Glauben & Zweifeln

Mundschutz ja, Maulkorb nein: Maria 2.0 – Die Bewegung richtet sich an alle Menschen, die guten Willens sind

Martin Wrasmann Veröffentlicht am 21.03.2021
Mundschutz ja, Maulkorb nein: Maria 2.0 – Die Bewegung richtet sich an alle Menschen, die guten Willens sind

Ellen Klosterberg (von links), Monika Nortmann und Anna Blickwede halten die Thesen von Maria 2.0 auch in Gifhorn hoch.

Foto: Çağla Canıdar

Immer mehr Menschen wenden sich hierzulande von der katholischen Kirche ab. Die Missbrauchsskandale, die Rolle von Frauen in der Kirche, die Sexualmoral und das Verhältnis zur Homosexualität sind neben anderen oftmals Gründe für einen Austritt. Die Bewegung Maria 2.0 setzt seit dem Frühjahr 2019 klare Zeichen und Ansagen für einen Prozess der Beteiligung und Gleichberechtigung in der Kirche und hat sich Gehör und Respekt verschafft. Auch in Gifhorn haben sich Katholik*innen zusammengefunden, um die Grundgedanken von Maria 2.0 zu diskutieren. Anfang März wurden die sieben Thesen öffentlich auch in Gifhorn vorgestellt. Bald wird es geeignete Diskussionsforen geben. Martin Wrasmann ordnet die Bewegung in seiner Kolumne „Glauben & Zweifeln“ ein.

Es ist erst gut zwei Monate her, da stand sie noch im Mittelpunkt: Maria, die Heldin der Weihnachtsgeschichte, sie, die unter dramatischen Umständen den vom Volk Israel langersehnten Erlöser der Welt geboren hat. Diese Frau hat sich radikal für den Ruf Gottes entschieden und sich zum Gott des Volkes Israels bekannt, über den sie in ihrem großen Lobpreis, dem Magnificat, singt: „Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen.“

Diese Maria, die mit anderen Frauen an der Seite Jesu durch Israel zog und ihn in allen Höhen und Tiefen begleitet und beraten hat, hat sich die Bewegung Maria 2.0 zum Vorbild genommen. Die Frauen von Maria 2.0 halten es nicht mehr aus, in einem System mitzuwirken und zu gestalten, das die Rechte der Frauen mit Füßen tritt, wenn es um die Zulassung zu den Weiheämtern und zu wesentlichen Leitungsfunktionen geht.

Den engagierten Katholik*innen geht es um Beteiligung und Gleichberechtigung, um Gehör und Respekt in ihrer Kirche.

Foto: Çağla Canıdar

Sie erheben ihre Stimme und klagen an, dass die inneren Strukturen der katholischen Kirche so angelegt sind, dass scheinbar allein das Mann-sein Sonderrechte begründet, die über den Menschenrechten und über dem Grundgesetz stehen (These 1). Sie klagen weiterhin an, dass viel zu lange schon die katholische Kirche Tatort sexueller Gewalt ist und kirchliche Machthaber wie der Kölner Erzbischof Woelki immer noch wichtige Daten zu sexuellen Gewaltverbrechen zurückhalten und sich aus der Verantwortung stehlen (These 3). Auch Themen wie die Sexualmoral oder das Zölibat stehen auf der Agenda der Bewegung. Die Frauen von Maria 2.0 auch hier in Gifhorn betonen dabei immer wieder, dass sie einen offenen Diskurs innerhalb der Kirche fordern und deshalb gerade in der Kirche drin bleiben.

Ich ziehe meinen Hut vor den Initiator*innen, zu denen auch Männer gehören, vor allem davor, dass sie drin bleiben und nicht wortlos gehen, während viele andere oft aus Verzweiflung, aus Wut oder aus Traurigkeit ausgetreten sind.

Die Botschaft von Maria 2.0 in diesen Tagen lautet: Es wird Zeit, dass es Zeit wird, höchste Zeit. Die Botschaft von Maria 2.0 an die verantwortlichen Bischöfe in meiner Übersetzung heißt: Reißt mit allen Frauen und Männern guten Willens die Kirchenfenster und -türen auf – Lüften ist ja eh das Gebot der Stunde –, tauscht die Luftströme klerikaler Aerosole gegen den weichen Hauch des Heiligen Geistes, schenkt der Mutter Kirche ein in allen Bereichen wirkendes auch weibliches Gesicht. Hört auf, Euch in der medialen Öffentlichkeit der Lächerlichkeit preiszugeben, indem ihr mantrahaft verkündet und wiederholt: Wir haben verstanden. Dieser Satz versprüht nicht mal mehr die Kraft eines rein verbalen Verständnisses, geschweige denn die einer ernsthaften Bereitschaft zu grundlegenden Veränderungen.

Wenn eine heutige Theologie – auch noch von einigen Bischöfen vorgetragen – sich auf die These beschränkt, weil Jesus ein Mann war, dürften auch nur Männer in der amtlichen Nachfolge Jesu stehen, müsste man auch die Schlussfolgerung zulassen, dass nur Tischler (männlich) Priester werden dürften, weil schließlich Jesus der Sohn eines Zimmermanns war.

Es wird allerhöchste Zeit, und wir können Jesus Christus als dem Herrn der Kirche danken, dass wir noch die Zeit und vielleicht eine der letzten Chancen haben, miteinander das menschgewordene Antlitz der Kirche wieder zum Glänzen zu bringen. Die Gifhorner Frauen, die die Thesen von Maria 2.0 hochhalten, betonen immer wieder, dass hier in Gifhorn in der katholischen Kirche vieles möglich ist, für Frauen und Männer gleichermaßen, in ökumenischen, liturgischen, sozialen und kulturellen Bereichen, sie es aber so bitter leid sind, immer wieder in den Sog der Gesamtlage der katholischen Kirche zu geraten, und nicht mehr bereit sind, den Kopf hinzuhalten, für Dinge, die sie nicht zu verantworten haben. Darum werden sie die Auseinandersetzung und den öffentlichen Diskurs weiterführen, vielleicht bald mit einer öffentlichen Veranstaltung: „Wir lassen uns den Mund nicht verbieten.“ Ich jedenfalls bin froh, dass es hier in Gifhorn so viel mutige Menschen gibt, denen die Kirche als Ort der Erfahrung Gottes, als Ort der Gerechtigkeit und des gesellschaftlichen Zusammenhaltes nicht egal ist. Mir auch nicht!

Deshalb sollte sie, die Mutter Kirche, die an ihr haftenden Attitüden ablegen, Kirche als Hindernis, als Bremsklotz, als Störfaktor, als Fremdkörper, als rückwärtsgewandter Tanker, der aus keinem Hafen mehr herauskommt.

Die Kirche Jesu soll sein, so steht es geschrieben, die Hefe im Teig, das Licht der Welt, das Salz der Erde, die Stadt auf dem Berge, ein Herz und eine Seele, eine Schwimmerin gegen den Strom – aber nicht die Axt im Walde, das Haar in der Suppe, die Made im Speck, die, die mit Tätern unter einer Decke steckt, die ihre Hände in Unschuld wäscht, oder mit diesem Bild gesprochen: Weihrauch – was war das doch eine harmlose Sache, gegenüber der Art, wie sich heute eine gewisse Gruppe von Theologen und Bischöfen einzunebeln weiß.

Lesen Sie dazu auch:
Maria 2.0 – Die Bewegung erreicht Gifhorn

Martin Wrasmann, Pastoralreferent emeritus der St. Altfrid-Gemeinde in Gifhorn, schreibt die monatliche KURT-Kolumne „Glauben & Zweifeln“. Beipflichtungen wie auch Widerworte sind stets willkommen. Leserbriefe bitte an redaktion@kurt-gifhorn.de.