Kopfüber-Kolumne

Juckreiz, Schmerz und Nässen - Wenn der Arsch plötzlich zum Problem wird

Malte Schönfeld Veröffentlicht am 07.07.2021
Juckreiz, Schmerz und Nässen - Wenn der Arsch plötzlich zum Problem wird

Körperliche Verfallserscheinungen, musste KURT-Kolumnist Malte Schönfeld feststellen, kommen plötzlich. Nun hat’s seinen Hintern erwischt – alle anderen sind aber noch zu retten.

Foto: Darko Djurin/Pixabay (Symbolfoto)

Der Verfall beginnt. Anfangs zeigt er sich durch einen nervtötenden Juckreiz, später wird es ein unangenehmes Nässen, dann nur noch heißkalter Schmerz. Mein Arsch, das Problem ist mein Arsch. Fatalerweise folgt die Internetrecherche zur sinnlosen Selbstdiagnose: Symptomabgleich, Krankheitsbilder, Spätfolgen.

Zum Arzt gehe ich wirklich nur, wenn es nötig ist, und wenn es nötig ist, ist es meistens zu spät. Völliger Quatsch eigentlich. Denn unser Gesundheitssystem ist weitgehend vorzeigbar, man sollte ihm viel mehr Vertrauen schenken.

Pocken? 1979 erklärte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) dank einer Impfkampagne das Ende des Virus. Polio? Die Kinderlähmung brachte den US-amerikanischen Romancier Philip Roth auf seinen großartigen Roman „Nemesis“, heutzutage ist die paralysierende Angst davor aus dem Weg. Cholera, Pest und Typhus lesen sich ebenfalls nur noch wie überlieferte Schauermärchen aus einer vergangenen Zeit mit Ratten in den Gassen, unbefestigten Schlammstraßen und offenen Beinen. Dem Gesundheitssystem und damit Deutschland geht es gut.

Meinem Arsch dagegen nicht so. Zu Beginn überlegte ich, das wären die Nachwehen der fordernden Quesadillas-Bestellung vom Wochenende. So was verschleppt sich vielleicht, dachte ich mir. Doch falsch gedacht. Jucken, Nässen, Schmerz – sie blieben.

Anruf beim Hausarzt, Termin am nächsten Tag. Hallo Herr Schönfeld, ah ja, das schauen wir uns mal genauer an, doktert er seriös. Handschuh drüber, Vaseline drauf und abgetastet. Sollte nicht so schlimm sein, vielleicht Hämorrhoiden, meint er, wobei dieses Warzending vielleicht eine Fachmeinung bräuchte. Fachmeinung also. Klingt in meinen Ohren, die noch voll intakt sind, nach kurz vor Einsargen.

Zwei Wochen später beim Proktologen. Wieder Flutschfinger, wieder Damm-Massage, wieder Diagnose. Das sind keine Hämorrhoiden, erklärt er, das sind Feigwarzen, HP-Virus, Geschlechtskrankheit. Alarmstufe Arsch. Die ersten Anflüge von Panik kann mir der Proktologe nehmen. Ich bekomme eine neue Turbo-Salbe. Wenn die Anwendung nicht schmerzt, weist mich der Fachmann ein, haben Sie zu wenig aufgetragen.

Der Verfall schreitet voran.

Humane Papillomviren übertragen sich beim Sex, es gibt mehr als 200 verschiedene Typen, die unterschiedlich ernstzunehmend sind. Nach einer Ansteckung kann lange Zeit vergehen, bis das Virus ausbricht. Kondome schützen nur teilweise vor HPV-Infektionen. Hat man‘s einmal, hat man‘s immer. Horrorausgang: Gebärmutterhals-, Penis-, Analkrebs. Echt unappetitlich. In den meisten Fällen regelt der Körper das aber alleine.

Mein Arsch hat das nicht so richtig hinbekommen. Vielleicht hätte ich anstatt der Quesadilla lieber auf einer Knolle Ingwer kauen sollen. Oder was man da so macht. Jetzt ist eh zu spät beziehungsweise alles im Arsch. Die Salbe jedenfalls knallt. Aldara 5%. Könnte auch ein syrischer Rotwein sein. Beim zweiten Cremen erwische ich zu viel Haut und zu wenig Feigwarze, dieses Wort alleine, bah, es brennt und reißt und blutet, kann danach zwei Tage nicht stehen, nicht sitzen, nicht liegen. Da wünscht man sich die Diagnose Hämorrhoiden zurück. Comedian Atze Schröder sagte einst: „Früher dachte ich, Hakle Feucht wäre ein Erotik-Magazin. Heute bin ich mir das wert.“ Muss ich noch immer drüber lachen.

Zwei Monate lang soll das jetzt so gehen.

Rückfälle sind programmiert. Schätzungen zufolge infizieren sich bis zu 80 Prozent der Bevölkerung einmal in ihrem Leben mit einem HP-Virus. Wie gegen die Polio kann man sich aber gegen bestimmte HP-Viren impfen lassen. Mein Rat an alle: Lieber eine Spritze im Arm als den Arsch offen.