Kunst
Künstler Ulrich Diezmann macht KURT zur Galerie: Der Fotograf und Maler aus Berlin stellt ab. 12 Juni seine Werke aus
Malte Schönfeld Veröffentlicht am 07.06.2026
Am Ende des Studiums der Freien Kunst gewann Ulrich Diezmann den Rudolf-Wilke-Preis, auch Stadt Gifhorn und Landkreis Gifhorn kauften Werke.
Foto: Privat
Ulrich Diezmann ist Künstler, sein Hauptwerk besteht aus Malereien und Fotografien. Lange schon wohnt das 1959 in Gifhorn geborene Multitalent in Berlin, doch immer wieder führt ihn die Arbeit zurück in die Heimat. Mit „Federn, Vögel und ein bisschen Rot“ zeigt Ulrich Diezmann eine farbenfrohe Sammlung an Malereien – und das in der KURT-Redaktion im Steinweg 12. Diese Premiere wird mit einer Vernissage am 12. Juni gefeiert. Redaktionsleiter Malte Schönfeld spracht mit dem Künstler über seinen faszinierenden Werdegang.
Uli, wie erinnerst Du Dich an Deine Heimat Gifhorn?
Zuerst denke ich an den blauen Himmel über Gifhorn, dieser Blauton ist mir schon als Kind aufgefallen. Er ist nicht spektakulär, sondern eher sanft, aber dennoch prägend.
Ich bin erst auf die Alfred-Teves-Schule und dann auf die Bonhoeffer-Realschule gegangen. Letztere war ein profaner Backsteinbau, hatte aber einen ganz tollen Zeichensaal, der zu drei Seiten Fenster hatte. Leider gibt es den Saal so nicht mehr. Im Kunstunterricht fühlte ich mich frei und wurde gefördert. Das war eine positive Verstärkung, auch zu Hause durch meine Mutter – selbst als ich mal die Wände im Kinderzimmer bemalt habe. Mein Abitur habe ich in Wolfsburg-Kreuzheide gemacht. Diese Schule hatte einen Spirit, von dem ich heute noch profitiere.
Was ich in Gifhorn auch toll fand: die Coca-Cola-Fabrik. Man konnte von der Straße aus durch die Glasfassade sehen, wie die Flaschen abgefüllt wurden.
Die Jugend in den 70ern war geprägt von der sogenannten Generation Knuff. Das war eine Altbierkneipe neben der Spielhalle in der Michael-Clare-Straße – unser Treffpunkt. Dazu kam die Anti-AKW-Bewegung. Wir sind oft nach Gorleben gefahren.
Hattest Du damals schon das Interesse an Fotografie?
Ja, ich habe schon als Schüler fotografiert, also eher geknipst. Auf einer Klassenfahrt nach München habe ich sogar Muhammad Ali bei einem öffentlichen Boxtraining fotografiert. Drei Fotos, ritsch-ratsch, das ging schnell. Erst Jahrzehnte später habe ich die Aufnahmen als Eyecatcher in einer Ausstellung gezeigt.
An der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig hast Du ab 1981 Freie Kunst studiert. Was war das für eine Zeit damals?
Anfangs hatte ich Respekt vor jedem, der ein halbes Semester länger eingeschrieben war als ich. Das Schöne war: Man konnte machen, was man wollte. Also habe ich mich ausprobiert. Das Kunststudium war damals noch nicht so verschult. Für mich waren das fünf Jahre Party und endlose Diskussionen über alles, Gott und die Welt. Die 80er halt, die Punk- und New-Wave-Zeit.
Aber es war natürlich Provinz. Wenn es um zeitgenössische Kunst ging, spielte die Musik eher im Rheinland, in Köln und Düsseldorf, nicht im familiären Braunschweig.
„Studie Landkreis Gifhorn“, 1985, Tempera auf Papier, 95 × 80 cm.
Foto: Privat

Typisch für die Zeit waren Deine Zirkuswelten mit den Artisten.
Ja, die hatten eine positive, kraftvolle Ausstrahlung. Max Beckmann war damals ein Vorbild, ebenso Picasso. Gestische Malerei war angesagt, es wurde überall gemalt. In Braunschweig gab es dazu einen sehr guten Kurator im Kunstverein: Jürgen Schilling. Was er gezeigt hat, prägte viele. Leider ist er vor kurzem in Berlin verstorben.
Für die Zirkusserie erhielt ich den mit 8000 D-Mark dotierten Rudolf-Wilke-Preis. Das war eine Menge Geld.
Der Kunstverein Gifhorn fragte an – es war meine erste Einzelausstellung in der Gasse, neben der sich heute das Cappu befindet.
Stadt und Landkreis kauften meine Bilder; eines davon hängt bis heute im Gifhorner Rathaus.
Nach dem Zivildienst bist Du 1988 nach West-Berlin gezogen. Warum nicht nach Düsseldorf, wo doch die Musik spielte?
Ich hatte überhaupt keine Kontakte ins Rheinland, nach Berlin aber schon. Wir fuhren ja regelmäßig hin. Am Wochenende ging es über die Transitstrecke durch die DDR nach West-Berlin. Ich habe heute noch den alten, vollgestempelten Reisepass von damals.
Berlin war sehr übersichtlich. Wenn man neu in der Stadt war, wurde man noch mit Handschlag begrüßt.
Nach zehn Monaten fiel die Mauer und der Fokus richtete sich zunächst auf die Künstler aus dem Osten. Die haben natürlich alle im Widerstand gemalt. Die Nachwendezeit, die 90er, waren schon etwas Besonderes und leider auch schnell vorbei. Später habe ich dann selbst Ausstellungen initiiert, was gut funktionierte. Bis heute bin ich in dieser Hinsicht aktiv, auch über das eigene Atelier hinaus. Sich immer neu definieren und infrage stellen.
Und wie ging es damals weiter?
Die große Stadt war etwas Neues. Die Kunst und die Stimmung in Berlin damals haben mir einen Push gegeben. Die ersten zehn Jahre nach der Wiedervereinigung waren genial. Berlin gehörte den Berlinern. Ost und West trafen aufeinander. Als die Bundesregierung umzog, kamen irgendwann auch die Rheinländer nach Berlin.
Was hat Berlin aus Dir herausgeholt?
Für mich geht es in der Kunst um Energie. Und hier ist es auch das Licht, die Energiequelle. Das Berliner Licht und das kontinentale Klima
haben mich von Anfang an fasziniert. Das hat mir persönlich Impulse gegeben.
Hast Du ausschließlich Zeit im Atelier verbracht?
Nein. Ich habe auch regelmäßig an Theatern gearbeitet, gejobbt, auch für Film- und Fernsehproduktionen. Das ist in Berlin eine riesige Szene, die natürlich auch spannend ist.
Außerdem merkte ich, dass meine Fotos immer beliebter wurden. Die Serie „X/Berg – Day and Night“ über Kreuzberg war meine erste Einzelausstellung, die nur aus Fotografien bestand. Aus den Fotos wurden Postkarten.
Ein Motiv, auf dem Möwen über dem Landwehrkanal zu sehen sind, war besonders beliebt. Diese Karte wurde ständig geklaut.
Als im Winter 2024 Gifhorn vom Hochwasser überflutet wurde, hielt Ulrich Diezmann das in einer Fotoserie fest. Hier zu sehen: „Land unter 2“.
Foto: Privat

Deine Serie „Land unter“, die während des Hochwassers 2023/24 entstand, zeigt den Landkreis Gifhorn als ruhiges, menschenleeres Naturspektakel. Die Fotografien zeigen sich verändernde Landschaften, Lichtreflexionen, Wasserspiegelungen und bekannte Orte, die plötzlich nicht mehr da sind.
Als Fotograf waren diese Tage herrlich. Diese Motive flogen einem quasi zu. Für die betroffenen Landwirte war es dagegen sicherlich alles andere als herrlich. Mit einem Foto aus der Serie „Land unter“ wurde ich 2024 für den Kunstpreis Wesseling nominiert. Nach 2021 ist es das zweite Mal in Folge, was für mich mehr als ein Achtungserfolg ist.
Du bist außerdem Hobby-Ornithologe. Wie bereichert dieses Interesse Deine Kunst?
Ja, das stimmt, heute sagt man Birdwatcher. Ich beschäftige mich beispielsweise seit einiger Zeit mit dem Motiv der Feder. Federn sind in der Kunst und der Sprache präsent und dienen als Symbol. „Federführend“, „federleicht“, „Federn lassen“, Ikarus hat seine Federn verloren und ist abgestürzt. Sie sind ein wichtiger Teil unserer Zivilisation.
Was verbindet Deine Malerei mit Deinen Fotografien?
Die Landschaft, Naturformen und das Licht – wenn ich in Gifhorn bin, zieht es mich regelmäßig in Landschaftsräume, die ich seit meiner Kindheit kenne. Für Ornithologen ist es ein Hotspot: Kiebitze, Brachvögel, Rebhühner – wer sich auskennt, weiß den Wert zu schätzen.
Heide, Kiefern, das Moor. Das ergibt ein ganz bestimmtes Aroma. Wenn das in meinen Bildern und Fotos rüberkommt, ist mir etwas gelungen.
Uli, viele Deiner Kollegen sehen sich als politische Künstler.Wie positionierst Du Dich? Stören Dich politische Fragen in der Kunst, oder findest Du es gut, dass man sie dort anders verhandeln kann?
Das ist eine sehr wichtige Frage, die sich jeder Künstler, eigentlich jeder Mensch, stellen sollte. Der politische und gesellschaftliche Einfluss von Kunst wird allerdings oft überschätzt. Picasso hat „Guernica“ gemalt, aber wie der Spanische Bürgerkrieg ausgegangen ist, wissen wir.
Was wäre Dein Weg?
Das Schlechte der Welt kann man nicht wegmalen. Was aber immer geht: der Schönheit noch ein Pfund nachzulegen. So dass sie mehr Gewicht bekommt als das Böse, Schlechte und Hässliche.
Das Gute, das Positive, verdrängt das Negative. Und natürlich dranbleiben.
Wo zeigst Du Deine Arbeiten nach der KURT-Ausstellung?
Im Oktober stelle ich meine Malerei in der Villa Ichon in Bremen aus. Das ist eine Stiftung für kulturelle Friedensarbeit. Für 2027 ist außerdem die Teilnahme an einer Gruppenausstellung im Albert-König-Museum in Unterlüß vorgesehen. Darauf freue ich mich schon sehr. Nun ist aber erst mal KURT an der Reihe.
„Bussard-Rot“, 2024, Gouache auf Papier, 60 × 42 cm.
Foto: Privat
„PinGiIn“, 2025, Öl auf Leinwand, 70 × 70 cm.
Foto: Privat
„Spring Frosch“, 2008, Öl und Spraylack auf Holz, 36 × 30 cm.
Foto: Privat
„Feder III“, 2024, Öl auf Leinwand, 30 × 24 cm.
Foto: Privat
Ausstellung: „Federn, Vögel und ein bisschen Rot“
ulrich-diezmann.de
kurt-gifhorn.de
Vernissage:
Freitag, 12. Juni, 18 Uhr
Ausstellung bis 31. August:
Mo. – Fr. 9 bis 15 Uhr
KURT-Atelier
Steinweg 12, Gifhorn
Eintritt frei