Kopfüber-Kolumne

Dick-Pics, Penisringe am Badesee und schulbekannte Blowjob-Bitches - Leider Alltag im deutschen Patriarchat

Malte Schönfeld Veröffentlicht am 13.09.2020
Dick-Pics, Penisringe am Badesee und schulbekannte Blowjob-Bitches - Leider Alltag im deutschen Patriarchat

Malte Schönfeld schreibt in seiner KURT-Kolumne über Frauengeschichten.

Foto: Dainis Graveris von Pexels

Eine Freundin erzählt mir, dass sie kürzlich am späten Abend für mehrere Kilometer ihres Fahrradweges von einem anderen, männlichen Fahrradfahrer im selben Alter verfolgt wurde. Als sie immer langsamer fährt, um ihn zur Rede zu stellen, gewinnt er plötzlich an Tempo und radelt durch die nächste Seitenstraße in die Nacht hinaus.

Andere Situation: Eine Arbeitskollegin berichtet mir davon, wie sie am vorigen Tage mit einer Freundin zusammen im Badesee ein paar kleine Runden dreht. Ein Mann, mittleren Alters, watet in naher Entfernung ins Wasser, er ist nackt und trägt einen Penisring, den man um sein Glied zieht, um die Blutzufuhr zu verringern und den Orgasmus hinauszuzögern.

Eine dritte Begebenheit: Eine andere Freundin erzählt mir, wie sie mit 15 auf einer Haus-Party war. Während alle Pärchen sich knutschend in den Armen liegen, fragt sie der Junge, den sie aus der Schule kennt und der neben ihr sitzt, ob sie ihm einen blasen kann, jetzt, wo sich doch alle so toll vergnügen. Betrunken, überfordert und gelähmt macht sie es. Zwei Tage später wird das in der Schule rumerzählt und sie als billige Schlampe bezeichnet.

Das sind Geschichten von Frauen. Seit der #metoo-Bewegung kommen sie häufiger zutage. Immer wieder und jeden Tag. Denn jede Frau hat das schon mal erlebt. Ihre eigenen Momente, in denen sie nicht wusste, ob das jetzt gerade ein schlechter Flirt-Versuch ist oder schon sexuell-unterdrückendes Verhalten des Typen. Oder diese Momente, in denen sie nicht wusste, ob der Typ unter der Stahltreppe jetzt ein schnelles Handybild von ihrem Upskirt geschossen hat oder doch vom blauen Himmel. Oder diese Momente, wo im Klub genügend Platz gewesen wäre – sogar auf der Tanzfläche –, und man doch eine Hand auf der Schulter, am Hintern oder im Schritt gespürt hat.

Es ist ja putzig, wie sich Männer dann in die Opferhaltung begeben und eine „Was-darf-ich-denn-überhaupt-noch-sagen?“-Mentalität annehmen. Wirklich putzig. Und Vergleiche werden auch gezogen. Denn das passiert ja nicht nur Frauen, sondern natürlich auch Männern, das dürfe man dabei nie vergessen. Ist seit der #metoo-Bewegung auch keine Neuigkeit mehr.

Es ist ausgesprochen traurig, dass es dazu keine Neuigkeiten – oder besser: Fortschritte – zu lesen gibt. Denn anscheinend schlagen wir uns seit drei Jahren mit denselben Problemen, Phrasen und Verdrehungen herum. Oder wieder besser: mit denselben aufdringlichen Sprüchen, mit denselben Grabschereien und denselben Vergewaltigungen.

Grund dafür könnte tatsächlich wieder der Mann sein – das sollte an dieser Stelle nun nicht mehr überraschen. Seit 2017 – oder vielleicht schon seit der Sexismus-Debatte um Rainer Brüderle 2013 oder seitdem Alice Schwarzer das erste Mal in einer Fernseh-Talkshow saß – reden häufig die Frauen. Aber erst, wenn sie sich dazu überwinden können. Die Phase des Zuhörens ist offiziell vorüber, denn es ist nicht auszuschließen, dass sie auch eine Phase des Weghörens war.

Das, was wir Männer in den vergangenen Jahren hinbekommen haben, sind schwache Ich-weiß-ja-nicht-Entschuldigungen, Stunden voller Schweigen und verwackelte Dick-Pics, die wir im Facebook-Messenger geschickt haben, mit denen wir in die DMs von Instagram geslidet sind und die wir im Tinder-Chat geteilt haben. Schwupps, und weg. Wow, eine Megaleistung! Augen auf, ich komme.

Vielleicht – und das ist jetzt nur ein Angebot – ist es auch einfach mal an der Zeit, dass wir Männer sanft das Wort ergreifen und fragen. Und zwar nicht unsere Kollegen und Atzen, wie die das so finden. Sondern unsere Freundinnen, unsere Partnerinnen, unsere Bekannten, unsere Ehefrauen: Was habt Ihr erlebt? Wie kann ich helfen? Was muss ich an mir ändern? Und: Geht es Dir überhaupt gut?

Denn ich möchte nicht, dass wir noch Jahrzehnte später, von heute an gerechnet, Frauenleben verunsichern, penetrieren und zerstören. Einfach nur deshalb, weil wir gedacht haben, dass das Zuhören reicht, wenn mal wieder ein Hashstag für ein paar Wochen oder Monate durch die Welt trendet. Es ist nämlich wie bei so vielen Dingen: Das große Ganze kann man alleine nicht retten, aber um seinen Kreis und seine Bekannten muss sich jeder einzelne Mann kümmern. Damit wir uns gegen uns selbst stellen können und an die Seite der Frauen.

Wie so häufig fangen wir da bei uns an. Ich fange bei mir an. Zusammen mit den Frauen. Das ist die Pflicht, die wir haben. Unsere scheiß Pflicht!