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Neues Selbsthilfebündnis für Gifhorns gestresste Nachbarn: Wie werde ich die blöde Nervensäge los, ohne eine Anzeige zu kassieren?

Marieke Eichner Veröffentlicht am 01.04.2021
Neues Selbsthilfebündnis für Gifhorns gestresste Nachbarn: Wie werde ich die blöde Nervensäge los, ohne eine Anzeige zu kassieren?

Alles vergeht, nur der Nachbar bleibt – sagt zumindest ein altes Sprichwort.

Foto: Pixabay (Symbolfoto)

Kennen Sie eigentlich Ihren Nachbarn? Mögen Sie ihn? Schieben Sie auch immer die Wohnzimmergardine beiseite, um zu sehen, ob er die Kotwürste seines dämlichen Dackelviechs von dem von Ihnen aufopferungsvoll gepflegten Rasen aufsammelt? „Im Lockdown ist das Treiben der Nachbarn für viele Menschen zur letzten verlässlichen Konstante im Leben geworden“, berichtet auch Horst Hummelstumpf. „Wir wollen den Menschen helfen, aus dieser Konstante Kraft zu ziehen.“ Gemeinsam mit seinem Freund Herbert Treckerler gründete er darum jüngst das neue Gifhorner Selbsthilfebündnis für gestresste Nachbarn. Die Initiative bietet Seminare zu den Themen stinkende Botanik und Grillplatzauslotung sowie eine Einführung in die stilvolle Beleidigung an. „Dabei geht es aber weniger darum, den eigenen Stress abzubauen“, betont Herbert Treckerler. „Vielmehr wollen wir mit unseren verschiedenen Seminaren zeigen, wie man im Leid der anderen Lebensfreude für sich selbst findet.“

Dazu hat sich das Bündnis Verstärkung geholt, unter anderem von Helga Bärenbaumbusch. „Als mein Nachbar unter mir ins Home-Office geschickt wurde und seitdem auf seinem Balkon raucht, hat das meinen Glauben an die Menschheit und ein ruhiges Lebensende erschüttert“, berichtet die Hobby-Gärtnerin aus dem Gifhorner Handwerkerviertel. Sie halte sich oft auf ihrem Balkon auf. „Im Fernsehen, da läuft ja eh nichts Gescheites und eine weitere Staffel ZDF-Fernsehgarten halte ich einfach nicht mehr aus.“ Doch wenn die Sicht auf das Treiben der Umwohnenden ständig durch blauen Dunst verdeckt sei, dann sei das ein eklatanter Bruch des Völkerrechts.

Da kam ihr die Idee: „Ich habe bereits in meiner Jugend mit Erfolg Pflanzen angebaut. Das war eine wilde Zeit damals, in den 70ern“, berichtet sie. Egal ob Drachenwurz, Aronstab oder Patschuli: Heute weht über und vom Balkon der 71-Jährigen der herrlich erfrischende Duft von Tod, Urin und Verwesung. Sie selbst habe damit keine Probleme, erzählt die Rentnerin. Seit einem Nasenbruch-Vorfall im Mosh-Pit eines Sex-Pistols-Konzerts 1975 hat sie keinen Geruchssinn mehr. „In meinem Seminar möchte ich den Teilnehmern vermitteln, wie man seinen Balkon zu einer ganzjährig blühenden, abschreckend-stinkenden Oase verwandelt“, freut sich Helga Bärenbaumbusch.

Ebenso vielversprechend ist auch die Kooperation des Selbsthilfebündnisses mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Braunschweig: Leiter Werner Krampfhof ist selbst leidenschaftlicher Nachbarhasser und verbrachte den Lockdown bisher ungestört in seinem Keller, wo er persönliche Umbauten an Messgeräten vornahm, die zuvor im Luft- und Raumfahrtzentrum irgendwie, nun ja, verschwunden waren... Jetzt stellt er sein Know-how und seine Ausrüstung dem Seminar „Gemeinschaftserlebnis Grillen“ zur Verfügung. „Teilnehmern möchte ich eine Messung mit dem von mir entwickelten Ergoplasmananometer anbieten“, so Werner Krampfhof. Das Gerät ermittele den perfekten Grillplatz mit dem Ziel, dass der Rauch direkt in das bei schönem Wetter häufig offene Wohnzimmerfenster des Nachbarn ziehe. „Meinen in der Kurzarbeit perfektionierten Forschungserfolg in diesem Bereich habe ich meinem Nachbarn zu verdanken“, meint Werner Krampfhof. „Er ist meine Inspirationsquelle und ich freue mich darauf, ihm bald vom Grill aus zuzuwinken.“

Hannelore Specht ist Rhetoriktrainerin und ebenfalls Mitglied im Gifhorner Bündnis für gestresste Nachbarn. „Die Menschen fragen sich: Wohin mit meiner Wut? Warum darf ich sie nicht mehr an meiner Frau auslassen?“, erklärt sie ihr Engagement. „Vielen fehlen die lieb gewordenen – heute verbotenen – kleinen Handgreiflichkeiten.“ Eine Lösung sieht Hannelore Specht daher in der verbalen Eskalation. „Aber auch das kann böse Folgen haben“, gibt sie zu bedenken. Viele beleidigungsaffine Menschen verwirre die Reaktion ihres Gegenübers. „Die fragen sich bei Gegenrede dann, was man denn überhaupt noch sagen dürfe, warum denn Hass keine Meinungsäußerung sei.“ Hannelore Specht rät trotzdem, aufgestaute Wut abzulassen – und empfiehlt dazu den Nachbarn als probates Mittel der Entschleunigung und Rückbesinnung auf das eigene Umfeld.

Gleichzeitig mahnt die Rhetoriktrainerin dabei zur Vorsicht: Ihr Seminar trägt den Untertitel „Wie werde ich ihn los, ohne eine Anzeige zu kassieren?“. Hannelore Specht arbeitet daher vorrangig mit dem Stilmittel Sarkasmus. „Das erfordert einen intellektuellen Interpretationsaufwand – da können die alten weißen Cis-Männer noch was lernen.“ Die Rhetoriktrainerin ist überzeugt, dass ihr Programm auch Hassrede und Shitstorms im Internet durch unerwartet kreative Synonymfülle und Esprit bereichern wird.

Horst Hummelstumpf und Herbert Treckerler freuen sich über die Resonanz, die ihre Initiative schon jetzt hervorruft. „Wir haben starke Partner gewinnen können“, so die Initiatoren des Selbsthilfebündnisses für gestresste Nachbarn. Sogar Gifhorns Bürgermeister Matthias Nerlich ist aufmerksam geworden. Als Politiker interessiere ihn persönlich vor allem das Rhetorik-Seminar. Ob er selbst daran teilnehmen wird, will er zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht bekannt geben. Aber: „Wenn das so weitergeht mit Herrn Marzischewski-Drewes im Stadtrat, bleibt mir ja nichts anderes übrig.“