Kopfüber-Kolumne

Sportpalast in klein – Jana aus Kassel macht das ganz geil

Malte Schönfeld Veröffentlicht am 29.11.2020
Sportpalast in klein – Jana aus Kassel macht das ganz geil

Willkommen zu einem der ersten Stand-up-Auftritte von Sophie Schmoll vor ihrem großen Durchbruch. KURT-Kolumnist Malte Schönfeld war bei der Demo in Braunschweig dabei.

Foto: YouTube (Screenshot)

„Ich bin kein Nazi, ich bin Löwenmutter“ – das ist das erste Schild, welches ich auf der Anti-Corona-Demo in Braunschweig sehe. Es baumelt um den Hals einer Frau mittleren Alters, sie schunkelt und klatscht freudig in die Hände. Ein Mitläufer berührt sie am Arm und lobt ihren Humor. Die Frau lacht auf und bedankt sich überschwänglich. Ja, lustig, denke ich mir. Der neue deutsche Humor.

Mehr als 500 Menschen haben sich vor dem Schloss eingefunden, es ist ein Samstagnachmittag, Halloween im Jahr 2020. Süßes oder Saures steht an dieser Stelle nicht zur Wahl. Es gibt nur Saures. Die Leute sind sauer. Aber weswegen überhaupt?

Grundsätzlich geht es den Leuten um Freiheit. „Es ist ein Menschenrecht, frei atmen zu können“, sagt die Frau auf der Bühne. Wieder Geklatsche. Ein paar strubbelige Öko-Ursulas, ein paar Hipster, Männer mit E-Zigaretten, junge Frauen mit Piercings über der Lippe, vor allem aber: normale Menschen. So sehen also die aus, die sich selbst als Querdenker bezeichnen. Wanderstiefel, ausgewaschene Jeans, Trekkingjacken, häufig hat das Haupthaar seinen Aufgabenbereich verlassen. Eben ganz normale Menschen, bei denen sich Zweifel über das Atmen ergeben. Zweifeln sie auch am Gehen? Am Essen? Am Scheißen? Und das Schunkeln, es hört nicht auf.

Man kennt das aus den Reportagen der vergangenen Monate. Ob im südlichen Konstanz oder im östlichen Berlin. Es geht immer auch um das Event. Es wird gelacht, gesungen, gepfiffen. Auf der Bühne spielt ein Mann mit Akustikgitarre und röhrt Freiheitslieder. Diese Szene könnte genauso gut in einer Zeltdisko stattfinden. Gäbe es einen Bierstand, wären wir nicht mehr allzu weit vom ZDF-„Fernsehgarten“ entfernt. Depperte Blicke auf der einen Seite, verrückter Schimmer auf der anderen.

Auf der Bühne die Wachablösung. Es kommt Jana aus Kassel. Eine zierliche, blonde, junge Frau, ihre Stimme zittert. Nach einigen Minuten, denn es wird ja alles beklatscht, findet sie Gefallen an ihrer Einlage. Man merkt förmlich, wie geil sie das macht. Sportpalast in klein, nur die Stimme ist schriller. Ich glaube, ganz zum Schluss weint sie sogar. Der Jubel der Menge, ihr Gesagtes, sie selbst geht sich richtig nahe.

Zeit, loszuziehen. Der stille Mob setzt sich in Bewegung. Auf der Bühne rapsingt mittlerweile ein Typ in Superhelden-Kostüm. Captain Future nennt der sich, er ist extra aus der Hauptstadt angereist. Klar, Berlin-Braunschweig fliegt man auch in einer guten Stunde. Dass das hier niemandem peinlich ist, ist die größte Überraschung. Ausrangierte Mütter grooven neben dem Takt, auf der fahrenden Bühne tanzt ein Typ mit Palästinenserkopftuch einen Bauchtanz. Neben ihm weht ein orangefarbenes Shirt mit dem Konterfei von Wladimir Putin. Cirque du Soleil für Kaputte, Abgesägte, Übriggebliebene.

Kurzer Meinungsaustausch mit der wünschenswerten Wolfsburger Vater-Mutter-Tochter-Tochter-Familie vom Ende des Zugs. Wie habt Ihr hiervon eigentlich Wind bekommen? Über Telegram, sagt die Mutter, sie sei da in einer Gruppe. Natürlich, was frage ich überhaupt. Ihr Mann kommt aus Polen, er sagt, ihm mache das alles ein wenig Sorgen, schließlich kenne er die Militärdiktatur, und so weit sei man da ja mittlerweile auch nicht mehr von entfernt, die Zensur, die Zensur. Nun müssten sie aber auch gehen, sie würden sich noch Döner holen wollen. Eben ganz normale Leute.

Das alles wäre nicht so unbegreiflich lachhaft, wenn die ganzen normalen Leute nicht unter der Fahne von Nazis marschieren würden.

Die nächste „Querdenker“-Demo sollte dann am 9. November stattfinden, Startschuss um 18.18 Uhr. Vor 82 Jahren war da Reichspogromnacht, und die 18 steht für Adolf Hitler.

Malte Schönfeld schreibt die monatliche KURT-Kolumne „Kopfüber“. Wenn Ihr ihm zustimmen oder widersprechen möchtet – oder einfach überhaupt keinen Bock mehr auf ihn habt – dann schreibt an redaktion@kurt-gifhorn.de.