Musik

42 Jahre nach der Gründung planen sie ihr Comeback - In Leiferde fand die Waverock-Band Clockwork Orange zusammen

Matthias Bosenick Veröffentlicht am 10.06.2022
42 Jahre nach der Gründung planen sie ihr Comeback - In Leiferde fand die Waverock-Band Clockwork Orange zusammen

An so einem Bild erkennt man, wie die Zeit verfliegt: Clockwork Orange gründeten sich 1980 unter dem Namen Nordlicht und in etwas abgespeckterer Besetzung in Leiferde.

Foto: Clockwork Orange

Die Zeit der Pause dauerte fünfmal so lang wie die aktive Zeit als Band: Satte 35 Jahre nach der Trennung fanden die fünf Musiker von Clockwork Orange wieder zusammen, um den Faden aufzugreifen, den sie 1987 verloren hatten. Gegründet 1980 in Leiferde als Nordlicht, stand der Name der Waverock-Band nach einigen weiteren Umbenennungen ab 1983 fest – und fand jetzt seine Reaktivierung. In ihrem Wolfenbütteler Proberaum erinnern sich Sänger Daniel Pieper, Keyboarder und Sänger Morten Schröder, Gitarrist Christoph Thiem, Bassist Hardy „Crueger“ Krüger und Schlagzeuger Niko Papendorf an die wilden Zeiten mit Rockerpartys, Gigs in England, LP-Aufnahmen und ihrem verstorbenen Saxophonisten Dietmar Lüdder – und schmieden den Plan, ihre alten Songs neu einzuspielen.

Die fünf Musiker sitzen und stehen kreisrund im Foyer ihres Proberaums und rufen sich ihre Erinnerungen an die Achtziger neu ins Gedächtnis, Morten hilft mit auf seinem Smartphone gespeicherten Fotos, Plakaten und Zeitungsartikeln nach. Sie spielen sich gegenseitig Bälle zu, aus denen sie nach und nach runde Geschichten formen. Diese fruchtbar chaotische Erzählstruktur fördert beim noch uneingeweihten Zuhörer dann das Staunen. Ein Beispiel: Die Information über die Schlägerei auf einer Rockerparty schleicht sich über Seitenwege einer anderen Geschichte an. Los geht diese nämlich damit, dass Daniel davon berichtet, wie die Band erstmals einen Bass bekommt:

Daniel: Das war ein Freund von uns, der hat uns einen Bass gekauft, der war auch auf der IGS in Braunschweig, ein SG-Kopie-Bass. Der hat aber nicht gesagt, wie man den stimmt. Wir haben uns gefreut, endlich ein Bass – wir hatten nur zwei Gitarren, ein Casio als Schlagzeug und einen Vox-AC30-Amp. Jetzt hatten wir den Bass, und ich hab ihn gestimmt, als wenn das die vier hohen Saiten auf der Gitarre sind, das war auch cool. Frieder kam rum, ‚Was hast du denn da mit dem Bass gemacht?‘, und hat ihn richtig gestimmt.

Niko: Frieder und Paul hatten Connections und riefen uns an, „Wir brauchen eine Band“ – das war für die Rockerparty.

Christoph: Passende Musik für Rocker!

Hardy: Aber die fanden uns gut, hatten sie zumindest behauptet.

Daniel: Nein, das war gut, die müssen Geschmack lernen (lacht)! Es geht los, es gibt 1000 Liter Bier, es regnet.

Christoph: Wir haben auf einer Lkw-Bühne gespielt.

Hardy: Nee, das war eine richtige Bühne, da sind wir rauf, das erste Set, die waren superbesoffen, die haben das hingenommen.

Morten: Die waren dankbar!

Niko: Untereinander waren sie nicht so dankbar.

Hardy: Wir haben auf der Bühne bei den Instrumenten gepennt.

Morten: Davon habe ich nicht viel mitgekriegt, dass da einer zusammengeschlagen wurde und dass sie den neben uns auf die Bühne geschmissen haben.

Daniel: Die riefen „Lauter! Habt ihr auch was Eigenes?“ Wir haben nur Eigenes gespielt (alle lachen).

Christoph: Die haben sich gebügelt, ein Krankenwagen kam, einer hatte das Nasenbein gebrochen.

Hardy: Das war in einer Kieskuhle, ich glaube, bei Timmerlah, da war auch ein kleiner Teich drin, da haben sie sich gebügelt.

Morten: Es war so feucht, dass ich ständig beim Keyboard nachstimmen musste.

Christoph: Das war ganz schön schräg!

In der Tat. Auf diese gutgelaunte Weise bauen die Musiker chronologisch virtuos ihre Bandgeschichte zusammen. Die beginnt 1980. „Die ursprüngliche Besetzung in Gifhorn hatte weniger und andere Leute – Daniel, Morten und ich und ein paar andere“, beginnt Christoph. Der Bandname lautete damals noch Nordlicht, die Band ging aus der Naturfreundejugend in Leiferde hervor. Ihr erster Song hieß „PVC“. Es folgten erste Proben bei Morten im Keller und im Schafstall bei Daniel, noch ohne Schlagzeuger, dafür mit „Dr. Rhythm“, so Christoph, also einem Drumcomputer. „Wir haben wirklich bei Null angefangen“, betont Niko, „vorher haben wir keine Musik gemacht.“ Christoph lenkt ein: „Akkordeon, Melodica“, Morten erhöht: „Flöte.“

Danach hieß die Gruppe Po-8, „mit Ecki und Beutel aus Gifhorn“, so Christoph, der den Bandnamen wie alle „Po-Acht“ ausspricht, obwohl es sich um ein englisches Wortspiel handelt und als „Po-Eight“ das Wort „Poet“ ergibt. Morten scrollt auf dem Smartphone: „1983 live in Meine, Anarchy For Germany – ich hab die Lieder noch!“ Den Sound beschreibt Christoph als „politisch angehauchter Schlechte-Deutsche-Welle-Punk“. Dann stieß Niko als Schlagzeuger dazu.

Morten scrollt weiter: „Dann hießen wir auf einmal 1983 Quiet Men.“ Niko nickt: „Wir haben uns einige Male getroffen, gleich neue Songs gemacht – und gewusst, jau, das wird was.“ Aufnahmen von Quiet Men gibt es keine, sagt Morten und lacht: „Wir waren im Prinzip vor der Neuen Deutschen Welle, und als alle dann deutsch gesungen haben, haben wir gesagt: Jetzt singen wir englisch.“ Das war der Zeitpunkt, an dem Hardy als Bassist die Band erweiterte – und sich die Umbenennung in Clockwork Orange vollzog. „Irgendwie fanden wir Quiet Men dann doch nicht so“, sagt Niko schulterzuckend.

Der Name orientiert sich an dem Film „Uhrwerk Orange“, der im Original wie der Roman allerdings „A Clockwork Orange“ heißt. Der erste wichtige Auftritt fand 1984 im Bürgerschützensaal in Gifhorn statt, bei einem Wettbewerb. Christoph schwärmt: „Der Bürgerschützensaal war ein Highlight!“ Konzerte gaben Clockwork Orange laut Morten über 50, auf den Dörfern im Südkreis, Meine, Hillerse, auch mal im Norden in Hankensbüttel in der Jugendherberge, noch als Po-8 jedoch.

Als die Neue Deutsche Welle anfing, auf Deutsch zu singen, wechselten Clockwork Orange damals punkig ins Englische.

Foto: Clockwork Orange

Sie spielten im Pavillon in Hannover. Morten: „Deutsche Songs über Atomkraft und Schulstress“, in Wolfsburg in einer Schulaula, im Leukoplast in Braunschweig oder auf dem Trotzkopf-Osterkonzert im Bürgerschützensaal. Beeinflusst von Bands wie Talking Heads, Simple Minds oder Ultravox, und Hardy weiß: „Im Programm waren auch nachgespielte Sachen, mal eins von Billy Bragg, mal von Fischer-Z.“ Niko staunt: „Was ich alles vergessen hab!“

Nicht vergessen hat Niko den Auftritt in Bath 1985, von dem Christoph sagt: „Das war das Coolste überhaupt, in England im Pub!“ Clockwork Orange hefteten sich für die Reise an eine Theatergruppe, „wir sind schwarz mitgefahren“, so Niko. Und zwar alle, auch Hardy, der dafür eine Woche das Kolleg schwänzte und hinterher als Ausrede angab, er habe dort sein schlechtes Englisch verbessern wollen, aber zu hören bekam: „Nee, das zieht nicht!“ und eine Verwarnung kassierte. Die Musiker zogen in England von Pub zu Pub und fragten, ob sie spielen dürften. Einer sagte zu, „Head And Feathers“, weiß Niko, „das war ein kleiner Laden“, da kamen mit dem Hut 80 Pfund zusammen, erinnert sich Daniel, „das war viel Geld“.

Einen wichtigen Auftritt hatten Clockwork Orange 1986 in der Diskothek Atlantis in Braunschweig, „das war richtig cool, mit Lasershow“, so Morten, „und unsere höchste Gage haben wir da kassiert“. Anlass war der Sampler „Pick Up!“, für den die Band zwei Lieder aufgenommen hatte. Mit ihnen waren weitere Bands des Samplers auf der Bühne.

Die Aufnahmen zur LP fanden im Tonstudio Whitelines statt, bei Leuten, die ursprünglich eine Band betrieben, dann ein Label gründeten. „Die haben die ganzen renommierten Punkbands produziert, wie die Dödelhaie“, sagt Christoph, und weiß: „Immer noch, die haben sie letztens wieder im Studio gehabt.“

42 Jahre nach der Gründung der Waverock-Band Nordlicht – später erfolgte dann die Umbenennung in Clockwork Orange – planen die Bandmitglieder einen Restart inklusive Neuaufnahmen und Live-Auftritten.

Foto: Clockwork Orange

Die Initiatoren hatten Clockwork Orange im Bürgerschützensaal gesehen und ihnen für den Sampler zwei eigene Stücke aufs Auge gedrückt, die sich an den „Kleinen Hobbit“ von J.R.R. Tolkien anlehnten: „Die hätten wir nie veröffentlichen dürfen“, winkt Daniel ab. Morten zuckt mit den Schultern: „Wir brauchten einen Text!“ Christoph betont: „Zu der Zeit war das etwas Besonderes, auf einem Sampler zu sein“, und Daniel setzt nach: „Auf einer LP zu sein – ich hab sie noch zu Hause!“

Die LP „Pick Up!“ wanderte bei Konzerten von Clockwork Orange oft über den Merchtisch. Ebenso die Tapes der Band: „Wir hatten auch Aufnahmen im Übungsraum gemacht“, sagt Hardy. Daraus entstand die Kassette „The Escape“, berichtet Niko: „Wir haben Verkaufsstände gemacht aus Pappe und schwarzem Samt und bei Mewes und Salzmann drapiert.“ Hardy weiß: „Dann haben wir noch eine Kassette mit vier Stücken gemacht.“ Das bestätigt Morten und nennt den Titel: „Just To Keep In Touch“. Daniel bedauert: „Die hab ich leider nicht mehr.“

Im Braunschweiger FBZ gewannen Clockwork Orange 1985 sogar einen Rockwettbewerb, ausgelobt von Einrichtungsleiter Peter Vaihinger. Dem unterbreitete Hardy 1987 die Idee, eine „Winners Night“ auszurichten, mit den beiden anderen Bands, die nach Clockwork Orange gewonnen hatten, nämlich die Northern Boys und G-Point. „Das war‘n guter Abend“, findet Daniel, und Christoph, der noch druckfrische Plakate von dem Ereignis zu Hause hat, meint, „dass es witzig wäre, das 1:1 zu wiederholen – das Konzert, das 35 Jahre vorbei ist“. Das war dann auch der letzte Auftritt von Clockwork Orange, sagt Niko, und Morten nennt das Datum: „26. April – das war ganz traurig, ich hab einen Ausbildungsplatz in München bekommen.“

Das war also das Aus für Clockwork Orange. „1987 kam dann das Zerfleddern in alle Winde und dann haben wir lange nix voneinander gehört“, sagt Niko. Bis es zu einem Schicksalsschlag kam: Zur Band gehörte nämlich zwischenzeitig auch ein Saxophonist, Dietmar Lüdder, der vor den Aufnahmen für die Tapes zur Band stieß. „Das war Klasse mit Saxophon“, strahlt Hardy, und Morten bestätigt: „Vor allem, weil der ein Profi war.“ Dieser Dietmar jedoch starb vor zehn Jahren. Morten schickte die Nachricht von Dietmars Tod an seine früheren Bandkollegen. Ein trauriger Anlass, der die Musiker wieder zusammenbrachte, so Christoph: „Wir haben uns getroffen und einen Abend im Magniviertel verbracht, bei …“ Morten weiß es: „Beim Inder.“

Von Gifhorn über Braunschweig bis nach Bath in England: Clockwork Orange spielten überall – auch wenn sie dafür bis auf die Insel Zug fahren mussten.

Foto: Clockwork Orange

Den jetzigen Neustart löste das indes noch nicht aus, der ereignete sich erst kurz vor der Pandemie. Mit der für alle überwältigenden Erkenntnis: „Wir haben festgestellt, dass es war, als wenn nichts wär“, sagt Morten. Christoph findet: „Als wäre die letzte Probe vier Wochen her.“ Die Band nahm den Faden in ihrem von Christoph angemieteten Wolfenbütteler Proberaum mit genau dem auf, mit dem sie ihn 1987 verloren hatte, nämlich den Songs von dem Tape „Just To Keep In Touch“, die sie als erstes wieder spielten, als wäre der Name Programm. „Es ist ein Highlight, die Lieder zu kennen“, schwärmt Daniel. „Das ist schön, irgendwie musste es weitergehen.“ Allerdings nur bis zur nächsten ungewollten Unterbrechung, die Morten anführt: „Und dann kam Corona“, und damit weitere zwei Jahre Pause.

Aber heute strotzt die Band nur so vor Euphorie. „Jetzt treffen wir uns regelmäßig“, freut sich Daniel. Und Ideen schwirren nur so herum: „Wir kompensieren unsere Setlist mit Coverstücken, dass es sich nicht so totdudelt“, erläutert Daniel. Christoph verrät: „Wir haben das Ziel, die alten Stücke neu aufzunehmen und auf die Bühne zurückzukehren.“ Daniel stimmt zu: „Ich habe mir die alten Sachen neu angehört, die fand ich ziemlich cool, schon als Demo, und die Sachen nochmal so richtig aufnehmen, das würde ich gern machen.“ Und einen zu planenden Gig nicht aus den Augen verlieren. „Wir haben jetzt ein bisschen aufgeholt, ich hoffe, dass wir dranbleiben“, sagt Daniel und spricht davon, die Neueinspielungen auch als Stream auf Spotify zu veröffentlichen.

Niko berichtet, dass die Band in Erwägung gezogen hatte, die alten Songs neu zu interpretieren, aber: „Das geht nicht, das sind alles unsere Babys, die Songs, die kann man nicht interpretieren, die werden nur schlechter.“ Daniel grinst: „Ich sag mal so: 2027 müsste es spätestens werden.“ Realistisch sieht er für die nahe Zukunft eine Aufnahmesession. Angesichts der modernen Technologie eine leichte Sache: „Hätten wir das damals gehabt, hätten wir jede Woche ein Tape rausgehauen!“