Geschichte
Als der Heide-Hype alle nach Gifhorn lockte: Lennart Bohnenkamp stellt Forschungen im Rahmen der Geschichtswerkstatt vor
Lennart Bohnenkamp Veröffentlicht am 22.05.2026
Die erste Gastwirtschaft am Heidesee lockte die Touristen nach Gifhorn – diese Aufnahme entstand circa 1906 bis 1908.
Foto: Stadtarchiv Gifhorn
Die Geschichte der Lüneburger Heide ist eines von Lennart Bohnenkamps Lieblingsthemen – über ihre Entdeckung für den Tourismus referiert er Ende Mai in Gifhorns Geschichtswerkstatt. Der Historiker arbeitet am Institut für Geschichtswissenschaft der Technischen Universität Braunschweig, lebt mit seiner Familie in Gifhorn und engagiert sich im Vorstand des Museums- und Heimatvereins. Ob es tatsächlich Hermann Löns war, der die Gifhorner Heide um 1900 entdeckt hat, hinterfragt er in einem Gastbeitrag für KURT.
Erstmals in der Geschichte Gifhorns gab der Gifhorner Bürgerverein im Jahr 1907 einen Reiseführer für Touristinnen und Touristen heraus. Unter dem Titel „Quer durch Gifhorn und Umgebung“ fanden Reiselustige zahlreiche Anregungen für Wanderungen, aber auch für Fahrrad-, Kutsch- oder sogar Autofahrten in das Gifhorner Umland. Doch woher sollten die zahlreichen Touristen überhaupt kommen? Und warum um alles in der Welt sollten sie sich ausgerechnet das beschauliche Städtchen Gifhorn anschauen?
Gleich im Vorwort gab der Reiseführer eine Antwort auf diese beiden Fragen: „Die Heide ist Mode geworden“. Um die Jahrhundertwende begann sich in Deutschland ein regelrechter Heide-Hype zu entwickeln. Die Entdeckung der Lüneburger Heide für den Tourismus war ein erstaunliches Phänomen. Seit Jahrhunderten hatte sich kein Mensch für dieses weit abgelegene und dünn besiedelte Niemandsland interessiert. Plötzlich strömten vor allem in den Sommermonaten zur Zeit der Heideblüte Tausende von Touristen in die Lüneburger Heide.
Einer der berühmtesten Protagonisten dieses ungewöhnlichen Heide-Hypes war der Schriftsteller und Journalist Hermann Löns (1866-1914). In der Heimatforschung wird Löns daher immer wieder auch als Entdecker der Gifhorner Heide genannt. Tatsächlich reiste er schon im August 1895 erstmals mit der Eisenbahn von Hannover nach Gifhorn. Kurze Zeit später veröffentlichte er einen Artikel im „Hannoverschen Anzeiger“, in dem er geradezu euphorisch für einen Ausflug in die Gifhorner Heide warb: „Hannoveraner, ihr Dickluft-Gewöhnten, wenn ihr froh und heiter Bringt neue Perspektiven in die Geschichte Gifhorns um 1900: Lennart Bohnenkamp.
Foto:
Stadtluft vergessen und reine Luft kneipen wollt, dann fliegt hinaus in die übelberufene, rosenrothe, herrliche hannoversche Haide!“

Aber es schien diesem Aufruf niemand so recht folgen zu wollen. Auch in den Folgejahren verirrten sich nur wenige Touristen nach Gifhorn. Noch im Jahr 1903 klagte der Gifhorner Senator Hermann Schulze (1827-1905) in seinen Memoiren über die trostlose „Haide- und Sandgegend“ um Gifhorn. So blieb es in Gifhorn auch zur Heideblüte verhältnismäßig ruhig.
Erst im Sommer 1906 ging der Gifhorner Bürgerverein in die Werbeoffensive und schaltete zahlreiche Anzeigen in den Tageszeitungen der benachbarten Großstädte. Als Ausflugsziele wurden vor allem der „Heidesee“ und die „Gifhorner Schweiz“ bei Winkel beworben. Bei den meisten Gifhornerinnen und Gifhornern schien diese Werbekampagne zunächst eher für Kopfschütteln zu sorgen. Viele von ihnen wussten nicht einmal, wo der „Heidesee“ überhaupt liegen sollte. Und diejenigen Gifhorner, die sich wie der Pastor der St. Nicolaikirche, Robert Rasch (1868-1966), selbst einmal auf den Weg dorthin machten, waren enttäuscht von diesem kleinen „Moortümpel“. Doch der Erfolg gab dem Bürgerverein recht: Im August 1906 kamen die ersten Touristen mit der Eisenbahn aus Braunschweig nach Gifhorn.
Dieser überraschende Erfolg sollte im Jahr 1907 noch gesteigert werden. In seinem neuen Reiseführer, der pünktlich zur Heideblüte im Sommer erschien, wandte sich der Gifhorner Bürgerverein gezielt an „Großstädter“: „Die Heide ist dem hastenden Großstädter zur Notwendigkeit geworden. Hier auf diesen weiten melancholischen Flächen, unterbrochen von malerischen Baumgruppen und lieblichen Wasserläufen, findet sein Auge, seine Seele die ersehnte Ruhe und Erholung von dem Getöse, der nervenreizenden Hast des großstädtischen Treibens.“
Im Anhang waren dem Reiseführer zahlreiche Anzeigen der Gifhorner Hotels, Restaurants und Geschäfte beigefügt. So warb das Hotel „Ratsweinkeller“ um „Familien, Geschäftsreisende und Touristen“ und hielt nicht nur einen Pferdestall, sondern auch Stellplätze für „Radfahrer und Automobilisten“ bereit. Das „Deutsche Haus“ wiederum verfügte über Pferdekutschen und richtete sogar einen Omnibusverkehr zum Bahnhof ein, um die Touristen dort abzuholen. Zahlreiche Buchhandlungen und Souvenirläden in der Gifhorner Altstadt, darunter die beiden Geschäfte von Hermann und Carl Dänzer, verkauften bereits Ansichtskarten mit Heidemotiven. Und so schloss der Reiseführer mit den Worten: „Die Heide bei Gifhorn aber in ihrem abwechslungsreichen Gewande möge dazu bestimmt sein, vielen Tausenden rechte Erholung zu bieten!“
Einer der „vielen Tausenden“, die der Gifhorner Bürgerverein im Sommer 1907 nach Gifhorn locken wollte, war niemand anderes als Hermann Löns. Im September 1907 fuhr er wie ein gewöhnlicher Tourist mit der Eisenbahn von Hannover nach Gifhorn – im Gepäck den Reiseführer des Bürgervereins. Denn Löns selbst war als Großstadtmensch ja einer von den „Dickluft-Gewöhnten“, über die er 1895 geschrieben hatte. Der eigentliche Entdecker der Gifhorner Heide war also nicht Hermann Löns, sondern der Gifhorner Bürgerverein.
Auch der berühmte Hermann Löns (vorne rechts) weilte in Winkel.
Foto: Sammlung Historisches Museum Schloss Gifhorn (Aufnahme undatiert)
Sommer 1913 am Heidesee: Fließende, hochgeschlossene Kleider in hellem Weiß, kombiniert mit ausladenden Hüten und klaren Linien – ein anmutiger Spaziergang zwischen Natur und Noblesse.
Foto: Sammlung Günter Dröge
Welch pittoreske Landschaft: Der Heideweg führte Touristen während des Heide-Hypes um 1900 nach Winkel. Wie gern würde man auch heute so einladend empfangen werden.
Foto: Sammlung Günter Dröge (Aufnahme undatiert)
Vor allem mit der Bahn reisten die Touristen an und stiegen am Bahnhof Isenbüttel – heute Bahnhof Gifhorn – aus.
Foto: Sammlung Günter Dröge (Aufnahme undatiert)
Die Anzeige des Hôtels Ratsweinkeller im Reiseführer „Quer durch Gifhorn und Umgebung“, veröffentlicht 1907.
Foto: Lennart Bohnenkamp
Vortrag von Lennart Bohnenkamp in der Gifhorner Geschichtswerkstatt:
„Fliegt hinaus, ihr Dickluft-Gewöhnten – Hermann Löns und die Entdeckung der Gifhorner Heide um 1900“
Dienstag, 26. Mai
19 Uhr, Eiskeller
Lindenstraße 21, Gifhorn
Eintritt frei, Spenden erbeten
Wer bei sich zu Hause noch historische Dokumente zum Beginn des Heide-Tourismus in Gifhorn um das Jahr 1900 hat, kann sich gerne bei Lennart Bohnenkamp melden:
l.bohnenkamp@tu-braunschweig.de