Musik

Das Herz muss trauern, um weiterleben zu können: Wie die Punkrock-Band .NIRU sich notgedrungen von ihrem Sänger trennte

Matthias Bosenick Veröffentlicht am 23.05.2026
Das Herz muss trauern, um weiterleben zu können: Wie die Punkrock-Band .NIRU sich notgedrungen von ihrem Sänger trennte

Zu groß war die Fernbeziehung zwischen der Band .NIRU und ihrem Sänger, jetzt starten sie aber mit neuem Elan durch.

Foto: Herr Rodemann

Eigentlich sollte es um „Pilz“ gehen, die erste Single von .NIRU seit Jahren – doch dann überschlugen sich die Ereignisse: Die melodische Punkband mit Wurzeln im Landkreis Gifhorn trennte sich von ihrem Sänger. Was für viele Gruppen einer Implosion gleichgekommen wäre, ist für .NIRU ein Beschleuniger – trotz aller Schmerzen, diesen Schritt gegangen sein zu müssen. Gespräche zur Bandhistorie, zum eigenwilligen Namen und dazu, wie es jetzt weitergehen soll, fanden in mehreren Etappen statt – mit dem Sänger vor dem Split, mit dem Rest der Band danach.

Konsequenterweise müsste die Geschichte, dem Bandnamen .NIRU entsprechend, rückwärts erzählt werden, doch eignet sich hier eine Abfolge von Rösselsprüngen besser. So viel Schluss sei zum Beginn erzählt: Ein Teil-Ende war hier nötig, um ein komplettes Ende zu verhindern, erklärt die Band. Oder besser: drei Viertel, nämlich Bassist Jens Kaufmann sowie die Gitarristen Till Siedentopf und Steffen Kusch, denn Schlagzeuger Onke Wagner war verhindert. Im Sommer 2017 gehörten Steffen, der parallel mit Commercial Suicide Hardcore macht, und Onke zu den Mitgründern der sängerlosen Band .NIRU, die kurz darauf den als Cosmo Thunder nicht nur aus KURT bekannten Wittinger Dominik Wagenführ anfragte, ob jener mit seinen Akustik-Songs ausgelastet sei. War er nicht, „er kam zur Probe, es hat menschlich harmoniert“, erzählt Steffen, und so war er der Sänger von .NIRU. „Das war kurz nach der Gründung“, so Steffen.

Zuletzt aber verschoben sich die persönlichen Schwerpunkte: Einige der Musiker wurden Väter, andere waren beruflich mehr und mehr eingespannt – und Dominik zog nach Münster. Für ihn bedeutete dies „einen Probeweg von vier Stunden“, wie er feststellte. Alle fünf Musiker waren motiviert, die Band trotz allem am Leben zu halten. „Wir haben gehofft, dass es gutgeht, dass es sich besser einspielt“, so Jens ernüchtert, „aber das war ein Wunschdenken.“

Er seufzt: „Wir haben versucht, es für alle so zufriedenstellend wie möglich zu machen, es aber nicht hinbekommen, dass alle damit happy sind – da war der Elan ein bisschen raus.“ Er sagt, wenn man sich getroffen habe, sei alles immer cool gewesen. „Aber schwierig, als Band voranzuschreiten – deshalb ist die Entscheidung gefallen.“ Steffen wirft ein: „Wir sind alles Hobbymusiker mit professionellen Ambitionen – wir machen das, weil wir gern zusammensitzen, aber wenn das nur dreimal im Jahr ist, ist es zu wenig.“

Mit dieser Entscheidung, sich von ihrem Freund und Sänger zu trennen, tat sich die Band so schwer, dass es ihr selbst jahrelang nicht klar war, wie dies der entscheidende Faktor für ihre Entwicklung sein könnte. „Die Liebe zueinander ist zu groß, um rechtzeitig den Schlussstrich zu ziehen“, sagt Jens. Das daraus folgende Gefühl beschreibt Till so: „Es ist wie eine Liebesbeziehung, die auseinandergeht.“ An der alle fünf noch lang zu arbeiten haben werden. Und doch spüren die verbliebenen vier trotz aller Traurigkeit bereits einen Effekt dieser Trennung. „Wir haben jetzt so oft geprobt wie lange nicht, das macht was mit der Band“, stellt Steffen fest. „Wir haben jetzt wieder einen Fokus.“

Zunächst besetzt Till die vakante Position am Mikrofon, ganz so, wie er es bei seiner anderen Band Final Impact bereits gewohnt ist, und Steffen übernimmt Tills Parts im Backing-Gesang. „Das ist eine Lösung, um nicht auf der Stelle zu tapsen und um live zu spielen“, betont Till. Denn parallel zu den nächsten Konzerten suchen die vier einen neuen Sänger, und zwar „so lang, bis es passt, sowohl musikalisch als auch menschlich“. „Live zu spielen macht uns am meisten Spaß macht und ist der Grund, warum es die Band überhaupt gibt“, sagt Steffen. „Einen Sänger zu suchen, bevor wir live spielen, wäre der Todesstoß.“

Dennoch ist der Band klar: „Es wird schwer“, denn Dominik hinterlässt tiefe Spuren. „Er hat nahezu alle unsere Texte geschrieben – es geht viel um seinen Kopf und was da drin los ist zu verschiedenen Themen“, sagt Till. Dominik und seine Texte zeichneten sich durch Verletzlichkeit aus, „das kann man nicht einfach kopieren“, so Jens. Eine Konsequenz ist .NIRU daher beinahe logisch: „Wenn wir neu anfangen, kann ich mir vorstellen, dass wir uns textlich in eine andere Richtung bewegen“, denkt Steffen. Und setzt nach: „Musikalisch nicht, da haben wir uns gefunden.“

Klar, im Studio sind .NIRU auch zu finden. Doch ohne die Live-Auftritte würde es die Punkrocker mit Gifhorner Wurzeln gar nicht geben.

Foto: Philipp Dyllus

Auch am Text der neuen Single „Pilz“ war Dominik beteiligt, obschon die Songidee grundsätzlich vom vorherigen Bassisten Jakob Lassak stammte. Der stieß mit sei-
nem Final-Impact-Bandkollegen Till, wie er aus dem Gifhorner Nordkreis, beim jüngsten großen Besetzungswechsel vor rund fünf Jahren zu .NIRU. Allerdings nur für zwei, drei Auftritte und eben für diesen Song, der Jakobs Situation behandelt, die auch der Grund für seinen Ausstieg war: „Mentale Gesundheit ist das Thema von ‚Pilz‘“, erläutert Till. „Das hat uns als Band sensibilisiert“, sagt er, und auch den Umgang miteinander positiv beeinflusst. Für Jakob rückte dann Jens von der Band Forkupines nach, zu hören ist Jakob auf „Pilz“ aber noch, und zwar unter seinem Solo-Alias HansHeinzPeterGeorgFritz.

Zunächst spielten .NIRU den Song jahrelang live – „wir hatten eine Veröffentlichungspause, aber eine Live-Pause gab es nie“, so Steffen –, jetzt entschieden sie, ihn im Studio aufzunehmen und zu veröffentlichen. Anders gesagt: „Mit ‚Pilz‘ wollten wir den Leuten zeigen: Es gibt uns noch“, sagt Steffen. Für die Wahl des Stücks gibt es einen guten Grund, denn es ist der letzte neue Song, an dem alle ein bisschen mitgewirkt haben.

Anders nämlich als viele alte Stücke, die noch aus Zeiten früherer Besetzungen stammen, teils vom Anbeginn der Band. Und die auch nicht verloren gehen sollen, wie Steffen versichert: „Es ist der Plan, die alten Songs noch mal auf Tonträger zu bannen.“ Und dann womöglich als Album herauszubringen, obwohl es das Format Album dieser Tage schwer hat, Aufmerksamkeit zu bekommen. „Den meisten Musikern ist es wichtig, ein Album zu haben, aus persönlicher und künstlerischer Sicht ist es cool“, sagt Till. Andererseits: „Singles kann man flexibler droppen und am Ende trotzdem zu einem Album werden lassen“, fügt Jens hinzu.

Zu der genannten Anfangszeit stand King Niru als Bandname im Raum, doch die Band strich den Monarchen schnell aus dem Namen und setzte einen Punkt vor den Rest. Rückwärts lesen ist hier der Schlüssel. Kurioserweise hat das Wort Niru noch weitere Bedeutungen. „Es ist ein männlicher afrikanischer Vorname“, ließ Dominik wissen. Und als der einmal jemandem aus Indien eine Mitfahrgelegenheit bot, erklärte der ihm, dass Niru „in einer der indischen Sprachen ‚Wasser‘ heißt“. Weshalb die Band, kaum dass sie ihr Profil bei Facebook hochlud, sofort viele Likes aus Indien bekam, lacht Steffen.

Nachdem sich nach 2017 die erste feste Besetzung etabliert hatte und die Band reichlich Konzerte gab, erschien 2019 mit „Eins“ ihre erste EP sowie mit der Akustikversion von „Dach“ und der Single „Blei“ noch zwei Songs – dann kam die Veröffentlichungspause, an deren Ende wir nun stehen. Live waren .NIRU indes immer aktiv: „Wir spielen alle möglichen Konzerte, von ganz kleinen in irgendeiner Kneipe in Köln vor fünf Leuten bis zu Festivals wie dem Ackerfest“, erklärt Till. „Ein Meilenstein war Rocken am Brocken – und der Support von Panteón Rococó im Hallenbad in Wolfsburg vor Hunderten von Leuten.“ Steffen schüttelt immer noch ungläubig den Kopf: „Das Publikum ist völlig abgegangen, obwohl wir nur die Vorband waren. Beim Hauptact ist es noch mal mehr durchgedreht. Aber das haben wir noch nie erlebt, dass Leute eine Vorband so gefeiert haben.“

Nur eine Stadt fehlt .NIRU noch auf der Live-Karte: „Wir haben noch nie in Gifhorn gespielt“, sagt Steffen. Den Landkreis hingegen kennen sie bestens, traten auf dem Erpen Air in Erpensen auf, im Schützensaal in Wahrenholz oder beim Festival Straff im Kaff mit der befreundeten Band Hagen02. Mit denen teilten .NIRU bereits einige Male die Bühne, auch im Wolfsburger Sauna-Klub. „Das ist wie Klassenfahrt“, sagt Steffen, „uns als Band geht es darum, mit Punkrock eine schöne Zeit zu haben.“ Und auf Konzerten Spaß zu haben, wie er meint. „Es kann Leute berühren, es kann aber auch ein undeeper schöner Abend sein.“ Er lacht: „Wir sind eine schöne Reisegruppe – wir haben auch deepe Gespräche und labern trotzdem eine Menge Müll.“
Ein neuer Sänger muss sich darauf einlassen können, doch da sind .NIRU zuversichtlich.

Facebook: NIRUpunkrock
Instagram: @nirupunkrock

niru.bandcamp.com


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