Geschichte

Mit Katechismus und Rohrstock: Die Gifhorner Geschichtswerkstatt unternimmt einen Streifzug durch die Schulhistorie

Uwe Gierz Veröffentlicht am 17.04.2026
Mit Katechismus und Rohrstock: Die Gifhorner Geschichtswerkstatt unternimmt einen Streifzug durch die Schulhistorie

Der Schulplatz im Jahr 1913: Zu sehen sind die beiden Neubauten („Steinschulen“) von 1844 (links) und 1877 (rechts).

Foto: Sammlung Dröge

Bei seinen umfangreichen Recherchen zur Gifhorner Kirchengeschichte ist Autor Uwe Gierz auch auf viele Dokumente zur Schulgeschichte gestoßen. Kaum überraschend, bildeten Kirche und Schule doch über viele Jahrhunderte eine organisatorische Einheit. In der Gifhorner Geschichtswerkstatt am Dienstag, 28. April, wird er nun genau darüber referieren – und mit einem Gastbeitrag für KURT gibt er schon mal erste Einblicke.

Wegweisend war die Einführung der Reformation 1529. Martin Luther hatte gefordert, dass alle Menschen die Bibel selbst lesen sollten. Das setzte die Einrichtung von entsprechenden Schulen voraus. In den Kirchenordnungen wurde das dann in den Grundzügen geregelt. Nach der herzoglichen Kirchenordnung von 1564 sollten alle Küstereien mit Schulen verbunden sein.

Das Ergebnis dieser Entwicklung lässt sich auch in Gifhorn beobachten. Der Ort an sich war klein und eher ärmlich. Bedeutung bekam er weltlich als Sitz eines herzoglichen Amtes sowie einer Festung mit Besatzung. Und kirchlich war (und ist) er Sitz einer Superintendentur. So lassen sich schon im 16. Jahrhundert in Gifhorn drei Schulen nachweisen: eine Knabenschule, für die der Küster zuständig war, eine Mädchenschule, die von einer Lehrwase (Lehrerin) geleitet wurde, und eine (weiterführende) Lateinschule, geleitet von einem Rektor.

Dieser Rektor war mit seinen Schülern auch für das Singen beziehungsweise Anstimmen der Choräle in den Gottesdiensten verantwortlich. Er wurde deswegen auch als Kantor bezeichnet.
Während es für Küster und Lehrwase keine Ausbildung gab, konnte der jeweilige Rektor in der Regel ein abgeschlossenes Theologiestudium nachweisen. Der Posten diente als Sprungbrett, um auf eine Pfarrstelle berufen zu werden. So blieben die meisten Rektoren nur einige Jahre, bis der ersehnte Aufstieg gelang.

Nahezu unverändert zeigt sich das Küster- und Rektorhaus (Schulhaus) seit dem letzten großen Umbau von 1789 (heute Steinweg 18). Ein Kaufvertrag von 1618 weist nach, dass bereits damals an dieser Stelle ein Schulgebäude stand. Diese Aufnahme entstand um 1920.

Foto: Sammlung Dröge

Die Kinder konnten ab dem 5. Lebensjahr die Schule besuchen. Diese endete mit der Konfirmation. In den beiden erstgenannten Schulen wurde hauptsächlich Beten und Lesen unterrichtet. Lehrstoff waren die Bibel, der Katechismus und das Gesangbuch. Schreiben und Rechnen kamen nur am Rande vor, hauptsächlich in besonderen Stunden, die extra bezahlt werden mussten.
Die besten Schüler konnten dann in die Lateinschule wechseln. Hatten sie diese erfolgreich beendet, so stand der Weg zur Universität frei. Seit Mitte des 17. Jahrhundert gab es in Gifhorn eine Stiftung („Beneficio“), die die Studenten finanziell unterstützte.

Für Küster und Rektor gab es ein eigenes Wohn- und Dienstgebäude, das nach Neu- und Umbauten heute noch steht (Steinweg 18). Da die Mädchenschule am Cardenap 1606 abgebrannt war, musste sich diese rund 100 Jahre mit Provisorien zufriedengeben. Erst dann entstand gemeinsam mit einem neuen Organistenhaus auch für die Mädchenschule ein neues festes Domizil.

An dieser Organisation der Schule änderte sich jahrhundertelang nichts. Erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts kam es dann zu einschneidenden Änderungen. Auf private Initiative wurde 1751 in Hannover ein Lehrerseminar gegründet. Damit gab es zum ersten Mal die Möglichkeit einer pädagogischen Ausbildung für zukünftige Lehrer. Außerdem begann man sich in der Kirchenbehörde mehr dafür zu interessieren, was in den Schulen des Landes passierte. So wurde ein umfangreicher Fragebogen entwickelt, den die Pastoren als Vorgesetzte der Lehrer jedes halbe Jahr zu beantworten hatten.

Spannende Einblicke über die Geschichte der Gifhorner Schulzeit hat Autor Uwe Gierz erarbeitet.

Foto: Privat

In Gifhorn übernahm diese Aufgabe der zweite Pastor, der neben den drei Schulen im Ort auch die Landschulen in Gamsen, Kästorf und Wilsche sowie Neubokel, Dannenbüttel, Westerbeck, Stüde und Neudorf-Platendorf (seit 1798) zu betreuen hatte. Die Pastoren zeigten sich sehr engagiert und verfassten äußerst ausführliche Beschreibungen.

Auch bei den Schulen in Gifhorn kam es zu einem deutlichen Wandel: Die Änderung der Militärstrategie führte 1783 zur Aufgabe der Festung und Abzug der Garnison. Damit fiel auch ein wesentlicher Teil der Finanzierung der Organistenstelle weg. So mussten die kirchlichen Stellen neu aufgeteilt werden: Der Rektor übernahm die Knabenschule, der Küster die Mädchenschule und die Organistenstelle, und die Lehrwase übernahm eine neue Elementarschule für Kinder von 5 und 6 Jahren.

Das 19. Jahrhundert brachte dann einen sehr deutlichen Anstieg der Schülerzahlen: Waren es 1800 rund 270 Kinder, so stieg diese Zahl in 50 Jahren auf rund 350 Kinder. Ein Ausbau der Schullandschaft war dringend erforderlich. So wurde 1844 ein neues Schulgebäude mit zwei Klassen gebaut. Damit konnte eine vierte Klasse eingerichtet werden:

•Elementarklasse („Vierte Klasse“) für Kinder von 6 bis 8 Jahren,
•Elementarklasse („Dritte Klasse“) für Kinder von 8 bis 10 Jahren,
•Knabenschule („Erste Klasse“) für Söhne von 10 bis 14 Jahren,
•Mädchenschule („Zweite Klasse“) für Töchter von 10 bis 14 Jahren.

Die Schulzeit endete weiterhin mit der Konfirmation. Organisatorisch übernahm jetzt der Superintendent die Aufsicht über die Stadtschulen. Der zweite Pastor behielt die Aufsicht über die Landschulen.

Ausschnitt aus dem Fragebogen von 1780. Der freie Platz um die Fragen war dazu gedacht, die Antworten aufzunehmen. Reichte der Platz nicht, so konnten weitere Seiten angefügt werden.

Foto: Kirchenarchiv / Reproduktion: Uwe Gierz

Indessen wuchs die Bevölkerung weiter. So war bereits 1876 ein weiterer Neubau fällig. Es entstand ein neues Schulgebäude mit 12 Klassenräumen. Damit konnten die beiden Klassenzimmer im alten Küster- und Rektorhaus am Steinweg aufgegeben werden. Das Gebäude von 1844 fand eine neue Verwendung als Rathaus.

Das neue Gebäude wurde gleich größer geplant, als es anfangs gebraucht wurde. So gab es im Jahre 1882 zunächst 9 Klassen mit 9 Lehrern für 480 Schüler. Bis zur Jahrhundertwende erhöhte sich das auf 12 Klassen mit 12 vollbeschäftigten Lehrern für 564 schulpflichtige Kinder. Lag um 1800 die Klassengröße noch bei rund 100 Kindern, so war es dann nur noch die Hälfte.

Der Erste Weltkrieg brachte mit der neuen Regierungsform auch die Trennung von Staat und Kirche. Die Schule ging in staatliche Aufsicht über. Bis dahin war die Besoldung der Lehrer in das kirchliche Besoldungssystem integriert – teilweise mit Einnahmen aus Grundbesitz. Das musste nun mühsam aufgetrennt werden und zog sich noch über viele Jahre hin. Einige Grundstücke der Kirche gingen dabei in staatlichen Besitz über.

Vortrag von Uwe Gierz in der Gifhorner Geschichtswerkstatt:
„Mit Katechismus und Rohrstock – Ein Streifzug durch die Gifhorner Schulgeschichte“
Dienstag, 28. April
19 Uhr, Eiskeller
Lindenstraße, Gifhorn
Eintritt frei, Spenden erbeten


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