Kopfüber
Warum die Deutschen so gern in Italien urlauben: Unser Kolumnist Malte Schönfeld berichtet von Gardasee und Venedig
Malte Schönfeld Veröffentlicht am 18.10.2026
Wo sonst gibt es so ein Eis wie in Italien? Zwischen San Geremia und Markusplatz genießt unser Kolumnist Malte Schönfeld ein köstliches Pfund auf der Waffel.
Foto: Malte Schönfeld
Hell leuchtende Häuser stehen entfernt in den Alpen, auf den grünen Hängen, so als hätte jemand weiße Streusel auf Pistazieneis gerieselt. Wenige Rauchsäulen aus Schornsteinen. Häuser zur Hälfte in Nadelholz gekleidet, in Tirol dann Häuser in ausgeblichenem Honiggelb. Zwei Greifvögel kreisen in einer Schlucht, sind das Adler?
Einige Stunden später sitze ich am Gardasee. Zum ersten Mal bin ich in Italien. Das Sehnsuchtsland der Deutschen. Warum? Neulich hörte ich, dass auch das mal wieder was mit Hitler zu tun hat. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren sich die Kriegsverbrecher einig, im Achsenmächte-Nachbar-Überbleibsel dürfte man sich in Ruhe und ohne Befürchtungen in die Sonnenliege kuhlen. Das Panorama genießen. Wir flitschen flache Steine in die sanften Wellen, aus großen bauen wir Türme. Im Café am Marktplatz dann der Blick aufs Schild am Sali e Tabacchi: 34 Grad.
Bier, Croissant mit Vanilletupfer, Salzchips, Brot, Nüsschen. Ich sage „Gracias“ wie ein vollkommenes Arschloch, die Bedienung denkt sich gnädigerweise ihren Teil.
In unserem Familienresort ist alles ramponiert, weil aus den 80er und 90er Jahren, was mir sehr gefällt. Das Ausziehbett quietscht. Das abgegriffene Stabfeuerzeug für den Gasherd ist flammlos. Der Safe schließt nicht. Doch dafür liegt nur wenige Meter über die Anhöhe ein Tennisplatz, der an Kopf und Ende bereits (oder noch?) mit Laub bedeckt ist. Ein deutscher Semiprofi mit blondem Dutt und großflächigem Rückentattoo fischt im Sekundentakt die gelben Filzbälle aus seinem Bag von Dunlop und schlägt sie in der Abendsonne in den Zaun, das sehe ich von meiner Liege aus. Sein Trainer erholt sich, beide Füße im Pool, das Cap tief in die Stirn gezogen. Später fragt mich der Spieler, ob ich schon einmal gespielt hätte, und ich, der Nicht-Spieler, erröte. Eidechsen sonnen sich an den schroffen Steinwänden.
Tagsdrauf fotografiere ich ein Zitat von Andrei Tarkowski an einer Kirche in Desenzano. Zwei Eiskugeln prallen wie drei auf meiner Waffel. Kaum zu entschlüsseln sind die Terrassen und Dächer, so verwinkelt fällt alles wunderschön zusammen. Petunien in Blumenkästen. Fische knabbern in Sirmione an meinen Füßen. Ganz in der Nähe passieren wir die Villa Callas, benannt nach Maria Callas, die dort zur Sommerresidenz lebte. Ohne Kinder erbte die Villa – so sagt man – die Haushälterin Bruna Lupoli. Faltige japanische Omis mit kugelrunden Sonnenbrillen sitzen neben mir in ihren schreienden Blumenkleidern am Strand auf Felsen, meine Füße berühren den Boden, ihre baumeln wie geknicktes Obst.
Beinahe kommen mir in Venedig dann die Tränen. Was für eine Weltstadt! Venedig, Neft Daşları, Chefchaouen und Coober Pedy, unfassbare Wunder, wenn man sie nicht mit eigenen Füßen entdecken könnte. Wie Venedigs Schönheit dem gnadenlosen Ausverkauf trotzt, ist vielleicht die größte Herausforderung aller Zeiten. Menschheitsgeschichte gegen Geld. Doch kann sie überhaupt siegen?
Auf dem Heimweg. Über die Grenze. Wolken kriechen den Hang empor, bis ferne Gipfel verschluckt werden. Mein bernsteinfarbener Arm liegt im Auto am Fenster und hebt sich vom dahinterliegenden Grün der Wiesen ab. Eine Kuh beschnüffelt das Poloch der anderen.