Krieg & Frieden

Unsere Partnerstadt Korssun plant, eine Straße nach Gifhorn zu benennen

Svitlana Peretz Veröffentlicht am 28.06.2022
Unsere Partnerstadt Korssun plant, eine Straße nach Gifhorn zu benennen

Korssuner Männer demontieren die Gedenktafeln mit den Namen sowjetischer Militärangehöriger des Zweiten Weltkriegs auf der Allee der Helden. Sie sollen später in Museen ausgestellt werden.

Foto: Autorin

Die Ukraine befindet sich seit mehr als 100 Tagen im Selbstverteidigungsmodus gegen die Invasoren des russischen Militärs. In Korssun-Schwetschenkiwskyj, Gifhorns Partnerstadt, werden nun die ersten Gedenktafeln abmontiert und Straßen unbenannt, die mit Russland und der früheren Sowjetunion in Verbindung stehen. Stattdessen soll es bald sogar eine Gifhorn-Straße geben. Davon berichtet Svitlana Peretz, Chefredakteurin der Korssuner Tageszeitung „Nadrossia“, in einem Gastbeitrag für KURT – übersetzt von Valentyna Dovhopola, Vorsitzende des Partnerschaftsvereins.

Heute haben ukrainische Kinder eine neue Bezeichnung: Kinder des Krieges. Bis zum 24. Februar 2022 hatten in der Ukraine nur ihre Urgroßeltern diesen Status, die den Zweiten Weltkrieg erlebt hatten und wie der Rest des ukrainischen Volkes der Meinung waren, dass das Wort „Krieg“ ein Relikt der Vergangenheit sei. Und jetzt bauen die Kinder von Korssun spielerisch „Straßensperren“, amüsieren sich mit Spielzeugpistolen und spüren den „Feind“ auf. Kurzum, sie spielen „Krieg“, wie es ihre Urgroßeltern vor sieben Jahrzehnten taten. Die Kinder von Korssun wissen jetzt, dass der Krieg nichts gibt, sondern nimmt. In diesem Jahr hat der Krieg viele ihrer Feste gestrichen, darunter die Feier der letzten Glocke, die am 31. Mai in fünf Bildungseinrichtungen der Gemeinde Korssun-Schewtschenkiwskyj stattfinden sollte. In allen Jahren haben sich die Schülerinnen und Schüler ungeduldig auf diese Ferien gefreut, und wenn sie da waren, dann mit Erholung und vielen Unterhaltungsangeboten.

Die Absolventen, die die Schwelle von der Kindheit zum Erwachsensein überschritten haben, haben sich in besonderer Weise darauf vorbereitet. Die feierliche Zeremonie, die Kostüme, die Auszeichnungen, der Schulwalzer zum Abschied, die Musik, der Spaß mit den Klassenkameraden – all das wird es im Leben der heutigen 130 Absolventen der Korssun-Schulen nie geben.
All dies wurde ihnen durch den Krieg geraubt, den Russland – früher ein freundliches, brüderliches Nachbarland – gegen das ukrainische Volk führt. Wer ist ein echter Freund und wer ist ein echter Feind? Das ist die Lektion des Krieges, die die ukrainischen Kinder jetzt perfekt gelernt haben.

Unsere Partnerstadt Korssun befreit sich derzeit von Ortsnamen und Beschreibungen, die einen sowjetischen Namen tragen.

Foto: Autorin

Und nicht nur Kinder. Auch die Erwachsenen überdenken inzwischen frühere Dogmen. Erst jetzt, vor dem Hintergrund des Krieges mit der einmarschierenden russischen Armee, wurde uns vollends bewusst, dass der Raschismus nicht nur mit Waffen, sondern auch mit seinem kulturellen und ideologischen Erbe in unsere Gesellschaft eingedrungen ist. Und diese kulturelle Invasion fand viel früher statt, als russische Raketen über unsere Köpfe hinwegpfiffen, als die Mauern der Häuser ukrainischer Zivilisten fielen, als Flüsse vom Blut gefolterter und erschossener ukrainischer Bürger flossen. Der Krieg war der Katalysator, der die Ukrainer dazu veranlasste, die Verherrlichung russischer Persönlichkeiten und jede Erwähnung der kolonialen sowjetischen Vergangenheit der Ukraine vollständig aufzugeben.

Die dem Exekutivkomitee des Stadtrats von Korssun-Schewtschenkiwskyj unterstellte Toponymie-Kommission hat auf der Grundlage der Empfehlungen von Historikern eine Liste von Denkmälern (Denkmäler, Gedenkobjekte, Tafeln) zusammengestellt, die mit der Russischen Föderation und dem kolonialen Erbe auf dem Gebiet der Gemeinde Korssun in Verbindung stehen. Der Exekutivausschuss des Stadtrats hat die entsprechenden Beschlüsse über die Beseitigung von Objekten gefasst, die mit dem Aggressorstaat in Verbindung stehen oder ihn verherrlichen. Nach diesen Beschlüssen hat die Gemeinde Korssun-Schewtschenkiwskyj heute bereits die sowjetischen Ruhmesorden auf Stelen abgebaut, die am Ortseingang und Ausgang von Korssun aufgestellt waren.

Svitlana Peretz, Chefredakteurin der Korssuner Tageszeitung „Nadrossia“.

Foto: Autorin

Ebenfalls Ende Mai wurden die Gedenktafeln mit den Namen sowjetischer Militärangehöriger des Zweiten Weltkriegs auf der Allee der Helden neben der Nähfabrik abgebaut. Die Motivation für diese Entscheidung war objektiv: Die Namen auf der Allee gehören größtenteils zu sowjetischen Helden, die hier weder gelebt noch gekämpft haben. Sie verherrlichen weder eine Leistung der Korssuner noch den Beitrag der Ukrainer zum Sieg im Zweiten Weltkrieg. Ihr globaler Auftrag ist die Aufwertung der russisch-sowjetischen Militärgeschichte. Die Korssuner planen für die Zukunft, auf dem Gelände Gedenktafeln zu Ehren der Einwohner von Korssun – Helden der Himmlischen Hundert und des russisch-ukrainischen Krieges – zu errichten. Die demontierten Tafeln werden wahrscheinlich in Museen ausgestellt.

Auch die Namen russischer Persönlichkeiten verschwinden aus den Korssuner Ortsbeschreibungen. In den Straßennamen der ukrainischen Siedlungen waren lange Zeit russische Persönlichkeiten aus verschiedenen Bereichen vertreten. Puschkin, Michurin, Lermontow, Nekrasov haben zwar nicht mit der Waffe in der Hand auf das ukrainische Volk gezielt, aber sie haben die russische Mentalität in gewissem Maße auf unser Land gelenkt. Diese Mentalität, die nun offen die Notwendigkeit erklärt, „die Ukrainer für immer zu vernichten und ihre Städte vom Angesicht der Erde zu tilgen“.

Der 24. Februar 2022 war die Grenze, jenseits derer die ukrainische Gesellschaft begann, sich von der rassistischen Ideologie und folglich den aufgezwungenen ausländischen Heldentaten als deren Bestandteil zu reinigen. Jetzt hat die Gemeinde Korssun-Schewtschenkiwskyj einen Prozess zur Umbenennung der Straßennamen eingeleitet, die in irgendeiner Form mit Russland in Verbindung stehen, und ihnen neue Namen gegeben, die auf unserer Geschichte und unseren Heldentaten basieren. Die Vorschläge aus der Öffentlichkeit wurden bereits gesammelt und diskutiert.

Infolgedessen verschwand der russische Befehlshaber Suworow als Erster von der Korssuner Karte. An seiner Stelle wurde die Straße nach einem gefallenen Landsmann, dem Verteidiger der Ukraine Sergej Gondjuk, benannt. Der Beschluss wurde bei der Sitzung des Stadtrats am 23. Mai einstimmig getroffen.

Die Haltung der Einwohner von Korssun zu diesem Anlass war ebenfalls eindeutig: Die Stadtstraße soll unbedingt den Namen des Helden tragen, und wir werden stolz darauf sein. Jetzt gibt es eine öffentliche Diskussion über die Umbenennung einer anderen Straße – der Gagarin-Straße – nach dem als Soldat gefallenen Korssuner Oleksandr Vedilin.

Insgesamt umfasst die Liste der Straßen in Korssun-Schewtschenkiwskyj, die umbenannt werden sollen und mit dem Aggressorstaat oder der Geschichte des Russischen Reiches und der UdSSR in Verbindung gebracht werden, 43 Straßen und Gassen. Und die künftigen Namen von zwei von ihnen stehen bereits fest: Es handelt sich um die Straßen Gifhorn und Chojnice, die nach zwei unserer Partnerstädten in Deutschland und Polen benannt werden sollen. Denn wer unsere wahren Freunde sind, davon sind wir nun endgültig überzeugt.