Kopfüber
Der Journalismus kann Vertrauen zurückgewinnen: Unser Kolumnist Malte Schönfeld denkt über die Epstein Files nach
Malte Schönfeld Veröffentlicht am 05.04.2026
Die veröffentlichten Epstein Files überfordern in ihrer schieren Masse die Journalisten und Content Creator – das ist verständlich. Deswegen müssen sich jetzt langfristige, internationale Rechercheteams bilden, findet unser Redaktionsleiter Malte Schönfeld.
Foto: KURT Media via Dall-E
Ruhig ist es geworden um die Epstein Files. Sollte es jemand noch nicht mitbekommen haben: Sie sind eine Sammlung bestehend aus Dokumenten, Fotos und Videos, die im Rahmen von Ermittlungen gegen den verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein und seine Komplizin Ghislaine Maxwell zusammengetragen wurden. Der abgrundtief böse Multimillionär und sein ekelhafter Ring von mächtigen Politikern, Managern, Wissenschaftlern, Künstlern und Celebritys. Die Opfer: Mädchen und junge Frauen, deren Leben zertrümmert wurden. Fragen werfen auch die Verbindungen zu Geheimdiensten auf, die anzweifelbaren Suizide von Epstein selbst und seinem Geschäftspartner Jean-Luc Brunel, der als Modelagent dem Missbrauchsring neue Opfer zuführte, und allerhand Ungereimtheiten mehr.
Es braucht nur einen Angriffskrieg der USA und Israels gegen den Iran und die aktuelle Berichterstattung schwenkt vollends auf die Blendgranate. Benjamin Netanjahus politisches Überleben hängt am Kriegführen, ein Korruptionsprozess gegen ihn läuft seit 2020. Und Trumps Name taucht mit 38.000 Erwähnungen und verwandten Begriffen in den Files auf. Anschuldigungen wegen Vergewaltigung, Missbrauch und so weiter haben seit den 1970ern mindestens 28 Frauen erhoben. Nach einem Urteil des Supreme Court aus dem Sommer 2024 genießt Trump ohnehin königgleiche Immunität und steht über dem Gesetz. Der Krieg ist ein Ablenkungsmanöver, auch hinsichtlich der ICE-Raubzüge.
Viele wundern sich, warum aus den Epstein Files keine Konsequenzen folgen. Die Antwort ist, dass die politischen und wirtschaftlichen Eliten sich gegenseitig decken. Die Oligarchie und die reiche Kaste haben gesiegt. Und: Ohne eine Beweislast und in Teilen sicherlich selbst zu nah an den potentiellen Tätern sind die Gerichte wirkungslos. Was es nun braucht, ist ein Kollektiv, dass den Geschichten und Personen der Epstein Files nachspürt, um das Wahre von der Lüge zu trennen und die Ausmaße dieser Grausamkeiten aufzudecken.
Diese Aufgabe kann nur der Journalismus übernehmen. Recherchen unerbittlich vorantreiben, Institutionen wie der Deutschen Bank auf den Zahn fühlen, Opfer ausfindig machen, selbst wenn sie Verschwiegenheitsvereinbarungen unterschrieben haben – vieles ist zu tun. Insgesamt soll es um die 6 Millionen Dokumente geben, noch mehr werden hinzukommen, sobald die Arbeit aufgenommen wurde. Nur Absprachen mit ausländischen Verlagshäusern und Arbeitsteilung können diesen globalen Missbrauchsring, ihre Codes und Taten entschlüsseln. Giganten müssen fallen, um das System zu stürzen. Doch dafür müssen Verlage Journalisten einstellen, nicht ihre Jobs streichen oder sie ins Prekariat drücken.
Für den Journalismus kann das noch mehr sein: eine Annäherung an seine Leser. Viel Vertrauen ist in den vergangenen Jahren verloren gegangen – Corona, Kriegsberichterstattung, Wehrpflicht –, weil die Schreiber zu viele blinde Flecken offen lassen. Mächtigen Menschen wie Trump, Hubert Aiwanger oder Jens Spahn, die das Spiel der Medien beherrschen, darf man nicht auf den Leim gehen. Ihre Irreführungen und das Lügen und das Aussitzen dürfen nicht unsere Agenda sein – allenfalls, um sie zu entlarven. Nicht wenige Journalisten sind verzaubert von der Aura der Elite, der Kunst an der Wand und der rohen Macht, weil sie selbst dazu gehören wollen. Doch das ist echt armselig.