Glauben & Zweifeln

Auf die Knie - Willy Brandt, Simone Weil und Jesus: Der Kniefall hat viele Interpretationen

Martin Wrasmann Veröffentlicht am 01.08.2021
Auf die Knie - Willy Brandt, Simone Weil und Jesus: Der Kniefall hat viele Interpretationen

KURT-Kolumnist Martin Wrasmann erkennt die vielen Interpretationen des Kniefalls. Auch in der Kirche ist sie eine Geste von großer Bedeutung.

Foto: Çağla Canıdar

Auf die Knie gingen viele Spieler bei der Fußball-EM als Zeichen gegen Rassismus. Auf die Knie geht oftmals der von der Polizei Gestellte. Auf die Knie gingen und gehen die in vielen Kriegen Getöteten. Auf die Knie geht das Brautpaar, wenn es den kirchlichen Segen empfängt.

Das Knie, Körpergelenk und Sprachsymbol für vieles, was sich in unsere Lebenswirklichkeit eingegraben hat. So sollte man nichts übers Knie brechen. Das will ich auch mit meiner Kolumne nicht. Aber mit Euch und Ihnen erkunden, was es mit dem Knie auf sich hat.

Das Knie hat Einzug gehalten in unsere Sprache. Circa 160 Worte um den Stamm „Knie“ gibt es, das längste ist wohl Kniescheibenbeutelentzündung. Erinnerungen an Kindheitstage werden wach, so mancher von uns wurde übers Knie gelegt, das aufgeschlagene Knie war Ausdruck von Mut und Risikofreude.

Die Kniesprache hat sich über die Jahrzehnte mit der Alltagssprache entwickelt: So mancher Fehlschlag wurde konotiert als der Schuss ins eigene Knie. Oder kennen Sie nicht auch den Typen, der so lange redet, bis er Recht hat und damit dem anderen eine Frikadelle ans Knie nagelt und dreht bis UKW kommt. Schlimmste Knieverweise fallen hier unter den Tisch, zeigen aber, wie sich Worte durch alle Sprachkulturen ziehen (F*** Dich ins Knie) oder die Hymne auf Karl-Heinz Rummenigge: „Sexy Knees“.

Auch die kämpferische Seite des Knies hat sich in die Sprache eingewoben, wenn jemand in die Knie geht oder in die Knie gezwungen wird. Das Knie bedient auch unsere empathische Seite, wenn dieselben anfangen zu schlottern – wie das wohl aussehen mag. Nein, sei es drum, das Knie ist nicht nur sprachrelevant. Es ist auch das Gelenk, übrigens das größte im menschlichen Körper und in höchstem Maße kompliziert zusammengesetzt, das für eine Ausdrucksform von Haltungen in gesellschaftlichen und kulturellen Zusammenhängen steht.

Es gibt Kniebilder, die im Gedächtnis bleiben. Unvergessliche Bilder, nicht für einzelne, sondern für viele. Zu diesen Bildern gehört der Kniefall Willy Brandts vor dem Mahnmal des Warschauer Ghettos. Es ist die Zeit des kalten Krieges. Der „Ostblock“ und die „Westmächte“ stehen sich unversöhnlich gegenüber. Der deutsche Bundeskanzler ist zur Aussöhnung in Polen und legt im ehemaligen Ghetto einen Kranz nieder. Er steigt, so wie es das Protokoll vorschreibt, gemessenen Schrittes die flachen Stufen zum Mahnmal hinauf. Er beugt sich nieder, um die Bänder des Kranzes zu glätten. Im Zurücktreten dann – einer Eingebung folgend – kniet er vor dem Mahnmal nieder, das an die vielen jüdischen Menschen erinnert, die von diesem Platz aus in die Vernichtungslager der Nationalsozialisten transportiert wurden.

Dieser Kniefall hatte aus heutiger Sicht eine größere aussöhnende Wirkung als es die gesamte Diplomatie hätte erreichen können. Worin liegt die unvergessliche symbolische Wirkung dieser Geste Brandts? Der Kniefall des deutschen Bundeskanzlers ist eine unwiederholbare Geste der Hochachtung vor den Opfern, ein Zeichen demutsvollen Schuldeingeständnisses vor der Welt und damit ein Symbol der Versöhnung.

Die französische Philosophin Simone Weil kam 1938 nach Assisi und, obwohl sie sich als Agnostikerin verstand, war sie tief beeindruckt vom Heiligen Franziskus und der franziskanischen Spiritualität. Einem Freund schrieb sie: „Als ich dort in der kleinen romanischen Kapelle aus dem 12. Jahrhundert von Santa Maria degli Angeli – diesem unvergleichlichen Wunder an Reinheit, wo der Heilige Franziskus so oft gebetet hat – allein war, zwang mich etwas, das stärker war als ich selbst, mich zum ersten Mal in meinem Leben auf die Knie zu werfen.“

Und dann der Protest gegen Rassismus, gegen das Knie des Polizisten, dass George Floyd in den Tod drückte.

Menschen knien sich in Gottesdiensten nieder, wenn sie den Segen empfangen. Sie machen sich klein, um Größeres zu empfangen. Einen ganzen Schritt weiter geht der beliebte Papst Johannes XXIII. Von ihm stammt das Wort: „Der Mensch ist nie so groß, als wenn er kniet.“ Ich bin ziemlich sicher, dass Johannes XXIII. bei diesem Zitat ein Bild vor Augen hatte, die Szene aus dem Abendmahlsaal: Jesus bindet sich die Arbeitsschürze um und geht vor den Seinen in die Knie. Und er kommentiert sein Tun: „Begreift Ihr, was ich Euch getan habe? Ihr sagt zu mir ‚Meister‘ und ‚Herr‘ – und Ihr nennt mich mit Recht so. Denn ich bin es. Wenn nun ich, der Herr und Meister, Euch die Füße gewaschen habe, dann müsst auch Ihr einander die Füße waschen. Ich habe Euch ein Beispiel gegeben, damit auch Ihr so handelt, wie ich an Euch gehandelt habe.“

Die Mutter weiß nicht, wie viele Kniebeugen heute es so genau waren. Sie macht sie nicht aus sportlicher Ertüchtigung, sondern aus liebevoller Fürsorge. Die meisten nach 13 Uhr, wenn ihre Kinder alle vom Kindergarten und der Schule nach Hause kommen. Sie bindet Schuhbänder, verarztet wunde Knie, entfernt die Spuren der Fußballschuhe auf dem Teppich, sie beugt sich zum Kind hinunter, um mit ihm auf Augenhöhe zu sein, um ihm ein Ohr zu schenken. Bei Bedarf zu trösten und zu ermutigen.

Der junge Mann hätte nie gedacht, dass er so gerne in die Knie gehen würde. Als er sein freiwilliges soziales Jahr im Altenheim begonnen hat, ist er besonders aufrecht gegangen. Er war stolz, das Abitur mit 1,5 abgeschlossen zu haben. Er hatte die Schultern gereckt und das Gefühl, die Welt darauf tragen zu können. Inzwischen ist Frau Müller zu seiner Lieblingsseniorin geworden. Denn jeden Tag bittet sie Lukas, bevor er ihr Zimmer wieder verlässt, um einen kurzen Moment. Dann kniet er sich vor ihren Sessel hin. Sie legt ihm beide Hände auf die Schultern – und wünscht ihm noch einen guten Tag. Er hätte nie gedacht, wie gut sich die Kniebeuge anfühlt.

Und ihm, dem jung Verliebten, wäre es nie eingefallen niederzuknien. Um seiner Freundin seine Liebe zu beweisen. Um ihr zu sagen, dass er sich eine gemeinsame Zukunft wünscht. Jetzt knien sie beide nach einer ihrer gemeinsamen Bergtouren auf der Blumenwiese – und es ist genau der richtige Moment und die richtige Haltung, um ihr zu sagen: Ich find’s wunderbar, dass ich Dich kenne.

Ich wünsche mir ehrliche Kniefälle, die wir brauchen für eine Gesellschaft der Demut und der Versöhnung. Wer den Kniefall wagt, wird nicht zum Opfer, sondern ist ein Meister des Lebens.

Und nicht, dass Sie mich falsch verstehen: Was ich nicht meinte, ist der Kniefall vor denen, die es von mir erwarten.

Martin Wrasmann, Pastoralreferent emeritus der St. Altfrid-Gemeinde in Gifhorn, schreibt die monatliche KURT-Kolumne „Glauben & Zweifeln“. Beipflichtungen wie auch Widerworte sind stets willkommen. Leserbriefe gerne an redaktion@kurt-gifhorn.de.