KURT-Interview

Corona und die Folgen für Familien - Jetzt ist Solidarität gefragt

Sophie Isabell Bremer Veröffentlicht am 23.05.2020
Corona und die Folgen für Familien - Jetzt ist Solidarität gefragt

Gifhorns Gleichstellungsbeauftragte Sevdeal Erkan-Cours steht Familien und Frauen in der Krise zur Seite.

Foto: Çağla Canıdar

Gerade beendet man die Videokonferenz mit dem Projektteam, krakeelt der Nachwuchs im Nebenzimmer drauflos: Die erteilte Malaufgabe konnte ihn zum Leidwesen aller nicht lange beschäftigen. Viele Eltern erfahren erst jetzt in der Corona-Krise, wie schwierig es doch ist, Arbeit und Kinderbetreuung unter einen Hut zu bekommen. Alleinerziehende und junge Familien trifft dies besonders hart. KURT-Mitarbeiterin Sophie Isabell Bremer sprach mit der Gifhorner Gleichstellungsbeauftragten Sevdeal Erkan-Cours (43) darüber, wieso jetzt gerade die Männer gefragt sind, den Frauen in der Krise den Rücken zu stärken – und wie Frauen sich selbst helfen können.

Wegen der Corona-Pandemie sind die Schulen und Kindertagesstätten für viele Jahrgänge geschlossen, die Kinder und Jugendlichen müssen zu Hause bleiben. Das sorgt doch sicher für reines Chaos in vielen Familien.

Ja, gerade alleinerziehende Frauen und junge Familien leiden unter den Bestimmungen. Fallen Schule, Hobbys und Freunde der Kinder weg, müssen die Eltern all dies ersetzen! Oft hat man ja nicht nur eines, sondern zwei oder drei Kinder, die im Alter auseinander liegen – so müssen unterschiedliche Bedürfnisse abgedeckt werden. Ich selbst habe zwei Söhne im Alter von 6 und 8 Jahren und wechsele mich mit meinem Ehemann ab, im Home-Office auf die beiden aufzupassen.

Wer hat es denn schlimmer in dieser Situation – Mama oder Papa?

Die Krise trifft beide Elternteile gleich stark. Ich würde aber auch sagen, dass gerade für Frauen die Gefahr besteht, in alte Muster zurückzufallen. Viele Frauen haben schon vor der Krise versucht, ihren Job, Haushaltspflege und Kinderbetreuung unter einen Hut zu bringen. Jetzt stehen sie vor einer noch größeren Herausforderung, da sämtliche Betreuungsleistungen wegfallen. Ich hoffe, dass nicht die Frauen alleine bei der Arbeit kürzertreten, um die Kinderbetreuung zu übernehmen.

Wie können die Mütter unterstützt werden?

Es sollten gute partnerschaftliche Vereinbarungen getroffen werden – Männer sind jetzt gefragt, ihren Teil der Kinderbetreuung und Haushaltspflege zu erledigen. Seid solidarisch! Nur gemeinsam können wir die Arbeit stemmen.

Besonders schlimm trifft das wohl alle Alleinerziehenden. Wie erlebst Du die Situation konkret in Gifhorn?

Ich sehe Gifhornerinnen, die an ihre Grenzen gehen. Solo-selbständige Frauen, die von der Krise stark getroffen wurden. Ich bin im Gespräch mit vielen Müttern, die überlastet sind – darunter auch viele Alleinerziehende. Jetzt ist es wichtig, sich zu vernetzen und nach Hilfe zu fragen.

Inwiefern kannst Du den Frauen und Familien in Gifhorn helfen?

Selbständige Frauen berate ich dazu, wie sie finanzielle Unterstützung bekommen können. Und auch für Familien gibt es Hilfen, wenn es zu finanziellen Engpässen kommt oder familiäre Konflikte entstehen.

Momentan bekommen sogenannte systemrelevante Jobs eine enorme Aufmerksamkeit. Darunter fallen zum Beispiel die Tätigkeit von Erzieherinnen, Pflegeberufe und Jobs im Verkauf – in all diesen Bereichen arbeiten überwiegend Frauen.

Ich sehe darin eine Chance für diese Berufe und hoffe, dass sie endlich ihre verdiente Anerkennung bekommen. Bislang galten sie als nicht rentabel, nicht attraktiv, nicht ökonomisch. Aber ein Applaus oder ein Danke ist auf Dauer leider nicht ausreichend. Deswegen bin ich froh, dass bereits Prämien oder eine Lohnerhöhung für diese Berufsgruppen diskutiert werden.

Wie kommt es eigentlich, dass klassische Frauenberufe so schlecht vergütet werden?

Wahrscheinlich liegt es daran, dass Männer die Politik machen... (schmunzelt). Aber jetzt bekommen sie ja mit, wie anstrengend und anspruchsvoll die Tätigkeiten von Erzieherinnen und Betreuerinnen sind. Auch Männer leiden in der Corona-Krise unter einer Doppelbelastung, sofern sie die Arbeit im Home-Office und die Betreuung der Kinder auf sich nehmen. Wenn sie diese Arbeit selbst leisten, bekommen sie hoffentlich einen anderen Blick darauf. Das Problem der Unattraktivität dieser Berufe ist ein gleichseitiges Problem und nicht nur Frauensache – wollen Männer einen Pflegeberuf lernen, erfahren sie keine gesellschaftliche Anerkennung. Im Gegenteil: Mit den klassischen Frauenberufen werden Eigenschaften wie Fürsorge, Feinfühligkeit und Empathie verbunden, während von Männern vielmehr Stärke, Führung und Selbstbewusstsein erwartet werden.

Wir können also aus dieser Krisenzeit lernen.

Auf lange Sicht gesehen wird die Corona-Pandemie wohl schlechte und gute Folgen mit sich bringen – hoffentlich schaffen wir es gemeinsam, die größten Übel abzuwenden. Wir müssen einander auffangen – nicht nur Eltern, die unter der Überlastung psychisch leiden, sondern insbesondere die Kinder. Die bekommen es tagtäglich mit, wenn es ihren Eltern nicht gut geht. Hier sind gegenseitige Unterstützung und Solidarität gefragt.