Prostitution

Wo sind die Sex-Mobile geblieben? Das Schicksal der Prostituierten in Corona-Zeiten beschäftigt die Gifhorner

Sophie Isabell Bremer Veröffentlicht am 16.05.2020
Wo sind die Sex-Mobile geblieben? Das Schicksal der Prostituierten in  Corona-Zeiten beschäftigt die Gifhorner

Einst standen die Sex-Mobile an den Bundesstraßen im Landkreis Gifhorn – dann zogen sie an die Kreisstraßen. Seit den neuen Corona-Regelungen sind sie komplett von Gifhorns Straßen verschwunden.

Foto: Çağla Canıdar (Archiv)

Aufgrund der Corona-Pandemie ist die Prostitution in ganz Deutschland vorerst verboten und die Frauen im Landkreis Gifhorn mussten ihre Beschäftigung in den Sex-Mobilen aufgeben. Was passiert nun mit den Frauen, die in der Regel aus armen Verhältnissen in osteuropäischen oder afrikanischen Ländern stammen? Werden sie von unserem System aufgefangen oder hängengelassen? KURT sprach mit Gabriele Pöllet von der Sozialdiakonischen Straßenarbeit in Gifhorn und Frank Bauerfeld von der Polizeiinspektion Gifhorn über die aktuelle Situation in unserem Landkreis.

„Es war fast schon eine Nacht-und-Nebel-Aktion“, erinnert sich Gabriele Pöllet von der Sozialdiakonischen Straßenarbeit in Gifhorn (SoDiStra). „Innerhalb von wenigen Tagen nach der Bekanntgabe, dass Prostitution nun illegal ist, sind die Sex-Mobile von den Straßenrändern unseres Landkreises verschwunden. Das ist jetzt mehrere Wochen her.“

Auch Kriminalhauptkommissar Frank Bauerfeld von der Polizeiinspektion Gifhorn beobachtet, dass von den Prostituierten fast jede Spur fehlt. „Es gab in den letzten Wochen mal hier und da einen Hinweis, dass sich im illegalen Bereich etwas tun würde.“ Da sei „aber quasi nichts“ dran gewesen – „und daraus haben sich auch keine Verfahren entwickelt“, berichtet der Polizist.

Gabriele Pöllet und weitere Sozialarbeiterinnen besuchten die Prostituierten im Landkreis Gifhorn vor der Corona-Pandemie regelmäßig. Jetzt wissen sie nicht einmal, wo die Frauen geblieben sind. „Uns verabschieden konnten wir nicht“, bedauert die Sozialarbeiterin. „Die Frauen haben zwar unsere Telefonnummern“, aber gemeldet habe sich bis KURTs Redaktionsschluss noch keine von ihnen. „Lediglich zu einer Afrikanerin konnten wir Kontakt aufnehmen, die noch in Gifhorn ist.“

Und die anderen? „Leider können wir nur spekulieren“, so Gabriele Pöllet. „Womöglich sind viele Osteuropäerinnen zurück in ihre Herkunftsländer gereist, bevor die Grenzen geschlossen wurden“, überlegt sie. „Aber auch dort werden sie nur schlecht Rückhalt finden – die Frauen haben ja hier als Prostituierte gearbeitet, um Geld in die Heimat zu schicken.“

Frank Bauerfeld kennt die schwierige Lage der Prostituierten im Landkreis Gifhorn: „Neben ihren Mieten für Wohnwagen und Unterkunft und dem täglichen Lebensmittelbedarf bleibt den Prostituierten kein Geld“, so der Beamte. „Und daran wird sich auch nie was ändern...“ Er ist stellvertretender Leiter des Fachkommissariats 1 bei der Gifhorner Polizeiinspektion. Die Frauen und Männer sind zuständig für Kapitalverbrechen aller Art wie Mord und Totschlag, Raub und Menschenhandel, Brandstiftung, Sexualdelikte und mehr. Auch das Rotlichtmilieu fällt in die Zuständigkeit des FK 1.

„Wir machen uns viele Gedanken um die Prostituierten. Denn egal wo die Frauen jetzt sind – sie sind auf jeden Fall mittellos.“
Gabriele Pöllet engagiert sich bei der Sozialdiakonischen Straßenarbeit (SoDiStra) in Gifhorn

Foto: Çağla Canıdar

„Egal wo die Frauen jetzt sind, sie sind auf jeden Fall mittellos“, mutmaßt Gabriele Pöllet. „Vor der Corona-Krise haben sie oft über ihre prekäre finanzielle Lage geklagt. Früher standen ihre Wohnwagen an stark frequentierten Straßen wie der B 188 oder B 4. Seitdem sie umgezogen sind und nun an Kreisstraßen stehen müssen, machen sie kein gutes Geschäft mehr.“ Außerdem hätten die Vermieter die anfallenden Mietzahlungen für die Sex-Mobile angehoben, da sie darin neue Hygienevorschriften umsetzen mussten.

Trotz allem gibt es aufgrund der Corona-Pandemie finanzielle Hilfen für Selbständige in Deutschland. Kommen diese den Gifhorner Prostituierten denn nicht zugute? „Ich denke, dass viele von ihnen nicht darüber Bescheid wissen oder generell keinen Anspruch haben“, überlegt Gabriele Pöllet. „Viele sind vom Vermieter des Sex-Mobils so stark abhängig, dass sie mit dem Verlust der Tätigkeit wahrscheinlich auch ihre Unterkunft verloren haben.“

Momentan versuchen die Mitarbeiterinnen von SoDiStra zu bulgarischen Hilfsorganisationen für Prostituierte Kontakt aufzunehmen. „Wir können uns vorstellen, dass dort momentan viel los ist“, so Gabriele Pöllet. Auch eine Kooperation mit den ausländischen Hilfsorganisationen sei geplant, um Wege zu finden, den Frauen dort von Gifhorn aus zu helfen.

Ein Blick über den Tellerrand vom Landkreis Gifhon bringt womöglich Antworten auf die Frage danach, wie es den Prostituierten in der Corona-Krise ergeht. In der Bruchstraße in Braunschweig – eine Vielzahl von Prostituierten empfängt dort standardmäßig ihre Kunden in kleinen Studios – saßen Anfang Mai 13 ausländische Prostituierte fest, und das bereits seit mehreren Wochen, wie die Braunschweiger Zeitung berichtete. Von der Corona-Krise vollends überrascht, haben es die Bulgarinnen, Rumäninnen und Jamaikanerinnen demnach nicht rechtzeitig geschafft, vor den Grenzschließungen in ihre Heimatländer zurückzukehren. Da sie rechtlich als Selbständige gelten, könnten sie zwar theoretisch finanzielle Hilfen beziehen – aber dieses Unterfangen werde durch Hürden wie ein gebrochenes Deutsch, ein nicht existentes Girokonto oder einfache Unwissenheit erschwert. Zumindest ihre Studio-Vermieter reagierten laut „NDR 1 Niedersachsen“ human und ließen die mittellosen Frauen in ihrer Unterkunft wohnen.

Auch rund um das Hannoveraner Rotlichtmilieu am Steintor ist, ähnlich wie in der Braunschweiger Bruchstraße, derzeit tote Hose – laut der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung seien die Bordellbetriebe dort geschlossen; Polizeibeamte fordern Prostituierte übers Telefon dazu auf, etwaige Sex-Annoncen aus dem Internet zu nehmen.

Auf der Hamburger Reeperbahn sieht die Lage schwierig aus. Wie die Hamburger Morgenpost Anfang Mai berichtete, seien die Prostituierten dort aufgrund ihrer finanziellen Situation „gezwungen, anschaffen zu gehen – oder werden sogar von Zuhältern gezwungen“. Weiter heißt es, die meisten Frauen könnten keine Soforthilfen vom Staat bekommen, da sie keine Steuererklärungen abgäben und ihnen so ein Einkommensnachweis fehle.

Die Prostitution werde abseits der Reeperbahn im Illegalen weitergeführt – die Frauen verabreden sich mit Freiern über das Internet und per Telefon. Andere wiederum sollen laut der Morgenpost von ihren Zuhältern „durch die Stadt kutschiert“ werden, um mit Freiern in deren Privatwohnungen Sex zu haben.