Kunst

Eine digitale Nomadin macht Streetart in Indien: Meinersens ehemalige Künstlerhaus-Stipendiatin Greta von Richthofen arbeitet als reisende Illustratorin und Comic-Zeichnerin

Marieke Eichner Veröffentlicht am 19.05.2022
Eine digitale Nomadin macht Streetart in Indien: Meinersens ehemalige Künstlerhaus-Stipendiatin Greta von Richthofen arbeitet als reisende Illustratorin und Comic-Zeichnerin

Für das 30 x 10 Meter große Wandgemälde in Delhi verwendeten die indische Künstlerin und Architektin Aashti Miller und Greta von Richthofen 14 verschiedene Farbtöne und schaffende Hände als Symbol des Reisens.

Foto: Greta von Richthofen

Greta von Richthofen, ehemalige Stipendiatin im Künstlerhaus Meinersen, hat als reisende Illustratorin und Comic-Zeichnerin schon an vielen schönen Orten dieser Welt gearbeitet. Nun ziert ihre Kunst sogar riesige Wände in Delhi und Chennai in Indien. Wie es dazu kam, verrät sie im KURT-Interview.

Für ein Comic-Stipendium residierte die Künstlerin Greta von Richthofen ein Jahr lang im Künstlerhaus in Meinersen, bis sie im März 2021 ihren dort entstandenen Comic „Das Gute am Ende des Tages“ vorstellte. Seither führte sie ihr Weg schon um die halbe Welt – und in den KURT, denn seit der August-Ausgabe 2021 liefert Greta jeden Monat eine neue Episode des Comics „Mieke & Oktavius“ für unser Magazin.

„Ich habe für den WDR an einem Stolpersteine-Projekt gearbeitet“, berichtet Greta. Gemeinsam mit mehr als 20 Künstlerinnen und Künstlern illustrierte sie die Lebensgeschichte von Opfern des Nationalsozialismus. Im Herbst 2021 verschlug es sie dann nach Frankreich. „In Bordeaux habe ich deutsch-französische Geschichte illustriert – das war cool!“ Und zwar nicht irgendeine Geschichte, sondern die von Heinz Stahlschmidt, Unteroffizier der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg. „Der Hafen von Bordeaux sollte von den Deutschen in die Luft gesprengt werden“, erklärt Greta. „Aber er hat die Deutschen sabbotiert und im August 1944 einfach ihr Depot gesprengt.“

Anschließend reiste sie als „digitale Nomadin“ mit einem Bus durch Frankreich, Spanien und Portugal. „ Ich mag es einfach, kein Zuhause zu haben. Man sieht schöne Orte, kriegt kulturell immer was anderes mit, lernt Menschen kennen. Ein schöner Zustand.“ Und so bewarb sie sich für die „graphic travelouges“, ein gemeinsames Streetart-Projekt des Goethe-Instituts in Indien und des Vereins St+art India.

Im Künstlerhaus in Meinersen gestaltete Greta den Comic „Das Gute am Ende des Tages“ über ihren Alltag in der Pandemie.

Foto: Çağla Canıdar (Archiv)

„Das Thema passt ja mega gut“, findet Greta. „Den Bewerbungstext darüber, wie das Reisen meine künstlerische Arbeit beeinflusst, habe ich auf der Fahrt im Bus geschrieben.“ Die Zusage kam im Dezember 2021. Schnell folgte das erste Briefing und das Kennenlernen ihrer Partnerin für die Gestaltung von zwei großflächigen Wänden, die indische Architektin und Künstlerin Aashti Miller. In den ersten Skizzen tauchten sowohl bei Aashti als auch bei Greta fliegende Fische als Motiv auf – das Maritime floss auch schon in Gretas Arbeit in Bordeaux ein.

Im Februar 2022 flog Greta zum ersten Mal in ihrem Leben nach Indien. Erste Station: die Hauptstadt Delhi im Norden. „Ich hatte einen richtig heftigen Kulturschock“, lacht Greta. „Das Klima, der irrsinnige Verkehr – wirklich ein Chaos.“ Eine komplett andere Gesellschaft. „Aber dadurch, dass ich vom Team umgeben war, hatte ich einen einfachen Einstieg.“

Aashti wurde zu Gretas Mentorin. „Wenn man kreativ an etwas zusammenarbeitet, hat man eine krasse Verbindung.“ Die Arbeit mit ihr sei wie Ping-Pong-Spielen gewesen, man habe sich gegenseitig die Bälle zugespielt. Sowieso seien die Designs mit sehr viel Feedback vom indischen Team entstanden. „Für mich war es schwierig, ein Design für Indien zu entwerfen. Die Bildsprache ist anders. Als Europäerin wollte ich aufpassen, dass meine gewählte Bildsymbolik nicht falsch verstanden wird.“

In Chennai an der Südostküste Indiens gestalteten Greta und Aashti ein Gemälde in 23 Farbtönen auf einer 13 x 15 großen Wand. Zu sehen sind das Profil eines Kopfes und reisende Gedanken

Foto: Aashti Miller

Die Leitfrage der beiden Künstlerinnen: Wie kann jede und jeder reisen? „Rucksack und Flugzeug fanden wir als Symbole blöd, dieses Reisen ist von Geldressourcen abhängig.“ Für die Wand in Delhi wählten Aashti und Greta Hände als Motiv. „Der Grundgedanke war die positive Energie der Vorstellungskraft.“ So auch in Chennai, an der Südostküste Indiens, zweite Station des Projekts. „Hier war das Thema: mit Fantasie aus dem Kopf reisen.“ In dem Viertel leben viele vorm Tsunami 2004 Geflüchtete. „Wir wollten darum ein positives, empowerndes Design.“ Wichtig sei, dass die Menschen vor Ort damit zufrieden seien. „Wir haben uns mit den Nachbarn angefreundet und positive Rückmeldungen bekommen.“

Schließlich fallen die fassadenfüllenden Gestaltungen sofort ins Auge. Dementsprechend abenteuerlich war ihre Umsetzung. Mit einem Projektor und einem Laptop wurde eine digitale Skizze an die jeweilige Wand geworfen. In den Abendstunden zeichneten Greta und Aashti die Umrisse nach – auf einer Hebebühne. „Wir wussten anfangs nicht, ob wir vielleicht doch Höhenangst haben, es war schon sehr, sehr weit oben. Aber wir haben uns dran gewöhnt.“

Weil sie beide Wände als ein zusammenhängendes Kunstwerk verstanden, habe sich die Fertigstellung in Delhi eher wie ein Zwischenstand angefühlt. „In Chennai allerdings dachten wir uns: Wow, es ist wirklich wahr. Wir sind fertig!“ Noch heute staunt Greta manches Mal: „So etwas Großes habe ich noch nie vorher gemacht. Das ist von mir?!“

Die digitale Nomadin verweilte nach der Fertigstellung der Streetart in München. Über Kassel und Wentorf bei Hamburg kommt Greta für die Sommerakademie zurück ins Künstlerhaus nach Meinersen. „Eigentlich wollte ich als Teilnehmerin zur Sommerakademie. Aber dann wurde ich als Dozentin angefragt. Und ich freue mich schon riesig darauf!“