Kopfüber
Über das Ordensjubiläum von Nonne Schwester Waltrud: Unser Kolumnist Malte Schönfeld gratuliert seiner Tante Edith
Malte Schönfeld Veröffentlicht am 27.09.2026
60 Jahre verbringt Maltes Tante Edith schon im Orden der Franziskanerinnen, wo sie nur Schwester Waltrud gerufen wird.
Foto: Privat
Immer, wenn ich anderen zwecklos angeberisch erzähle, dass meine Großtante Edith Nonne ist, staunen sie aus offenen Augen. Zugegeben, so häufig passiert das nicht. Aber doch hin und wieder. Und die überraschte Reaktion dann: Echt, Nonne? Eine echte Nonne? Kaum zu glauben. Als würde ich den Papst persönlich kennen. Oder als hätte ich einen ausgestopften Dodo zu Hause, den ich feierlich aus dem Schrank hole, sobald sich die Abendgäste nach Bolognese und Rotwein in vertraulicher Stimmung befinden.
Für mich heißt sie Tante Edith. Manchmal besucht sie meine Großeltern in Gifhorn, selbst heute noch, wo alle doch schon älter als 80 Jahre sind. Sie sitzen dann auf der Terrasse, kniffeln die Kästchen im Schreibblock voll, Opa notiert, die Geranien leuchten fast, Oma ärgert sich, ein Zierbrunnen in der Ecke plätschert. Erst vor Kurzem ist mir klar geworden, dass an diesem Brunnen Kindheitserinnerungen hängen. Man kann hundert Mal an etwas vorbeigehen, beim hundertundersten Mal stellt sich plötzlich alles anders dar. Man erinnert sich an Holzhäuschen auf einem Spielplatz, wie man mit Pfeil und Bogen auf Vögel geschossen hat, an die Größe des Waldes. Erinnerungen an eine ferne Zeit. Aus einem anderen Leben vielleicht?
Für die meisten ist Tante Edith jedoch Schwester Waltrud. Das ist ihr Ordensname bei den Franziskanerinnen, den sie schon lange trägt. Genau genommen: 60 Jahre lang. Und das soll gefeiert werden. Messe, Mittagessen, Kuchen und Torte. Also putze ich meine vorzeigbaren Lederschuhe, besorge ein Spätsommergesteck in Eile und setze mich frühmorgens in den Zug, um zur heiligen Messe pünktlich vor Ort zu sein.
Skeptisch bin ich immer, sobald Religion im Spiel ist, bereit, mich aufzulehnen, bisweilen sogar feindlich. Doch an diesem Tag fahre ich mit Freude. In rotem Backstein schiebt sich die Kirche vor mir in die Höhe, die graue Farbe am Turm blättert, und drinnen steht schon ein bezettelter Chor auf der Empore. Und in den ersten Reihen sitzen rund 30 Nonnen, Habit, Schleier, manche tragen Kordeln. Und ganz vorn – doch, das muss sie sein – sehe ich meine Tante Edith. Ihr großer Tag, so viele Gäste kommen ihretwegen.
Wie ich dort in einer der hinteren Bankreihen sitze, die leise knarzen, wird mir wieder etwas klar – wie beim Zierbrunnen auf der Terrasse meiner Großeltern. In der Welt des Franziskanerordens ist alles geregelt. Es ist eine Art zu leben. Die Messe sowieso, Kyrie, Evangelium, das Brechen des Brotes, Empfang der Eucharistie, der Friedensgruß. Doch auch alles andere ist durchwirkt von einer unbefragten Klarheit. Die Tagesabläufe, das Kümmern und Pflegen, das Achtgeben, Bescheidenheit und Keuschheit. Die freiwillige Armut war Grundlage für den heiligen Franziskus, Franz von Assisi.
Besser verstanden habe ich in dem Moment, hinten auf der Bank in der Kirche, die Kraft der Spiritualität. Wie eine Aufgabe dem Leben (scheinbar) Sinn gibt. Doch dann denke ich auch an Spannungsfelder wie Pflicht und Müßiggang, Befehlsordnung und Freiheit, Vorschrift und Kritik. Und natürlich die ewigen christlichen Blockaden: Schuld, Buße und Strafe.
Ansonsten lässt sich festhalten, dass der Frankfurter Kranz wunderbar geschmeckt hat. Das sollte nicht übergangen werden.