Kopfüber
Über echte Vorbilder: Unser Kolumnist Malte Schönfeld immer wieder von der Männerherrschaft enttäuscht wird
Malte Schönfeld Veröffentlicht am 03.05.2026
Wie Pygmalion: Wenn er könnte, würde unser Kolumnist Malte Schönfeld wohl Statuen und sich ein echtes Vorbild hauen. Doch wäre das überhaupt der richtige Ansatz?
Foto: KURT Media via Dall-E
Wohin? Das fragt man sich immer wieder. Auf Phasen der Stabilität und Ruhe und der Ordnung folgen gerne Beschleunigung, Richtungswechsel und Wagnisse. Niemand kann sich dem erwehren. Tag folgt Tag, Tat auf Tat. Hat das Leben einen Sinn? Ich glaube nicht. Wassertröpfchen, Eiskristalle, Staub. Können wir vorhersagen, wie Wolken ihre Gestalt verändern? Manches können wir uns einfach nicht erklären. Die Mechanik des Alltags ist uns ganz unbekannt, obwohl sie alles rahmt. Und so bleibt das Wohin dann irgendwie doch eine sinnlose Prüfung, weil Ankommen tut man ja nicht in dieser Welt, es geht ja doch immer weiter bis zum Schluss.
Es wäre doch irgendwie schön, wenn man in diesem Klima der Absurdität auf Vorbilder träfe. Sich etwas abgucken. Orientierung. Wissen, dass man nicht als erster und einziger vor ein Problem gestellt wird. Denn das Versagen liegt im Wesen dieser Welt ohne Sinn. Und dann ist da auch noch der Wunsch, sich vernünftig und anständig zu verhalten. Wohin? Egal, wenigstens nicht allein.
Man kann das Leben mit Humor nehmen, dann wird es tatsächlich leichter. Schlauerweise hat ein Vorbild von mir, Künstler Christoph Schlingensief, dennoch mal gesagt: „Ironie ist systembestätigend.“ Das behauptet zumindest Lars Eidinger, Schauspieler, der auch schon mal mein Vorbild war.
Diese brutale Welt wird von Männern beherrscht. Das ist eines der Systeme, derer wir ausgesetzt sind, so wie das Geldsystem eines ist und das der Macht. Möchte man dann ein anderer Mann sein als der aus dem Patriarchat, also bestenfalls gewaltlos und hilfsbereit und großzügig und verständnisvoll und selbstbestimmt, könnten Vorbilder helfen. Was nur, wenn sie gar keine sind? Oder bedeutet es gar, Vorbilder überall zu suchen, also nicht nur bei den Männern, sondern auch bei Frauen und allen anderen, und gar nicht in diesem Geschlechtersystem? Wollen wir denn nun Geschlechter betonen oder auflösen? Kann mir da ein nächstes Vorbild helfen?
Auf die Anzeige von Collien Fernandes gegen Christian Ulmen, beide Schauspieler und bis vor kurzem Ehepaar, folgte in mir wieder dieses Gefühl der Vorbildlosigkeit. Ich hatte das schon häufiger erlitten. Es bröselte schon häufiger, Stück für Stück, das Vertrauen weg. Bei Kevin Spacey zum Beispiel. Bei Ye. Bei Bill Burr zuletzt. Bei Shia LaBeouf. Bei Brad Pitt. Bei Jared Leto. Bei Till Lindemann. Bei Louis CK. Ungefähr bei allen Rappern auf dieser sinnlosen Welt.
Ich bin immer gerne Fan gewesen. Vermutlich ist das mein Religionsersatz. Jemanden toll zu finden, sich zu begeistern, ja, fast zu vergöttern. Einen Kompass zu finden in Kunst und Kultur, in Ausdruck und Essenz. Bei Grenzgängern und Renegaten, die sich dem Tugendterror und den Konventionen widersetzen. Poster an der Wand. Wenn ich‘s könnte, hätte ich schon lange Skulpturen geschlagen, wohl wahr.
Mühsam gewöhne ich mir das nun ab, Fandom. Immer richtig war schon: Kill Your Idols. Nur der Kunst folgen, nicht dem ephemeren Künstler. Und wissen, dass diese ganzen Systeme, die man als Sehnsucht nach Kurs und Stabilität erschafft, zwar ordnen, aber schlechtenfalls unterdrücken.
Und die Überzeugung, selbst kein Vorbild zu sein.