Letzte Ruhe

Wenn die Blumen Trauer tragen: Gifhorner Trauerfloristinnen beherrschen die Kunst, Gefühle in Blumen zu erzählen

Marieke Eichner Veröffentlicht am 17.11.2022
Wenn die Blumen Trauer tragen: Gifhorner Trauerfloristinnen beherrschen die Kunst, Gefühle in Blumen zu erzählen

Die Floristin Bianca Meyer stellt in ihrem Meisterbetrieb in Wesendorf einen Trend zu mehr Individualität in der Trauerfloristik fest.

Foto: Michael Uhmeyer

Trauerfeiern, Beerdigungen und Grabstellen sind Ereignisse und Orte des Schmerzes über den Verlust eines geliebten Menschen – und zugleich ein wichtiger Schritt der Trauerverarbeitung. Was dabei nie fehlt, sind Illustration und Ausdruck der Gefühle und der Anteilnahme durch die Trauerfloristik. Doch welche Blumen sind denn eigentlich geeignete Begleiter beim Abschiednehmen? Mit welchen Blüten wird ein geliebter Mensch in seine letzte Ruhestätte gebettet? KURT hat zwei Gifhorner Floristinnen um Rat gefragt.

Gemeinhin gilt die weiße Lilie im europäischen Raum als Trauerblume. Und auch Nelken und Chrysanthemen in dieser Farbe wird die kondolierende Bedeutung zugeschrieben. Doch mittlerweile zeichnet sich in der Trauerfloristik ein neuer Trend zur Individualität ab. „Die klassischen Trauerblumen gibt es heute nicht mehr unbedingt“, berichtet Maja Schilling, Inhaberin von Maja Floristik am Friedhof, gelegen am Fuße des Gifhorner Weinbergs. „Klar, früher waren‘s die Lilien, aber das gilt nicht mehr.“ Was nun zähle, sei in erster Linie der Wunsch des Verstorbenen oder der Angehörigen. „Der eine hatte eine Vorliebe für seinen Garten, der andere ist viel gereist oder hatte eine Lieblingsfarbe. Darauf geht man ein.“

Ähnliches stellt Bianca Meyer fest. Die typischen Trauerblumen sind auch in Meyer‘s Blumenzeit in Wesendorf dem individuellen Trauerschmuck gewichen. „Die Herzform ist sehr gefragt“, so die Inhaberin. Auch Ausgefallenes hat die Floristin bereits angefertigt: „In ein Gesteck in Hufeisenform habe ich für eine Kinderbestattung Kuscheltiere eingearbeitet.“ Einen Regenbogen und ein Motorrad erschuf Bianca Meyer ebenfalls schon aus duftenden Kondolenzgewächsen und Steckmasse. „Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.“

Die Floristin Maja Schilling stellt ab Ende Oktober – passend zu den Gedenktagen – Dauergrabgestecke in ihrem Laden am Weinberg aus.

Foto: Michael Uhmeyer

Die Floristin berichtet von Trauerfloristik in Herzform von mehr als einem Meter Breite. „Unter der mit Wasser vollgesogenen Steckmasse ist dann noch ein Brett befestigt, dieses Gewicht muss man schon zu zweit transportieren.“ Und auch abfließender Sargschmuck könne schließlich nicht erst in der Kapelle hergestellt werden, das sei anspruchsvolle Logistik.

Planung und Beratung im Vorfeld gewinnen durch aufwendige Trauerfloristik und den Trend zur Individualität an Bedeutung. „Wichtig ist, dass es schön aussieht und vor allem, dass es zum Verstorbenen passt“, betont Maja Schilling. Darum fertigt sie Spezielles nach den Wünschen der Kundinnen und Kunden nach individueller Beratung an. „Das Allerwichtigste ist, dass man dem Kunden erst mal zuhört und ihn nicht überrumpelt“, stimmt Bianca Meyer zu. Trauernde seien aufgrund ihres erlittenen Verlusts oft hilflos. „Wir fangen sie auf und haben auch das Gefühl, dass sie sehr gern geführt werden.“ Fotokataloge mit einer Auswahl an Beispielen seien da hilfreich. „Meist ist schnell etwas gefunden und dann geht‘s um die Feinheiten.“

Trauerfloristik hat die anspruchsvolle Aufgabe, sowohl Verlust und Schmerz als auch Mitgefühl, Anteilnahme, Abschied und Erinnerung auszudrücken.

Foto: Michael Uhmeyer

Sie könne nicht sagen, dass bestimmte Blumen oder Formen besonders häufig gewählt werden, berichtet Maja Schilling. Früher sei die Kombination aus roten und weißen Tönen beliebt gewesen, seit jeher bei den Herren weniger rosé. „Generell wird für einen Herren gern blau-weiß, schlicht-weiß, orange-gelb – eben herbstliche Töne, aber eher Schlichteres – ausgesucht.“ Für einen Jäger eine Kombination mit Zapfen und Kiefern, Koniferen und nur ein paar Blumen. Für einen naturverbundenen Menschen etwas natürliches wie Dahlien. In jedem Fall umfasst die Trauerfloristik den Sarg- oder Urnenschmuck, dazu kommen Kränze, Gestecke, Legesträuße und bepflanzte Schalen für die Beerdigung sowie manchmal noch der Kondolenzstrauß. Doch auch die Dekoration der Kapelle zur Trauerfeier – etwa mit Efeu, Birkenzweigen, Teelichtern, Stoff, Baumrinde und dergleichen – darf nicht vergessen werden. Bianca Meyer berichtet von „bis zu einer Stunde Aufbau in der Kapelle und ein mehrfaches dessen an Arbeit vorher“. Schließlich soll zu einem solch wichtigen Ereignis alles perfekt passen.

„Später zu den Feiertagen wie Allerheiligen, Volkstrauertag, Buß- und Bettag sowie Totensonntag sind Dauergrabgestecke gefragt“, weiß Maja Schilling zu berichten. Zu diesen Anlässen werden traditionell die Gräber der Verstorbenen besucht, gepflegt, geschmückt und winterfest gemacht. Dauerhafte Gestecke werden auf der Grabstelle angebracht, sollen möglichst lang die letzte Ruhestätte schmücken. Ein Arrangement mit Zapfen sei da praktisch. „Dafür habe ich zu dieser Zeit eine große Auswahl hier, das ist wie eine kleine Ausstellung aufgebaut.“