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Und trotzdem ist Wittingen mein Zuhause - Der Musiker Cosmo Thunder arbeitet sich auch heute noch an seiner Heimatstadt ab

Matthias Bosenick Veröffentlicht am 20.12.2021
Und trotzdem ist Wittingen mein Zuhause - Der Musiker Cosmo Thunder arbeitet sich auch heute noch an seiner Heimatstadt ab

Weihnachten und Punk? Schwierig, diese Themen unter eine Mütze zu bekommen. Für Cosmo Thunder aber kein Problem, schließlich wagt er auch musikalisch einiges.

Foto: Cosmo Thunder

Du kriegst den Jungen aus Wittingen, aber Wittingen nicht aus dem Jungen: In seiner Heimatstadt bekam Dominik Wagenführ die wichtigen Impulse dafür, Musiker zu werden. Doch erst, als er die 12.000 Einwohner große Heidestadt verließ, ging es für ihn so richtig los. Aktuell veröffentlicht er sämtliche Songs seines Akustik-Emo-Punk-Alias Cosmo Thunder auf vier EPs verteilt neu, die zweite EP „Leben.Lieben.Leiden“ ist derzeit in Arbeit. Mit seiner Punkband .NIRU brachte er außerdem die Single „Blei“ heraus. Ohne den Wechsel in die Großstadt wäre er nicht so aufgeblüht, sagt Dominik – doch ihm ist klar: „Ohne Wittingen wäre das alles nie passiert.“ Und Weihnachten verbringt er auch wieder dort – vielleicht.

18 Songs hatte Dominik in der Schublade mit der Aufschrift „Cosmo Thunder“, als er den 27. Geburtstag beging, zwei kamen später dazu, und weil er nicht zum „Club 27“ gehören wollte, also dem imaginären Club, dem Rockstars angehören, die in dem Alter gestorben sind, fasste er den Plan, diese Songs bis zu seinem 28. Geburtstag neu einzuspielen.

Inzwischen ist er 29 und lacht: „Ich hab mir viel Zeit gelassen.“ Außerdem verhinderten Lockdowns ein kontinuierliches Arbeiten an den Aufnahmen. Für Dominik ist das eine schwer auszuhaltende Situation: „Normalerweise muss bei mir alles sofort sein. Ich habe eine Idee – und fertig in der Hand.“ Immerhin die 20 Demos nahm er noch mit 27 Jahren auf: Der Plan ging auf.

Und mit „Das Wasser bis zum Hals“ liegt die erste EP ja auch schon vor, bei Timur Nilitas in den Kairos-Studios aufgenommen und beim Kölner Do-it-yourself-Label Intersphere Records erschienen, erst als Tape und später als Stream. „Eigentlich wollte ich schon längst alle fertig haben“, winkt Dominik lachend ab. Immerhin laufen die Arbeiten für den Nachfolger „Leben.Lieben.Leiden“ bereits, doch wie es mit den nächsten beiden weitergeht, ist noch offen.

Er schreibt zwar schon wieder neue Songs, doch konzentriert er sich bei den vier EPs voll auf die Lieder, die in den zurückliegenden Jahren entstanden. Den Namen Cosmo erhielt er von einer Freundin, bei Johnny Thunders von den New York Dolls entlieh er sich den um ein „S“ reduzierten Nachnamen. Cosmo nannte man ihn fortan in der Landjugend, Cosmo nannte er sich zunächst bei Facebook, heute bemerkt er oft: „Viele kennen mich gar nicht unter Dominik.“ Und unter Cosmo Thunder sang er beim Wittinger Sommerfest seine ersten drei selbstgeschriebenen Lieder – vor sechs Jahren war das.

Cosmo Thunder ist längst Großstädter geworden. Doch seine Heimat Wittingen kriegt man aus ihm nicht raus.

Foto: Andreas Rodemann

Aber davor spielte Dominik bereits Gitarre in diversen Bands, „mit Julian Espe von Last Instance, mit Darius Pesel von der Ramones Experience“, zählt er auf. Eigentlich hatte er ja Schlagzeuger werden wollen, doch da sein Vater in der Produktion arbeitete und zu Hause nicht auch noch Lust auf monotone Geräusche hatte, schenkte er seinem Filius eine Akustikgitarre. Im Musikschulunterricht stieg er auf die Elektrische um und fand dort außerdem mit Maximilian Kröger einen Begleiter, mit dem er seine Liebe für Bands wie Hot Water Music und Alkaline Trio teilte – und das Duo From The Water gründete. Als die beiden einmal für die berühmte Halloween-Party der Metal-Band Seducer in Schweimke gebucht waren, sprang Maxi kurzfristig ab – und Dominik war erstmals auf sich allein gestellt: „Das war ein Schmiss ins kalte Wasser.“ Ein, zwei Gigs bestritt er dann zwar noch allein, aber: „Ich hatte doch wieder Bock auf Band.“ Er reformierte From The Water mit Schlagzeuger und Bassist als Trio, das bis zu seinem Umzug nach Braunschweig Bestand hatte und dann wegen der Entfernung zerbrach: „Die Zugverbindungen waren eine Katastrophe!“
Noch mit From The Water engagierte sich Dominik bei dem Nordkreis-Künstlerkollektiv Hafenkante Records. „Wir haben Musik gemacht, Videos gedreht und Live-Sessions am Wittinger Hafen veranstaltet“, berichtet er. Auch als Cosmo Thunder trat er dort schon in Erscheinung, ausgelöst durch den Auftritt beim Wittinger Sommerfest 2015, für das ihn sein Gitarrenlehrer Boris Goldin empfahl.

Eine an sich stets strahlende Freundin inspirierte Dominik dazu, Songs für Cosmo Thunder auf Deutsch zu texten, als er sie nämlich einmal traurig erlebte und ihr tröstend sagte: „Deinen blauen Augen steht das Meer viel besser als der Regen.“ Sie ermunterte ihn daraufhin, daraus einen Song zu machen, und er stellte fest, dass es ihm tatsächlich leichter fällt, sich auf Deutsch auszudrücken als auf Englisch.

Zwei Wochen später hatte er die drei Songs fertig.

Kurz darauf zog er dann nach Braunschweig – und dort eröffneten sich ihm völlig neue Perspektiven. Über die Soltauer Band Finder entdeckte er das Jugendzentrum B58 für sich, lernte in Szenelokalen wie Klaue, Luke 6 oder Café Riptide lokale Bands und Musiker wie Forkupines und GR:MM kennen und begleitete viele als „Merchboy“ auf Tour. Er absolvierte mit einem Freund eine einmonatige Solo-Tour durch ganz Deutschland, er sprang in der TV-Sendung „Circus Halli Galli“ aus einem Schrank und erlebte viele Festivals. „Ich habe ein riesengroßes Netzwerk an Freund:innen“, strahlt er. Und ist überzeugt: „Das wäre nicht passiert, wenn ich in Wittingen geblieben wäre.“

In Braunschweig indes lebt Dominik auch schon wieder nicht mehr, er zog zunächst nach Hildesheim und wohnt derzeit in Münster, wo er Advertising Design studiert. Er betont: „Mit meiner Musik möchte ich nicht Geld verdienen“, er will kreativ unabhängig bleiben. Und trotz seines Städterlebens lässt ihn Wittingen nicht los. Auch wenn sein Horizont dort vergleichsweise eng war, zieht es ihn „ab und zu“ zurück in die Region, „im Otter-Zentrum Hankensbüttel bin ich total gerne, da bin ich mit meiner Oma immer hingegangen“. Außerdem trifft er viele „Freund:innen“ rund um seine Heimatstadt.

Und er trägt zahllose schöne Erinnerungen im Herzen, etwa an seine von Ort zu Ort reisenden Open-Air-Festivals „Stimme & Gitarre“, an das Knesebecker Metal-Festival „Mosh in den Mai“ – und ganz besonders an das ehemalige Rock-Café in Wittingen. „Das war unsere Bastion“, schwärmt Dominik. Da erlebte er mit 14 sein erstes Punkrock-Konzert: „Das war immer schön, ein bisschen die Kultur zwischen Mannschaftssport und Schützenfest.“ Mit Mannschaftssport meint er den Handball, der in Wittingen sehr erfolgreich ist und den er dort ebenfalls betrieb.

Ganz besonders an Weihnachten spielte das Rock-Café traditionell eine wichtige Rolle für Dominik. Als bis heute bestehende Begleitband für Cosmo Thunder gründete er The Vibelines, „das ist meine E-Street-Band“, lacht er, denn sie soll auch losgelöst von ihm Bestand haben, wie die Band von Bruce Springsteen. Mit The Vibelines etablierte er eine Weihnachtstradition: Mit der Hildesheimer Band New Age spielte er an jedem zweiten Weihnachtstag im Rock-Café. Dominik erinnert sich: „Am 23. in den Geburtstag von einem meiner besten Freunde reinfeiern, an Heiligabend mit Papa Hawaii-Toast essen, am ersten Weihnachtstag zum Tanz in Emmen und am zweiten ins Rock-Café – das war immer das Weihnachten, das ich hatte.“ Heute bezeichnet er sich indes als „Weihnachtsmuffel“ und überlegt sogar, über die Feiertage einen Job anzunehmen.

Sicher ist, dass Dominik seine zweite EP bis Weihnachten nicht fertig bekommt. Seine Gastmusiker, darunter Lukas Beyer, der Schlagzeuger der Band Modell Bianka, proben bereits, ebenso stehen die Themen fest: „Leiden an Orten, Herzschmerz“. Vorwiegend Lieder, zu deren Veröffentlichung es in den vergangenen sechs Jahren nie kam, eben auch mit Wittingen-Bezug.

An seiner kleinen Heimatstadt arbeitet er sich nach wie vor ab: „Und trotzdem ist das mein Zuhause.“ Er grinst: „Wittingen liegt nicht am Arsch der Heide, sondern mitten im Loch.“ Und doch: „Man hat was draus gemacht.“ Noch heute kennt er etwa alle Promillewege blind, wenn er seine Freunde besucht: „Schon geil.“

Andere Inhalte sind heute so aktuell wie damals, etwa die erste Single der ersten EP, „Solange der Spargel noch schmeckt“, in der Dominik einerseits metaphorisch die menschenverachtenden Umstände bei der Spargelernte thematisiert und andererseits die Bereitschaft der Menschen, in ihrem Leben nichts verändern zu wollen. „Hauptsache, wir haben unser elitäres Essen, es bricht eine Welt zusammen, wenn’s keinen Spargel gibt“, stellt er fest. Er mag das Heidegemüse zwar selbst, schränkte den Konsum mit dem Wissen um die Situation der osteuropäischen Erntekräfte aber erheblich ein. Von dem Thema aus kommt Dominik über Nationalstolz, willkürliche Staatengrenzen und toxische Männlichkeit zum umstrittenen Gendern: „Viele in meinem Umfeld achten darauf.“ Und so sieht er seinen alten Spargelsong heute wieder aktuell: „Alle einfach so weitermachen, nur nix Neues!“

Jonas Laue (von links) und Jakob Lassak gehören zu Cosmo Thunders Begleitband The Vibelines. Vor allem den Gifhornerinnen und Gifhornern sind sie auch bekannt durch ihre Band Final Impact.

Foto: Andreas Rodemann

Klar ist, dass es mit den EPs seine alten Songs in insgesamt drei Versionen geben wird: live gespielt solo-akustisch, mit The Vibelines und eben jetzt mit seinen neuen Gastmusikern, die Posaune, Saxophon, Schlagzeug und sogar Schifferklavier und Violine beisteuern. „Ich habe tolle Menschen dabei“, freut sich Dominik. Auf der ersten EP etwa Bassist Benjamin Kolodjeski, Fluegge und On Another Planet, und er ermuntert sie: „Sie sollen alle ihren Senf dazugeben.“ Die befreundete Violinistin Nora Ruthke spielt eigentlich in einem Orchester, Dominik lacht: „Sie wollte Noten von mir“, dabei hat er seine Lieder nicht mal in Tabs notiert. Überhaupt betont er: „Das Cosmo-Thunder-Ding war ich nie alleine.“

Und dann ist er selbst ja auch noch Teil eines anderen Teams, der Band .NIRU nämlich. Während er also an seinen Solo-EPs arbeitet, bringt er mit jener Gruppe die Single „Blei“ auf den Markt, „das allererste Lied, das wir fertig hatten“. Bei .NIRU singt Dominik ausschließlich, „da kann ich Gas geben ohne Ende“.

Teil der Band wurde er, als ihn Stefan „Kuschi“ Kusch von Commercial Suicide fragte, ob er mit seinen Akustik-Aktivitäten ausgelastet sei. So entstand 2017 .NIRU. Zwei neue Mitmusiker hat diese Band heute, und zwar Till Siedentopf und Jakob „jc“ Lassak von Final Impact, und als wäre diese Welt nicht schon klein genug, ist ebenjener Till auch auf Dominiks erster EP zu hören. Das zweite Tape kommt nächstes Jahr heraus, und bis dahin gibt‘s nicht nur für Dominik einiges zu leben, zu lieben und zu leiden.

Cosmo Thunder:
„Das Wasser bis zum Hals“, EP Tape/Stream, 5 Lieder, 12:30 min.
www.cosmothunder.de
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