Musik

Progressive Texte zu Indiepop und Straßenpolka - So räumte die Achtgroschenbande unerwartet den ersten Platz bei "Meinersen muckt" ab

Matthias Bosenick Veröffentlicht am 22.08.2021
Progressive Texte zu Indiepop und Straßenpolka - So räumte die Achtgroschenbande unerwartet den ersten Platz bei

Sie sind die Achtgroschenbande: Der singende Gitarrist Dennis Kreith (von links), Cajón-Klopfer Eric Dierker, Tuba-Tröter Johannes „Jojo“ Krüger und der Halb-Akkordeon-Spieler Jan Richter.

Foto: Rebekka Denkwitz

Ein halbes Akkordeon, eine Tuba namens Berta, ein mit dem zweiten Auftritt überhaupt gewonnener Bandcontest und ein Bandname, der Rätsel aufwirft: Achtgroschenbande nennt sich das Braunschweiger Quartett mit teilweise Gifhorner Wurzeln, das kürzlich den ersten Platz bei „Meinersen muckt“ belegte. Als Indiepop und Straßenpolka bezeichnen die vier 24-Jährigen ihre akustisch gespielte Musik – und in diesem weitgefassten Stil erklingt auch die EP, die noch in diesem Jahr digital herauskommen soll, vermutlich mit dem Titel „Bierernst“. Drei Viertel der Band berichten.

Rätsel wirft neben dem Namen auch die kuriose Information auf, Jan spiele lediglich das halbe Akkordeon. Doch mit der Säge kommt der Musiker dem Instrument nicht bei. „Ich nutze nur eine Seite“, klärt Jan auf, „und das reicht für uns.“

Was wiederum neue Fragen aufwirft. Um da genauer werden zu können, ist ein Blick auf die Gründung der Achtgroschenbande erforderlich: Cajón-Spieler Eric Dierker – der bei diesem Gespräch nicht dabei ist – und der singende Gitarrist Dennis Kreith kennen sich aus Jugendzeiten in Schöppenstedt, wo sie in der Indie-Punk-Band Riverside Empire spielten; Jan Richter und Tubist Johannes Krüger, genannt Jojo, aus der Schule in Gifhorn. Jan und Dennis studierten später in Braunschweig, so kam es zum „Ringschluss“, so der Sänger.

Als die vier „beim Bier“ überlegten, eine Band zu gründen, mit einer Tuba anstelle eines Basses, verurteilten sie Pianist Jan dazu, auf Akkordeon umzuschulen – weil sie fanden, „Klavier ist langweilig“. Dann erst überlegten sie, welche Musikrichtung zu dieser Instrumentierung am besten passt – und kamen auf Polka.

Gitarrist Dennis Kreith spielt lieber Eigenes statt Coversongs.

Foto: Detlev Keller

Nüchtern betrachtet sah sich Jan also als Folge dieser „Schnapsidee“ damit konfrontiert, sich am Akkordeon ausprobieren zu müssen. „Ich habe es hinbekommen“, meint Jan, „die Seite, die aussieht wie ein Klavier“ zu spielen. Auf der anderen spielt man ohnehin Bass und Harmonien. Dafür hat das Quartett eben die Tuba.

Ende 2019 fand diese Bandgründung statt. „Das ist eine relativ blöde Zeit gewesen, um anzufangen“, findet Dennis. Schließlich begann kurz darauf die Pandemie. Schnell einigten sich die Vier darauf, eigene Stücke zu spielen: „Das finde ich cooler“, so Dennis. Er ist kein Freund des Coverns: „Entweder muss man das Original umarbeiten – oder es ist nur eine schlechte Kopie.“ Nach einem halben Jahr hatte die Bande ein stimmiges Programm zusammen, um live durchzustarten – dann kam Corona. „Das hat den Auftrittsplan für 2020 geleert“, konstatiert Dennis lakonisch.

Den ersten Gig spielten sie erst im August in Helmstedt, es folgte der nächste Lockdown. Der Contest in Meinersen im Juni war tatsächlich erst der zweite Auftritt, abgesehen von einigen privaten Sommer-Gigs im Stadtpark. Nicht einmal umfangreiche Proben waren drin, bevor sich die vier auf die Bühne von „Meinersen muckt“ wagten.

Pianist Jan Richter (rechts) spielt für den Straßenpolka-Sound der Bande das halbe Akkordeon.

Foto: Detlev Keller

Deshalb nutzte die Band den Contest auch als Chance, überhaupt zu spielen. „Wir haben nicht damit gerechnet, dass wir eine Chance haben“, strahlt Dennis und Jan fügt hinzu: „Das ist doppelt cool.“ Als weiteren Gewinn nahmen die vier haufenweise Kontakte mit nach Hause.

Immerhin bot der Lockdown noch die Gelegenheit, fünf Songs für eine digitale EP einzuspielen, die derzeit gemixt und gemastert wird und im Laufe des Jahres veröffentlicht werden soll. „Bierernst“ ist der Arbeitstitel, der das Spannungsfeld zwischen Witz und Ernsthaftigkeit ausdrücken soll – nicht nur in den Texten, sondern auch in Kombination mit der „Gute-Laune-Musik“, die kein Schlager ist, wie Jan betont. Der Titel stehe für ein „nettes Zusammensein in Anwesenheit alkoholischer Getränke“, so Dennis, und beschreibe einen „studentischen Lebensstil mit einem zwinkernden Auge“.
So ganz unernst ist es der Band aber doch nicht, wie etwa ein T-Shirt-Motiv mit einem Akkordeon belegt, auf dem der berühmte Satz von Woody Guthries Gitarre steht: „This machine kills fascists“ (Diese Maschine tötet Faschisten). „Wir sind politisch alle auf der gleichen Seite“, betont Jojo. „Wir sehen uns links.“ Und: „Das Akkordeon ist faktisch eine Maschine“, erläutert Jan. Deshalb sei es witzig, das Zitat genau darauf zu legen. Den Bezug zu Berthold Brechts „Dreigroschenoper“ im Bandnamen wiederum nahmen die Musiker selbst erst später wahr. Jan: „Ein schöner Zufall.“

Cajón-Klopfer Eric Dierker war bereits in einer Indie-Punk-Band.

Foto: Detlev Keller

Denn eigentlich hatte Jojo den Begriff Achtgroschenjunge in einem Buch für vergessene deutsche Wörter gefunden. Ein derart bezeichneter Mensch „tut für Geld alles“, so Jojo, etwa Spitzeldienste für die Polizei, indem er „für acht Groschen Insider-Informationen weitergab“. Dennis zuckt mit den Schultern: „Wir machen für Geld alles, sogar komische Musik.“ Das sei zumindest die langweilige Erklärung.

Die unterhaltsamere ist, dass Jan und Dennis einmal in Berlin auf ein öffentliches WC gehen wollten, dessen Türen sich nach Münzeinwurf nicht öffneten und dessen Kasse nach Betätigen der Geld-zurück-Taste polnische Groschen auswarf. „In unserer Erzählung waren es genau acht“, lacht Dennis. „Jedenfalls nicht die zwei Euro, die wir einwarfen.“

Bei dieser „komischen Musik“ handelt es sich also um Polka. Und da Jan meint, die Kombination aus Akkordeon und Tuba sei an sich bereits eher konservativ belegt, empfindet er es als „gewissen Bruch“, die recht progressiven Texte mit der „altertümlichen Musik“ zu verbinden. Dabei ist Jojo der Einzige, der sich überhaupt mit dem Themenfeld Polka auskennt. Offbeat und Instrumentierung mit Tuba und Akkordeon stimmen zwar, doch seien Akkordfolgen und Songwriting zu modern dafür, deshalb spricht die Band von „Indiepop und Straßenpolka“.

Johannes „Jojo“ Krüger hat seine Tuba Berta genannt.

Foto: Detlev Keller

Historisch ist überdies auch der Name „Berta“, den Tubisten ihrem Instrument häufig geben: Jojos Exemplar ist 100 Jahre alt, das hat er schon seit seiner Zeit im Posaunenchor, und damals hieß es, es habe „schon vor Stalingrad gespielt“. Da es äußerlich dem Weltkriegsgeschütz mit dem umgangssprachlichen Namen „Dicke Berta“ ähnelt, übertragen Tubisten diesen Namen häufig auf ihr Instrument. So auch Jojo, der vorher vornehmlich auf Schützenfesten spielte. „Ich komme komplett aus der Blasmusik“, grinst er. Jan hingegen hatte bis dato eher für sich Musik gemacht, nur Dennis und Eric tobten sich ja bereits im Punk aus und Dennis sammelte außerdem Erfahrungen im Schulorchester. Jan und Jojo wuchsen in Gifhorn und Ribbesbüttel auf. Das Altstadtfest war natürlich ein beliebtes Ziel für die beiden, und das wäre auch für die Achtgroschenbande attraktiv, findet Jojo: „Da würden wir definitiv nicht nein sagen!“

Wer noch vor Gigs und EP-Veröffentlichung etwas von der Bande hören will, schaut die Wohnzimmer-Mitschnitte bei YouTube.

Nach der geplanten EP steht zudem im Raum, Material für ein Album zusammenzustellen. Ob es das auf CD, Vinyl oder gar Kassette geben wird, ist noch offen. Jojo findet: „Bei uns passt am besten eine Schellack-Platte!“