Kopfüber-Kolumne

Dringend Sekt nachschütten - Wenn beim Familiengeburtstag nichts anderes mehr hilft

Malte Schönfeld Veröffentlicht am 29.03.2020
Dringend Sekt nachschütten - Wenn beim Familiengeburtstag nichts anderes mehr hilft

Familiengeburtstag – wie man diesen Ausnahmezustand überlebt, erklärt Malte in der Kopfüber-Kolumne.

Foto: beerandstupidityblogspot.com

Man kennt das: Tante Andrea feiert ihren 56. Geburtstag. Was es da zu feiern gibt? Weiß keiner. Wird trotzdem gemacht. Dafür trudeln dann 20 Leute in Gifhorn ein, mit denen man den Tag verbringen wird. Wie man diesen regelmäßigen Ausnahmezustand überlebt? Hier habe ich für Euch den ultimativen Ratgeber zum Familiengeburtstag.

Die Vorbereitung: Schon das Geschenkekaufen ist ein Graus. Die Traumvorstellung: Beim Öffnen des Geschenkepapiers geht ein Raunen durch die Gesellschaft, jemand sagt: „Hui, was eine tolle Idee, wäre ich da mal selber drauf gekommen, wie pfiffig doch“, und das Geburtstagskind ist begeistert, ehrliches Glücklichsein, und sagt: „Hach, wie gut du mich doch kennst“, und dann die eigene bescheidene Antwort: „Wusst‘ ich doch, dass Dir das gefällt“. Die Realität: Stundenlanger Stadtbummel, völlige Ideenlosigkeit trifft auf Torschlusspanik. Man findet sich in Läden wieder, die man andernfalls niemals betreten würde. Freundliche Belästigung der Mitarbeiter vor Ort: „Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein?“, und wenn man kurz vor einem Nervenzusammenbruch steht, ist diese Frage schon fast zynisch. Mein Tipp: Allen ausnahmslos immer dasselbe schenken. Bücher zum Beispiel, weil man da immer mit angelesenem Halbwissen argumentieren kann: „Soll ganz toll sein. Thea Dorn hat im Literarischen Quartett gesagt, dass der Autor für sie der neue Tom Wolfe ist.“ Wenn‘s geht, gern auch Hardcover, das macht was her.

Das gemeinsame Essen: Es geht schon bei der Sitzordnung los, denn wer möchte schon die ersten 15 Minuten damit verbringen, jedem Gast unbeholfen ein Stück von der Schwarzwälder Kirschtote aufzutun. Das muss nicht sein. Merke: Der Satz „Du kannst es ruhig umkippen“ ist kein zuvorkommendes Angebot, sondern eine kalte Hierarchisierung. Die Platzwahl entscheidet also, ob man zuhören darf oder Gesprächsthema wird. Außerdem sind Manieren zeitlos, was bedeutet, dass man beim Essen auch ruhig schweigen darf, denn man „möchte ja nicht mit vollem Mund reden, das gehört sich doch nicht“.

Meist übernimmt sowieso jemand am Tisch diesen Job für alle anderen und erteilt cäsarisch Komplimente für gelungene Eigenkreationen: „Da MUSST Du mir mal das Rezept geben, ehrlich.“ Mein Tipp: Den Begrüßungssekt (Rotkäppchen, halbtrocken) im Auge behalten. Steht der noch auf dem Tisch, kann man sich ganz beiläufig schon einen anknallen.

Die Gespräche: Sicherlich die Königsdisziplin. Wer sich auf einen Familiengeburtstag nicht vernünftig vorbereitet (Frühstücksfernsehen, Gala, Pocher vs. Wendler), der läuft Gefahr, wie bei einem Schülerreferat zerfleischt zu werden. Ein grober Überblick über das aktuelle Tagesgeschehen kann nur von Vorteil sein. Corona-Virus? Ein paar Zahlen sind hilfreich. Das Argument „Ist doch reine Panikmache“ kann schnell gegen einen verwendet werden. Es gilt, die Faktenlage zu checken. Schlauer Schachzug: Die Unterhaltungen in eine bestimmte Richtung lenken, um anderen Gästen das Feld zu überlassen. „Sind Harry und Meghan eigentlich noch durch die Krone geschützt? Oder jetzt ganz in zivil unterwegs?“, fragt man dann und lehnt sich zurück. Jetzt sollen die anderen Mal machen, steigt ja eh keiner durch. Dennoch muss sich zwingend beteiligt werden, ansonsten erweckt es den Anschein, man habe von nichts, überhaupt nichts eine Ahnung. Mein Tipp: Nicht zu politisch werden. Die Yellow Press ist Gesetz, alles andere ist prätentiöses Gestotter und Gestammel. Geht es doch mal ans Eingemachte, dringend Sekt nachschütten.

Der Abschied: Nach und nach rüsten sich die ersten Gäste für den Heimweg. Tupperdosen, Einmachgläser, Alufolie. „Es wäre so schade um den Kartoffelsalat...“, wer kennt es nicht? Falsche Antwort an dieser Stelle: „Dann mach‘ halt nächstes Mal weniger.“ Es ist zu spät für Verbesserungsvorschläge, denn schon seit 20 Jahren wird zu viel Kartoffelsalat gemacht. Man nickt ab, trinkt sein Glas aus und gähnt hinter vorgehaltener Hand. „Ist ja auch schon spät, die Kleine muss schlafen und Rainer morgen früh raus“ – wenn dieser Satz fällt, ist das ein Zeichen an alle anderen, sich die Mäntel überzustreifen. Fingerknöchel auf dem Holztisch, eine Umarmung hier, eine Umarmung da. Die Reihen leeren sich. Mein Tipp: Beim Abschied nicht zu viel versprechen. Am besten gar nichts. Der nächste Familiengeburtstag kommt ohnehin. Ob man das will, oder nicht.

Zerbrecht Ihr Euch auch manchmal den Kopf überirgendetwas? Oder möchtet Ihr Malte gerne widersprechen? Dann mailt an redaktion@kurt-gifhorn.de