Stolpersteine
Ohne Beweise wurde Otto Beyer festgehalten: Nur kurz war er in der Kästorfer Arbeiterkolonie, später suizidierte er sich
Katharina Gries Veröffentlicht am 22.03.2026
Die Arbeiterkolonie Kästorf mit Blick von Südwesten, links der Schornstein der Ziegelei, um 1931.
Foto: Sammlung Archiv der Dachstiftung Diakonie
Es gibt nicht die eine Art und Weise, wie der deutsche Faschismus Gewalt ausübte. Diskriminierung, Verfolgung, industrieller Mord – die Nazis kannten in ihrer Grausamkeit keine Grenzen. Auch in Gifhorn ist die Zahl der Opfer mindestens dreistellig. Einer von ihnen ist Otto Beyer, der zwar nur wenige Wochen in der Kästorfer Arbeiterkolonie verbrachte, sich aber wenig später suizidierte. Seine Geschichte schildert Katharina Gries aus der Historischen Kommunikation der Dachstiftung Diakonie in einem Gastbeitrag.
Otto Theodor Fritz Beyer wurde am 18. März 1898 in Braunschweig als Sohn des Metalldrehers Karl Beyer und seiner Frau Helene geboren. Otto war der zweitälteste von sieben Brüdern, von denen nur vier das Erwachsenenalter erreichten. Er verließ die Schule nach der zweiten Klasse und absolvierte eine Lehre zum Friseur. Auf einer Meldekarte ist vermerkt, dass Otto Beyer 1918 beim Militär war, aber nicht, wo und wie lange. Er arbeitete nach dem Ersten Weltkrieg unter anderem als Friseur, befand sich aber bis 1933 meistens auf Wanderschaft.
Seine Reisen führten ihn an viele Orte in Deutschland, wie etwa nach Magdeburg, Potsdam, Flensburg und Goslar, bis er in den späten 20er Jahren in den Raum Braunschweig zurückkehrte. Hier lebte er nach eigenen Angaben im Juli 1934 im Städtischen Pflegeheim, bevor er im August desselben Jahres in die Arbeiterkolonie Kästorf kam. Wenige Tage später, am 24. August 1934, wurde er von Landesmedizinalrat Dr. Walter Gerson psychiatrisch untersucht. Gerson beschrieb Otto Beyer als „Einspänner“, eine verschlossene, zurückgezogen lebende Person, die „eigenartig“ und „misstrauisch“ sei. Gerson notierte sogar den Verdacht, Beyer würde „etwas verheimlichen“.
Laut Gersons Befund gab Otto Beyer während der Untersuchung an, Stimmen und Geräusche zu hören. Gerson diagnostizierte daraufhin „angeborenen Schwachsinn“ und nannte Beyer einen „verschrobenen, schizoiden Psychopathen“. Einen knappen Monat später, am 19. September 1934, wurde Otto Beyer auf Basis dieser Diagnose in die Heil- und Pflegeanstalt Hildesheim überführt.
Auf dem Gelände der Kästorfer Diakonie liegt der Stolperstein für Nazi-Opfer Otto Beyer.
Foto: Steffen Meyer

Am 18. Oktober stellte der amtliche Kreisarzt Dr. Sorge für Otto Beyer einen Antrag auf Unfruchtbarmachung. Anfang November wurde Wilhelm Schmertmann, Hausvater in der Arbeiterkolonie Kästorf, als Pfleger für Otto Beyer bestellt, da eine Verständigung mit ihm „wegen Geistesstörung“ angeblich nicht möglich war. Obwohl im Beschluss vermerkt wurde, dass die von Gerson notierten „schizophrenen Symptome“ nicht zu beweisen seien und alle Hinweise darauf aus dem fertigen Beschluss herausgestrichen wurden, beschloss das Erbgesundheitsgericht Hildesheim am 1. Dezember Otto Beyers Unfruchtbarmachung nach dem Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses vom 14. Juli 1933. Den Verzicht auf eine Beschwerde unterschrieb Hausvater Schmertmann in Otto Beyers Namen.
Otto Beyer lebte von nun an in der Heil- und Pflegeanstalt Hildesheim, wo sich sein Zustand weiter verschlechterte. Der Gifhorner Medizinalrat Dr. Bernhard Franke hakte mehrfach in Hildesheim nach, ob die Unfruchtbarmachung bereits vollzogen sei, erhielt zwischen April 1935 und Juni 1936 jedoch immer dieselbe Antwort: Otto Beyers Geisteszustand ließ eine Operation nicht zu. Auf Frankes erneute Nachfrage Anfang Januar 1937 teilte der Direktor der Heil- und Pflegeanstalt in knappen Worten mit, dass Otto Beyer sich am 22. Dezember 1936 das Leben genommen hatte.
Wo Otto Beyer bestattet und ob seine in Braunschweig lebende Familie über seinen Tod unterrichtet wurde, ist nicht überliefert. In der Pflege- und Heilanstalt Hildesheim stieg, wie in vielen Einrichtungen im damaligen Deutschland, die Sterberate während der NS-Zeit erheblich an, da die psychisch kranken und geistig behinderten Menschen, die dort lebten, stark vernachlässigt oder im späteren Verlauf der „wilden Euthanasie“ ab 1942, auch „Aktion Brandt“ genannt, ermordet wurden. Über die zwei Jahre, die Otto Beyer in der Heil- und Pflegeanstalt Hildesheim lebte, ist nichts bekannt, da viele Akten während der Bombenangriffe auf Hildesheim vernichtet wurden. Die Suche nach Angehörigen blieb erfolglos.
Dieser Text ist Teil der Broschüre „Stolpersteine in der Diakonie Kästorf“, kostenfrei erhältlich im Stadtarchiv, in der Stadtbücherei und bei der Diakonie in Kästorf.
Die Forschung zu Opfern des Nationalsozialismus geht weiter.
Hinweise sammelt das Kulturbüro:
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