Kopfüber-Kolumne

Über Schimmel im Urlaub

Malte Schönfeld Veröffentlicht am 12.11.2021
Über Schimmel im Urlaub

Zum Jahreswechsel hatte sich KURT-Kolumnist Malte Schönfeld noch gesagt: Nicht mehr so viel Essen wegschmeißen, am besten gar nichts. Gehalten hat das Ganze – wie viele Neujahrsvorsätze – wenige Tage, vielleicht zwei Wochen.

Foto: Anita Jankovic/Unsplash

Zehn Tage Urlaub, der südliche Zipfel Griechenlands, pralle Sonne, pralle Laune. Abends sitze ich im Restaurant, jeden Tag in einem anderen. Kleine Krebse klettern auf den Steinen, die schwer im flachen türkis Meer liegen. Eine Plastiktüte treibt. Vor mir türmen sich Skordalia, Gavros und Souvlaki. Ich schlinge wie ein zum Tode Verurteilter bei seiner Henkersmahlzeit. Gleichzeitig – und das stelle ich erst bei meiner Rückkehr fest – schimmeln in 2000 Kilometer Entfernung im eigenen Kühlschrank Scheibenkäse und Kohlrabi, auf verlorenem Posten im vermeintlichen Bio-Fresh-Fach.

Zum Jahreswechsel hatte ich mir noch gesagt: Nicht mehr so viel Essen wegschmeißen, am besten gar nichts. Gehalten hat das Ganze – wie viele Neujahrsvorsätze – wenige Tage, vielleicht zwei Wochen. Während andere anfingen, ihre Laufeinheiten im Januar von anfänglich vier auf zwei Termine pro Woche zu reduzieren, fingen bei mir langsam wiederdie Mohrrüben an zu gammeln. Dann war es das Toastbrot. Dann der Joghurt.

Es mag jetzt komisch klingen, liebe Gifhornerinnen und Gifhorner, aber ich möchte an dieser Stelle mein eigenes Weltbild zerstören. Und Ihres gleich mit. Wir alle haben ein gewaltiges Problem mit unserem Konsumverhalten. Wirklich wahrhaben will das aber keiner.

Jährlich werden in Deutschland pro Kopf 75 Kilogramm Lebensmittel weggeschmissen, sie wandern sozusagen vom Einkaufskorb direkt in den Mülleimer. Die Verbraucherzentrale vermeldet, dass „vor allem junge Erwachsene unter 30 Jahren, aber auch Haushalte mit mehr als zwei Personen sowie Verbraucher mit überdurchschnittlichem Einkommen und mit hohem Bildungsgrad“ überdurchschnittlich viele Lebensmittel wegwerfen. Peinlich, sehr peinlich. Gifhorn ist da, als reiches Fleckchen Erde, sicherlich keine Ausnahme.

Wir haben den Fehler begangen, verdienten Wohlstand mit dekadentem Überfluss zu verwechseln. Das betrifft nicht nur unseren Umgang mit Lebensmitteln. Wie viele Klamotten haben Sie, die Sie nicht mehr tragen, und wie häufig kaufen Sie sich trotzdem neue? Nehmen Sie für die kurzen Wege das Auto – oder doch lieber das Fahrrad ? Und haben Sie wenigstens eine einzige offene Diskussion mit sich selbst darüber geführt, ob Sie als Konsumentin und Konsument schuld am rasanten Klimawandel sind? Da bringt auch die Photovoltaik-Anlage auf dem Dach nichts, die so schön im Sonnenschein funkelt.

Wir sind süchtig. Süchtig nach dem Kaufen, dem Geldausgeben. Unsere Sucht macht den Planeten kaputt. Unseretwegen brennt der Regenwald genauso wie Griechland, werden jährlich 750 Millionen Tiere in Deutschland geschlachet. Und ganze Inselgruppen werden von Ozeanen verschluckt – mit ihnen die Heimat, die Kultur und die Erinnerungen.

Dabei sind gerade wir es, die der Zerstörungswut etwas entgegenzusetzen haben. Viele fürchten sich vor oder amüsieren sich über Verbote. Autofahrverbot, Fleischverbot, Flugverbot – doch ein Verzicht im privaten Bereich würde schon viel bewirken. Klamotten aus zweiter Hand statt dem zehnten H&M-Besuch im Jahr, offenes Obst statt Plastikverpackung, bewusstes Einkaufen statt unbewusstem Wegwerfen.

Die Abscheulichkeiten des Kapitalismus tragen wir so tief in uns, dass wir es gar nicht mehr merken. Für unsere Sucht brauchen wir dringend eine Langzeittherapie. Doch es gibt auch gute Nachrichten: Wir können uns in diesem seltenen Fall selbst therapieren.

Dieser Tage wird die Ampel sondiert, verhandelt, vorraussichtlich koaliert. Es besteht die Hoffnung, dass einiges in Bewegung gerät. Wer der Politik aber nicht zutraut, die großen Veränderungen voranzutreiben, sollte lieber sein eigenes Weltbild als den Planeten zerstören.