KURTs Gastro-Serie

Im Ohrensessel Gifhorns gibt‘s frische Pfifferlinge - Das Deutsche Haus brilliert mit klassischer Küche und Kapuzinerkresse

Malte Schönfeld Veröffentlicht am 09.09.2020
Im Ohrensessel Gifhorns gibt‘s frische Pfifferlinge - Das Deutsche Haus brilliert mit klassischer Küche und Kapuzinerkresse

Das perlige Wittinger, das noch mehr perlt als die Perlenohrringe unseres Feinschmeckers Malte, passt perfekt zum rustikalen und dennoch liebevollen Hauptgang, der geschmacklich voll abgestimmt ist.

Foto: KURT Media

Die Torstraße ist eine der historischen Straßen Gifhorns. Parallel zur Aller führt sie direkt auf den Marktplatz, der mit dem Rathaus und der St. Nicolai-Kirche in der Altstadt zwei absolute Wahrzeichen trägt. Dennoch lohnt es sich, in der Torstraße zu verweilen, nämlich: im Deutschen Haus. Denn dort darf man nicht nur in familiärer Atmosphäre ein Zimmerchen nehmen und schlafen wie ein Baby, sondern auch köstlich, traditionell speisen. KURT-Mampfer Malte Schönfeld und seine Begleitung ließen sich für die neue Ausgabe der Gastro-Serie dieses Erlebnis im schmucken Biergarten nicht entgehen.

Kaum ein Quartier hat in Gifhorn so einen guten Ruf wie das Deutsche Haus. Das hat einerseits mit dem erfahrenen und vortrefflich geschulten Personal zu tun, das sich liebevoll um die Hotelgäste kümmert. Andererseits ist es auch die Küche, die mit einer Melange aus traditioneller Kochkunst und pointierter Experimentierfreudigkeit das hiesige Gastro-Wesen aufschüttelt.

Umso fragwürdiger ist es, dass meine Begleitung und ich bisher blind das Restaurant an der Torstraße außen vor gelassen haben, denke ich, während wir mit einem alten VW Jetta in Bright Blue Met auf den Parkplatz auffahren. Die Kupplung ruckelt etwas, droht rauszuspringen, aber keiner der anwesenden Gäste merkt davon etwas, was mich erleichtert. Wir schlendern – mit Mund-Nasen-Schutz über, na ja, Mund und Nase – in den Biergarten und nehmen Platz. Neben uns liegt die Scheune, eine zum Festsaal umgebaute Schönheit, und als ich das bisher letzte Mal darin saß, besuchte ich einen außerordentlichen SPD-Parteitag. Heute ist das Publikum deutlich jünger, denke ich mir, als ich zu einer Gruppe Rentner am gegenüberliegenden Tisch blicke.

Die Pfifferlingcremesuppe ist garniert mit einer Blüte der Kapuzinerkresse. Zusammen mit der Sahne ein Farbenspiel in Pastell.

Foto: KURT Media

In Windeseile kommt die Bedienung, reicht uns die Menükarte. Auf der Seite „Essen mit Pfiff...“ werde ich direkt fündig, denn es ist Pilz-Saison, und ich kann auch meine Begleitung, die bisher weniger gute Erfahrungen mit Pfifferlingen gemacht hat, zu der Pfifferlingcremesuppe als Vorspeise überreden. Zum Hauptgang wähle ich die Pfifferlinge in Estragonschmand, dazu Spiegelei und Bratkartoffeln, meine Begleitung entscheidet sich für das Hefebrot des Deutschen Hauses, das mit Knoblauchcreme, Cocktailtomaten, Frühlingslauch und Feta-Käse gereicht wird. Dazu gibt‘s für mich ein gezapftes Wittinger, für sie ein hessisches Vitamalz. Nachdem unsere Pfifferlingsuppe gekommen ist, klopft mir meine Begleitung überschwänglich auf die Schulter, so als hätte ich gerade den Nobelpreis für Literatur gewonnen. „Das ist ja wirklich lecker“, sagt sie. „Himmlisch fantastisch.“ Und ich kann ihr nur recht geben. Die Cremigkeit der Suppe ist phänomenal, die kleinen Pfifferlinge haben exakt die richtige Größe, so dass sie beim Schlürfen nicht stören und man dennoch das Gefühl hat, es sei eine Mahlzeit. Oben drauf thront zusätzlich eine orangerote Blüte der Kapuzinerkresse, was uns beide in sanfte botanische Begeisterung versetzt. Ganz, ganz toll! Wer möchte, darf an dieser Stelle natürlich auch noch mit einer Prise Pfeffer würzen.

Im Anschluss erreicht uns der Hauptgang, und meine Bestellung wird auf zwei verschiedenen Tellern gereicht, was mir imponiert, und ich schütte etwas unbeholfen alles auf einem zusammen. Macht trotzdem einiges her! Die Pfifferlinge in Estragonschmand sind fabelhaft, das lässt sich anders nicht sagen, der feinwürzige Geschmack paart sich dazu sehr gut mit den Bratkartoffeln an Speck, was wiederum eine salzige Betonung gibt. Dazu das Spiegelei – ein wunderbares Essen ist geboren. Meine Begleitung staunt derweil über das Hefebrot, was mit seiner krossen Backart verdammt knackig ist und sich schon beim Zubeißen wie ein ziemlich großer Spaß anhört.

Das Hefebrot mit seinem breiten Topping ist ein knuspriges, leichtes Unterfangen.

Foto: KURT Media

Das Deutsche Haus steht in einer langen Gifhorner Tradition: Seit 1877 trägt das Hotel den heute bekannten Namen, doch bereits im 18. Jahrhundert war es als Gifhorner Poststation ein hochfrequentierter Platz und damit ein Teil des Kultur- und Arbeitslebens. Mittlerweile ist das Hotel ausgestattet mit der erwähnten Scheune, drei Salons, einem Kaminzimmer und einem Stübchen, was zweifellos eine Vorstellung von Friedlichkeit, Zufriedenheit und Gelassenheit fördert. In meinen Gedanken ist das Deutsche Haus, dann auch in Verbindung mit dem Restaurant-Betrieb und dem Biergarten, so etwas wie der Ohrensessel Gifhorns, in dem man manchmal auch einfach gerne abschaltet.

Da das Thermometer auf meinem Handy 25 Grad anzeigt, wünsche ich mir beim Dessert doch eine angemessene Abkühlung und greife auf den Klassiker aus Vanille-, Erdbeer- und Schokoladen-Eis mit einem Tupferl Sahne zurück, während meine Begleitung die Blaubeeren mit Stracciatella-Eis und der spaßbezogenen Eierlikörhaube ausmacht und sich dazu noch einen Cappuccino bestellt. Plötzlich wird das Deutsche Haus zu einem nachmittäglichen Dolce-Vita-Palazzo, und wir diskutieren etwas überheblich die deutsche Verkehrspolitik und die wirklich sehr gewöhnungsbedürfte Auslegung von Regierungsstil à la Andi Scheuer, während bei mir die Schokolade und bei meiner Begleitung der Eierlikör zu wirken beginnt. Wäre es nicht so wahnsinnig unangebracht, hätten wir beiden nun eine kleine Siesta abhalten können.

Deftige Küche – Pfifferlinge in Estragonschmand mit Bratkartoffeln und Spiegelei.

Foto: KURT Media

Wir wünschen dann doch die Rechnung und begleichen sie, die liebe Bedienung wünscht uns noch einen schönen Tag. Es ist im Deutschen Haus nichts zu hören; kein Verkehrslärm, kein Maut-Irrsinn, kein Steuergeldbetrug, kein Andi Scheuer.

Das einzige, was man hört, sind die Gesprächsfetzen der Rentnergruppe vom Nebentisch. Es wird noch ein kühles Wittinger bestellt, es wird über Rum-Cola nachgedacht, es wird sich durch den Vollbart gefahren und an der Dreiviertel-Hose gezupft. Schönes Wetter, Leichtigkeit, ein Essen der besonderen Art – das ist das Deutsche Haus.

Deutsches Haus
Torstraße 11, Gifhorn
Mo. 17.30 bis 21.30 Uhr
Di. – Sa. 11.30 bis 15 Uhr
sowie 17.30 bis 21.30 Uhr
So. 11.30 bis 14.45 Uhr