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Unter den Augen von Maria Callas - Ein November-Abend führt KURT-Genießer Malte Schönfeld und seine Begleitung in die unvergleichlich echten Gifhorner Astra Stuben

Malte Schönfeld Veröffentlicht am 03.01.2022
Unter den Augen von Maria Callas - Ein November-Abend führt KURT-Genießer Malte Schönfeld und seine Begleitung in die unvergleichlich echten Gifhorner Astra Stuben

Eine bunte Runde, eine lustige Runde: KURTs Gastro-Test führte Malte Schönfeld und seine Begleitung in die Astra Stuben an der Braunschweiger Straße.

Foto: KURT Media

Gibt es sie noch, diese Kneipen, die unermüdlich und sturmfest ihren Platz in der Welt behaupten? Ja, es gibt sie noch. Dort, wo sich Menschen unterschiedlicher Natur begegnen, sich einen anhauen und für einen kurzen Moment, eine Weltsekunde, wie es Rainald Goetz wohl nennen würde, alles irgendwie in Ordnung scheint. Ausschluss und Gängelei haben hier Hausverbot. Und einer dieser Orte sind die Astra Stuben an Gifhons Braunschweiger Straße, die Wirtin Niki Kardara länger führt als mancher Besucher alt ist.

Es ist November. Hellgrauer Himmel, dunkelgraue Klamotten. Im Hintergrund wimmelt der erwartbare Singsang: Impfpflicht und 2G-plus stehen zur Debatte, im Bundeskanzleramt werden die ersten Kartons gepackt, Thomas Gottschalk moderiert sich zu hoher Quote und in den Unterhaltungsabgrund, der ehemalige Gangster-Rapper Bushido wird für eine gut produzierte, aber inhaltslose Doku über sein Leben bezahlt, Popstar Adele bringt ihr Album „30“ auf den Markt und es wird viel über ihr Gewicht geredet. Man merkt, die Lage ist ernst.

Meine Begleitung und ich hatten uns bereits vor zwei Wochen verabredet, um in die Astra Stuben zu gehen, nun hängt bei uns allerdings der innere Haussegen schief: Tags zuvor saßen wir bei Glühwein, Eierpunsch, Sekt, Gin Tonic, Bier und einer Scheibe Brot zusammen. Meine Begleitung sagt, dass sie heute gar keinen Bock habe, ich sage, dass ich das verstehen würde. Wir einigen uns schulterzuckend auf „Naja, Termin ist Termin“ und trinken eine leichte Weißweinschorle.

Eine Taxifahrt später treten wir unter Türgeklingel in die Astra Stuben ein. Angenehmes, gedimmtes gelbes Licht und Holzvertäfelung. Zugezogene und überraschend weiße Gardinen. Geradezu eine freie Theke. Wir setzen uns. Meine Begleitung kennt die Astra Stuben deutlich besser als ich, spricht direkt Wirtin Niki an und geleitet mich in den Smalltalk dieser schönen Schankwirtschaft. Hinter uns unterhalten sich zwei Damen bei einem Glas Bier, die uns freundlich begrüßen.

Niki Kardara, die Wirtin der Astra Stuben, zapft fleißig Bier um Bier aus dem Jever-Zapfhahn.

Foto: KURT Media

Wo wir gerade beim Bier sind: In unseren Gefilden ist es eher selten, dass man auf eine Kneipe trifft, die Jever ausschenkt (Jever übrigens mit gesprochenem „f“, nicht mit einem „w“). In den Astra Stuben ist das anders. Eindrücklich erklärt das eine Urkunde im hinteren Teil des Raums, die besagt, dass Niki Kardara seit nunmehr 40 Jahren Partnerin des Friesischen Brauhauses zu Jever ist. „Die ist schon vier Jahre alt“, meint Niki, als sie bemerkt, wie ich mit schrägem Kopf versuche, die Wörter zu entziffern, und zapft uns ein paar Pils. Die Urkunde ist nicht das einzige, was den Astra Stuben Charme verleiht: Die Wanddekoration ist bestimmt von Elvis-Bildern, Elvis mit Hut, Elvis in Militärklamotte, überall Elvis. Nur mithalten können da die Porträts von Maria Callas, der berühmten US-amerikanischen Sopranistin griechischer Abstammung, die lange Zeit eine Liebesbeziehung mit Reederei-Milliardär Aristoteles Onassis führte, und ich sage, dass ich noch nie was von Maria Callas gehört hätte, und Niki tut so, als würde sie mich mit ihrem Lappen verhauen wollen.

So nach und nach füllt sich die Kneipe, neben mir sitzen nun eine Person mit dem Pseudonym HBN auf der einen Seite und Uwe auf der anderen. Mit HBN trinke ich einen Radeberger Kräuterlikör, der mir nur mäßig bekommt, und mit Uwe einen Gifhorner Korn, der mich schüttelt. Zur Beruhigung nehme ich einen großen Schluck Jever. Uwe verrät mir, dass er jüngst einen schönen Spitznamen für sich gelesen hätte: Uwigruwie, worauf wir wieder anstoßen. Ich gehe das Ganze jetzt locker an, während sich meine Begleitung hinter ihrer Mischung Mariacron-Fanta-Mango versteckt.

KURT-Testtrinker Malte Schönfeld (rechts) und Thekennachbar Uwigruwie sind bei bester Laune.

Foto: KURT Media

Je länger der Abend dauert, desto häufiger muss ich Pipi – irgendwann gehe ich alle 20 Minuten. Auf der Toilette wird es immer schwieriger, das Hemd in die Hose zu stecken. Dennoch genieße ich die Verschnaufpause und denke lange über einen Satz von HBN nach: „Ich habe morgen früh Spätschicht.“

Auf meinem Rückweg biege ich in eine Eckbank ein und setze mich zu Gitti, der Frau von Uwigruwie. Sie scheint mich zu kennen – oder viel mehr scheint sie meine Großeltern zu kennen, was natürlich immer ausgesprochen unangenehm ist, wenn man gerade mit hängendem Hemd und Kornfahne nicht unbedingt das beste Bild abgibt. Lange unterhalte ich mich mit Gitti über das Thema Tod, ich sage ihr, dass ich Angst davor habe, zu sterben, und sie nimmt kurz meine Hand und spricht mir Mut zu.

Ich blicke in den Raum: Niki zapft tapfer weiter unsere Bier, neben ihr hängt eine Urlaubskarte aus Schwerin, das Lokal ist bereits für Weihnachten geschmückt – eigentlich doch eine ganz schöne Nummer. Ich proste meiner Begleitung zu und erkläre, dass ich jetzt doch meinen Zug erwischen müsste. Ich leere mein Glas, werfe mir meine Jacke über und setze meine Kopfhörer auf. Auf dem Weg zum Bahnhof Gifhorn-Stadt mache ich Halt und kaufe mir eine Pommes Majo bei Chili Döner. Ja, doch, alles in Ordnung, und da schwirrt mir ein Gitti-Satz im Kopf: „Du bist doch noch so jung.“

Astra Stuben
Braunschweiger Straße 85, Gifhorn
Mo. – So. ab 14 Uhr
Tel. 05371-52442