinen Verbleib während des Zweiten Weltkriegs geben lediglich zwei Karteikarten, die im Bundesarchiv in Berlin aufbewahrt werden: Zu Beginn der 1940er Jahre gehörte Heinz Försterling der „Flakscheinwerfer-Ersatz-Abteilung 29“ an, die erst in Iserlohn und später in Aschersleben stationiert war. Später ist die „Fallschirm-Panzer-Division 1 Hermann Göring“ als sein Truppenteil angegeben, sein Dienstgrad war zu diesem Zeitpunkt Obergefreiter. Schon im Sommer 1941 wurde Försterling jedoch als Insasse des Wehrmachtsgefängnisses Fort Zinna-Torgau gelistet.
Im Sommer 1943 befand er sich erneut in Haft, diesmal im berüchtigten Feldstraflager II in Torgau, das im April 1942 die ehemaligen Wehrmachtsgefängnisse abgelöst hatte. Die Feldstraflager stellten die letzte Bewährungsmöglichkeit für „straffällig“ gewordene Wehrmachtssoldaten dar. Besonders das Feldstraflager II war für seine hohen Sterberaten bekannt, da geschwächte Gefangene, die nicht mehr arbeiten konnten, oft wegen „Dienstverweigerung“ erschossen wurden. Weshalb Heinz Försterling hier inhaftiert wurde, ist nicht überliefert.
Im Dezember 1943 wurde er als Teil der Feldstrafgefangenen-Abteilung 6 sehr wahrscheinlich an der Ostfront eingesetzt. 1944 unterstützte die Feldstrafgefangenen-Abteilung 6 die Heeresgruppe Nord bei der Belagerung von Leningrad, bevor sie zur Heeresgruppe G an den Oberrhein verlegt wurde.
Im Dezember 1944 geriet Heinz Försterling in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Im Juli 1946 kehrte er aus der Kriegsgefangenschaft in die Wohnung seiner Mutter im Madamenweg 45 in Braunschweig zurück. 1947 zog er nach Finowfurt bei Berlin, 1948 lebte er für kurze Zeit in Hameln, bevor er im August desselben Jahres erneut nach Braunschweig zurückkehrte. Auf seiner Meldekarte aus Braunschweig ist er als verheiratet eingetragen, sein Beruf ist als Straßenbahnschaffner angegeben. Hier verliert sich Heinz Försterlings Spur. Lebende Angehörige sind nicht bekannt.
Dieser Text ist Teil der Broschüre „Stolpersteine in der Diakonie Kästorf“, kostenfrei erhältlich im Stadtarchiv, in der Stadtbücherei und bei der Diakonie in Kästorf.
Die Forschung zu Opfern des Nationalsozialismus geht weiter. Hinweise sammelt das Kulturbüro:
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