Glauben & Zweifeln

Gute und schlechte Zeiten: Für KURT-Kolumnist Martin Wrasmann muss ein Weltethos her, sonst droht der Kollaps

Martin Wrasmann Veröffentlicht am 04.09.2022
Gute und schlechte Zeiten: Für KURT-Kolumnist Martin Wrasmann muss ein Weltethos her, sonst droht der Kollaps

KURT-Kolumnist Martin Wrasmann stellt fest: Unserer Zeit geht es schlecht. Doch es besteht noch eine Möglichkeit, sie zu retten

Foto: Archivfoto: Çağla Canıdar

Die Diagnose scheint klar: Er wird krankgeschrieben, es geht ihm schlecht. Der Patient „Zeit“ gehört auf die Intensivstation. Unsere Zeit, sie fühlt sich nicht gut an, auch ihr geht es richtig schlecht. Schlechte Zeiten – manche sagen das im Selbsttrost. So als habe man die Talsohle durchschritten, denn schlimmer kann’s nimmer. Anders hört man‘s von den Skeptikern: Die Zeiten jetzt sind schlecht, die schlechtesten seit 1945. Und früher: Ja, das waren noch Zeiten! Kann man die Diagnose klar so fassen? Was macht Zeiten gut oder schlecht? Wer spricht das Urteil über unsere Zeit? Hier kommt ein Diagnosevorschlag und eine Behandlungsidee.

Was macht Zeiten gut? Es scheint ein ungeschriebenes Gesetz zu sein, dass die wirtschaftliche Konjunktur die finanzielle Machbarkeit regelt – egal, in welcher Krise wir stecken. Was ist oder wäre das für eine Gesellschaft, die Zeit und Zukunft nach dem wirtschaftlichen Fortschritt misst? Ist das die Vision von Fortschritt – oder schreitet hier die Unmenschlichkeit fort?

Bedenken Sie mal: Heute sind fast alle Lebensbereiche durch die Wirtschaft geprägt. Stets fragen wir danach, ob es etwas bringt, ob sich etwas rentiert. Wir leben in einer Welt, in der die Währung mehr zählt als die Weltanschauung. Die scheint beliebig und in jedem Fall Privatsache, wie so oft in liberalen Kreis zu hören ist, vor allem bei jenen, die sich freiheitlich liberal geben.

Die Wirtschaft hat alle und alles umfasst und durchsetzt. Sie scheint allgegenwärtig, allmächtig. Selbst Politiker:in-nen, die seit Jahrzehnten die geistig-moralische Wende proklamieren, behaupten nun, dass erst das Funktionieren der Wirtschaft der Garant für soziale Gerechtigkeit und eine gesellschaftliche Teilhabe sei. Und dass erst ein gesundes Wirtschaftswachstum die Grundlage bildet für eine Politik, die in Bildung, Verkehr, Migration und Entwicklungshilfe investiert. Bringt also die wirtschaftliche Wende die geistige Wende?

Ich will hier keine Attacke gegen Wohlstand und Wirtschaft reiten. Auf den Wohlstand zu schimpfen ist billig. Niemand kann sich wünschen, dass wir keine Arbeit und kein Brot haben. Aber es scheint doch, dass wir uns selbst immer fremder werden, je mehr wirtschaftliches Diktat unser ganzes Leben bestimmt. Am Ende graut uns bei aller Fortschrittlichkeit so sehr vor unserer Zukunft, dass wir nicht mal mehr unsere eigenen Nachfahren sein möchten und unfähig sind, Kindern und Jugendlichen gute Zukunftsperspektiven mit auf den Weg zu geben.

In diese Überlegungen verfängt sich ein Spruch an meiner Pinnwand, die vermeintliche Weissagung der Cree: „Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fisch gefangen, der letzte Fluss vergiftet ist, werdet Ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.“

Und dieser Vers ruft in mir die Erinnerung wach an meine Diplomarbeit aus dem Jahr 1979, die ich unter anderem zum Thema Grenzen des Wachstums – auch als theologische Herausforderung – geschrieben habe. Dort fand ich folgenden Abschnitt: „Aus dem Tagebuch der Armut der Carolina Maria de Jesus: Am 16. Juni. Heute haben wir nichts zu essen. Ich wollte den Kindern vorschlagen, dass wir Selbstmord begehen, ich ließ davon ab. Ich schaute meine Kinder an und sie taten mir leid. Sie waren so voller Leben. Wer leben will, muss essen. Ich wurde nervös und dachte, ob Gott mich vergessen hat?“

Und weiter in meiner Diplomarbeit: „Diese kurze Notiz stellt in wenigen Worten eine Lebensbedingung auf, die jedem einsichtig erscheinen muss: Wer lebt, muss essen! Bei der Suche nach der Ursache für das fehlende Essen stellt die Frau die erschütternde Frage: Ob Gott mich vergessen hat? Hat der Gott, der in Jesus sagt: „Sorgt Euch nicht um Euer Leben, was Ihr essen werdet, Euer himmlischer Vater weiß ja, dass Ihr das alles braucht“, hat dieser Gott einen Flüchtigkeitsfehler begangen, hat er eines seiner Kinder vergessen, und vergisst er immer wieder neu einige seiner Kinder. Für einen Christen, der an den Gott der Liebe glaubt, ist das schwer vorstellbar.“ Mit diesem kurzen Aufriss ist die Problemstellung dieser Arbeit klar gezeichnet.

Wer spricht das Urteil über unsere Zeit? Meine Antwort finde ich im „Weltethos“, 1995 von Hans Küng erdacht: „Damit ein gutes und konstruktives Zusammenleben möglich ist, benötigen alle menschlichen Gemeinschaften eine Basis an Grundwerten, die sie teilen. Heute, in Zeiten des Internets, einer global agierenden Politik und Wirtschaft und zunehmend multikultureller Gesellschaften, braucht es einen Grundkonsens über Werte und Normen, der unabhängig von Kultur, Religion oder Nationalität gilt. In der Idee eines Weltethos ist in seinen empirischen Forschungen rund um den Globus festzustellen, dass allen Weltreligionen und philosophisch-humanistischen Ansätzen bereits grundlegende Werte- und Moralvorstellungen gemeinsam sind. Die Goldene Regel beispielsweise, nach der man sich seinen Mitmenschen gegenüber so verhalten soll, wie man selbst behandelt werden möchte, findet sich in allen Traditionen wieder. Ebenso die Forderung, dass alle Menschen menschlich behandelt werden müssen und Werte wie Gewaltlosigkeit, Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit, Gleichberechtigung und Partnerschaft sowie ökologische Verantwortung. Für unsere globale Gesellschaft muss ein solcher gemeinsamer Wertekanon also nicht erst entwickelt werden, denn er existiert bereits: Wir nennen ihn Weltethos.“

Ob die Wirtschaft da mitgehen kann? Sie wird es müssen, denn die Möglichkeiten einer primär an Wirtschaftlichkeit orientierten Weltordnung steht kurz vor dem Kollaps. So wären wir wieder beim Patienten „Zeit“. Die ökonomisierte Zeit wird die Inflation, die Kriege, die Klimakrise nicht überleben. Und ich bete täglich, dass Gott uns nicht vergisst und uns immer wieder daran erinnert, was das Menschsein ausmacht: „Mach‘s wie Gott und werde Mensch.“ Oder anders formuliert: Es wird Zeit, dass es Zeit wird.

Martin Wrasmann, katholischer Theologe aus Gifhorn, schreibt die monatliche KURT-Kolumne „Glauben & Zweifeln“. Beipflichtungen wie auch Widerworte sind stets willkommen. Leserbriefe gerne an redaktion@kurt-gifhorn.de.